Loslassen heißt nicht fallen lassen

pupping120hpBr. Fritz Wenigwieser, Definitor im Franziskanerkloster Pupping hat einen sehr klaren Blick auf die Welt. Mit den Prinzipien Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hat er sich in den letzten Monaten besonders intensiv auseinandergesetzt. #GerechtigkeitGeht

 

Nach welchen Prinzipien lebt man im Kloster Pupping?

Wir sind ein offenes Kloster. Man sagt zwar auch, „Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht“, aber die Art und Weise wie wir heute hier leben und die Lebensform im früheren Kloster, als Klarissen hier in Klausur lebten, sind totale Pendants. Jeder ist heute eingeladen hier  mitzuleben, mitzuarbeiten und mitzubeten.
Es ist ein Unterschied, ob ich mich in ein Kloster zurückziehe und mich öffne, oder ob ich mich zurückziehe und mich verschließe. Das eine bedeutet Tod, Isolation, und das andere bedeutet Leben. Zurückziehen in ein Kloster heißt für mich, sich Freiraum geben, aber nur um sich zu öffnen. Gott gegenüber und den Menschen draußen, aber auch den Menschen, die hier miteinander leben.

Was stellt man sich vor unter „franziskanisch wirtschaften“?

Unser Ansatz ist es, aus Nichts etwas zu machen. Das ist unser urwirtschaftliches Prinz. Im Hinblick auf Schöpfung und Nachhaltigkeit führen uns unsere Überlegungen von der Ernährung bis hin zur ökologischen Restaurierung unseres Hauses. Aber es geht noch weiter, wir haben eine Photovoltaik-Anlage und ein Elektroauto. Der vorletzte Jesuitengeneral hat gewünscht, dass die Brüder mindestens 20% experimentieren. Ich habe das für mich in Anspruch genommen: Eigentlich ist es doch immer eine Sache der Orden, Wegbereiter zu sein für morgen. Wer hat denn mehr Chancen, mehr Möglichkeiten, um zwei Welten miteinander zu verbinden? Und das nenne ich Kreativität, denn Kreativität bedeutet für mich die Verbindung von 2 Punkten. Das ist eine sehr wichtige Dimension im Ordensleben.

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Regiert Geld die Welt?

Ich glaube Franziskus hat einen sehr radikalen Ansatz. Ob wir ihn heute durchhalten können, weiß ich nicht. Ich glaube, dass Geld die Welt regiert und dass wir eigentlich einem Zwang erliegen und gar nicht ausbrechen können. Franziskus hat sich diese Freiheit erlaubt, indem er den Franziskanern verboten hat, Geld zu nehmen, ja sogar Geld zu berühren. Er war sich bewusst, dass die ganze Welt ihm gehört, weil Gott sie geschaffen hat. Und weil er sich bewusst war, dass er aus der Fülle und nicht aus dem Mangel kommt, und weil er gespürt hat, dass er letzten Endes in Gott gehalten ist, ließ er den Geldschein los. Es geht nicht darum, völlig asketisch zu leben, sondern wir müssen lernen, reduzierter und anders zu leben. Es geht um den Blickwinkel und das ist natürlich ein Prozess. Franziskus hat in seiner Welt des Mangels das Leben abgelehnt und aus der Selbstablehnung hat sich eine sehr perfektionistische Armut entwickelt, die das Gegenteil von arm ist. Erst später erfuhr er, dass es um eine ganz andere Armut geht. Er hat durchschaut, dass das Geld nur aufgrund von Mangel funktioniert, dass Geld immer knapp sein und knapp gehalten werden muss. Wir haben zwar die Wahlfreiheit zu konsumieren, aber wir müssen dennoch konsumieren. Wenn ich jetzt sage, ich lebe franziskanisch verantwortlich in dieser heutigen Welt, dann sage ich nicht, dass wir kein Geld berühren sollen, sondern dass ich mir bewusst bin, dass ich aus dieser Freiheit, dieser Fülle heraus lebe und loslassen kann. Ich muss mich nicht anklammern und muss auch nicht unter der Angst leben , dass Loszulassen etwas mitFallenlassen zu tun hat.

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Wie soll man mit Zins umgehen?

Vielleicht ist die italienische Welt hier Vorreiter für ein Alternativprogramm. Im Mittelalter hat man am wenigsten gearbeitet, man hatte die meisten Festtage und man hat im Vergleich zu heute am meisten Geld gehabt. Man hat die größten Kirchen gebaut und den Menschen ist es am besten gegangen. Warum? Weil man Geld nicht horten durfte, es war im Umfluss und dadurch kam es zu einer ganz anderen Wirtschaftsentwicklung. Ich denke, das ist vielleicht die ganze Tragik in der Kirchengeschichte oder in unserer heutigen Welt. Vielleicht auch im Zusammenhang mit den Juden, weil sie damals Zins nehmen durften. Darin liegt eine sehr tiefe Problematik und eigentlich denke ich, müssten wir gegen den Zins sein. Wir sind auf der Suche nach alternativen Banken, ja nach Möglichkeiten keinen Zins zu nehmen und das ist eine gewaltige Herausforderung Aber es ist sehr wichtig, denn sonst bleibt man in dieser Spirale, in diesem Kreislauf der Geldwirtschaft hängen.

 

 >>Das Gute ist immer die Konsequenz eines sinnvollen Lebens.<<

 

Sind Menschen  egoistische oder gemeinschaftliche Wesen?

Hier müssen wir die Frage nach Narzissmus stellen. Und ich verstehe es so: Der Narzisst versucht verzweifelt zu lieben und kann sich nicht lieben. Das ist die Tragik einer narzisstischen Persönlichkeit. Nur der, der sich selbst gefunden hat, kann aus diesem Gefängnis ausbrechen und kann sich auf den anderen Menschen ganz neu einlassen. Aber man kann sich nur selbst finden, wenn man ein Du bzw. ein Gegenüber anerkennt, weil man in dieser Begegnung mit dem Du letztendlich zu sich selbst findet. Es geht immer um einen Spannungsbogen zwischen Egoismus und Gemeinschaft den wir austarieren müssen. Und ich denke, wenn einer sich wirklich bewusst ist, dass er das Wesentliche in seinem Leben geschenkt bekommen hat, dann wird er es automatisch mit anderen teilen. Wenn ich überfließe, weil ich mir der Fülle Gottes bewusst bin, geht es gar nicht anders, als das mit andern Menschen zu teilen.

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Was ist ein gutes Leben?

 

Wenn ich unbedingt versuche, gut zu leben oder glücklich zu sein, werde ich wahrscheinlich der unglücklichste Mensch. Das Gute oder das Glück erfahre und empfinde ich, weil ich Werte lebe, weil ich ein wertvolles Leben führe. Wenn ich meinen Alltag als gut und schön erfahre, erlebe ich Glück. Würde ich diese Werte direkt anstreben, dann würde ich mich im Unguten oder im Unglücklichen wiederfinden. Das Entscheidende sind Rhythmus und Balance: Wie kann ich zwischen Gebet und Arbeit, wie kann ich zwischen der Einsamkeit und dem Gemeinschaftsleben, wie kann ich zwischen meiner Alltagswelt und den tiefen Fragen, die die Menschen bewegen, eine Balance halten? Wenn ich diese Balance halte, ist das Gute automatisch hier und ich brauche es nicht zu suchen. Das Gute ist immer die Konsequenz eines sinnvollen Lebens. Die Frage nach dem Guten, dem sinnvollen Heute ist immer die Konsequenz einer Orientierung. Wenn ich sie in meinem Leben gefunden habe, habe ich auch den Sinn gefunden. Und wenn ich die Orientierung in meinem Leben verloren habe, habe ich auch den Sinn verloren. 

Dieser Film zeigt das Shalomkloster Pupping. #GerechtigkeitGeht

[msc]

 

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