Paddelboote können schneller wenden

20170511 r luftensteiner 120Am 10. Mai 2017 fand in Linz der Informationstag für Schulerhalterinnen und Schulerhalter von katholischen Privatschulen statt. Im Mittelpunkt der Tagung standen die neue Bildungsreform und der laufende Change-Prozess der Ordensschulen. Rudolf Luftensteiner, Leiter des Bildungsreferats der Ordensgemeinschaften Österreich, fasst den Tagungsinhalt im Gespräch zusammen.

Wo sind die Ordensschulen in der neuen Bildungsreform besonders betroffen?

Rudolf Luftensteiner: Ein Themenschwerpunkt war vor allem die Frage der Cluster, weil Ordensschulen und öffentliche Schulen nicht gemeinsam in eine Clusterung gehen können. Diese Thematik beschäftigt uns natürlich sehr. Auch die Frage der zukünftigen Leiterinnen und Leiter, weil in der neuen Bildungsreform ein gravierender Wechsel passieren soll, den wir sehr kritisch sehen. Bis jetzt war die Direktorin oder der Direktor immer die oder der pädagogische Leiterin bzw. Leiter. Clusterleiter werden aber administrative Leiter, und das ist in der Funktion eine gravierende Änderung.

Eine der Stärken von Ordensschulen ist die sehr intensive Arbeit für und mit den Kindern. Uns kennzeichnet ein sehr starker personalorientierter Einsatz und nicht ein administrativer; das betrachten wir nicht als Business as usual; unser Fokus liegt ganz klar beim Kind. In der Pädagogik sind wir davon überzeugt, dass der Fokus am Kind nur in der Beziehung gelingen kann. Beziehung geht aber nicht über Administration, Beziehung geht über Personen. Und dieser Wechsel macht uns ganz große Sorge.

Ein weiteres großes Thema war der Change-Prozess der Ordensschulen.

Wir haben die Situation, dass aufgrund des starken Rückganges der Ordensgemeinschaften auch in der Ordensschullandschaft eine starke Veränderung passiert. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Frage, ob Ordensschulen ohne Ordensleute Zukunft haben. Und da kann ich sagen, dass wir ganz fest daran glauben.

Was ist dafür Voraussetzung?

Das Ordenscharisma muss in einer Ordensschule vielfältig sichtbar und lebendig werden. Religion muss eine zentrale Rolle spielen auf einer Ordensschule. Das sind die zwei wichtigsten Punkte. In der Veränderung sieht man das sehr deutlich; wir hatten zum Beispiel im Jahre 1997 noch 99 Direktorinnen und Direktoren, die Ordensleute waren. Heute, im Jahr 2017, sind es nur mehr acht Personen. Oder eine andere Zahl, die man nennen kann: Im Jahre 1954 waren 44 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen noch Ordensmitglieder oder Priester. Heute sind es nur mehr einzelne, die in der Schule mitarbeiten können.

Klar ist: Veränderung passiert immer. Die Gesellschaft verändert sich; die Schulen verändern sich. Aber der Change, dass Ordensschulen auch ohne Ordensleute eine Ordensschule bleibt, kann nur gelingen, wenn dieser Wandel sehr bewusst gestaltet und organisiert wird. Ansonsten ist das nicht möglich. Und diesen Change, da sind wir gemeinsam am Überlegen und Beraten, welche strukturellen Parameter das braucht.

Vor allem die inhaltliche Frage, wie Ordenscharisma von Laien weitergetragen werden kann, wird die größte Herausforderung sein?

Auf alle Fälle. Es ist eine ganz gravierende Frage. Und dazu kommt auch die Frage: Wer schaut in Zukunft darauf, dass einen Ordensschule das jeweilige Ordenscharisma lebendig hält. Dass es nicht verkommt zu einer Ökonomisierung, wie wir es bei den öffentlichen Schulen haben. Eine der großen Segenseinrichtungen, die wir bei katholischen Privatschulen gegenüber dem öffentlichen Schulwesen haben, ist ja, dass dieses in den letzten Jahrzehnten extrem ökonomisiert wurde. Die katholische Privatschule hat die Chance – und die hat sie auch schon in der Vergangenheit genutzt - wirklich auf das Kind, die Pädagogik und die Beziehung zu schauen.

Wenn jetzt die Orden verschwinden, dann bleibt die große Frage, wie können wir es schaffen, strukturell, organisationstechnisch, dass nicht die Damen und Herren, die den Rechenstift führen, die Entscheider über Schulqualität und Schulentwicklung sind, sondern dass es die Pädagoginnen und Pädagogen bleiben, die das Charisma des Gründerordens weiterzuverbreiten.

Darauf verwenden wir ganz viel Energie und Hirnschmalz. Und bekommen auch externer Unterstützung. Wir haben eine Fachreferentin, Frau Mag.a Gerhild Deutinger, die uns in der Frage berät, wie kann Change gelingen. Wir haben von ihr gestern ganz dick ins Stammbuch geschrieben bekommen: Change gehört gestaltet. Und ein zweiter Satz, der mir sehr hängen geblieben ist: Wenn Change gelingen soll, erhöhen Sie die Kommunikation um 1000 Prozent. Wandlungsprozesse misslingen, weil zu wenig kommuniziert wird und weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu wenig eingebunden werden.

Natürlich stellt das für Ordensschulen eine starke Herausforderung dar, schließlich waren die Ordensgemeinschaften in sich ein geschlossener Familienbetrieb. Dieser bricht auf, weil plötzlich andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da sind. Die Herausforderung ist, wie hier Kommunikationsstrukturen gelingen können.

Laien übernehmen die Aufgaben von Ordensleuten in spiritueller und organisatorischer Hinsicht. Braucht es trotz allem für ein Ordenscharisma nicht Ordensleute?

Ich denke, dass ein Ordenscharisma in zwei Formen weitergetragen werden kann: Entweder in Form der Ordensfrau oder des Ordensmanns, oder sehr wohl auch durch Laien, die sich diesem Charisma verpflichtet fühlen und weitragen. Die schöne Aufgabe, die ich heute vor mir sehe, ist, dass wir diese Laien darin unterstützen, wie sie ihr Alltagsleben, ihre Pädagogik von diesem Charisma befruchten lassen können. Das ist wesentlich.

Viele Menschen haben sich durch das Geschenk der Orden bereichern lassen – auch in ihrem Christsein. Wirklich neu ist, dass Laien die tragende Rolle bei der Vermittlung dieses Charismas bekommen. In der Ordenstradition sehe ich es früher in den dritten Orden. Da war es institutionalisiert, nur der Rahmen des dritten Ordens ist für das, was jetzt in der Schullandschaft passiert, ein zu enger Rahmen. Neue Weine verlangen neue Schläuche, fällt mir dazu vom biblischen Wort ein. Ich sehe ein sehr starkes Wirken Gottes in unseren Schulen, und ich sehe auch noch die Kraft eines Franziskus oder eines Ignatius von Loyola wirken. Aber wir müssen neue Wege gehen, dass ist der springende Punkt. Und das stand auch im Fokus dieser Tagung.

Das heißt, die handelnden Personen müssen sehr stark mit dem jeweiligen Orden verbunden sein. Um eine gewisse Spiritualität zu vermitteln, genügt es sicher nicht, ein Wochenende in einem Kloster zu verbringen …

Ja, und sie müssen auch neue Muster finden, wie das gelebt werden kann; wie man das durch die Fortbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen kann. Da sind wir auch sehr intensiv am Arbeiten; das ist Work in progress. In diesem ganzen Veränderungsprozess ist die Autonomie der Schulen ganz wesentlich ist, weil das ja auch einer der Vorteile von Ordensschulen ist. Weil diese Kleinstrukturiertheit die Chance geboten hat, viel schneller auf Veränderungen zu reagieren oder Neues auszuprobieren, im Gegensatz zu großen diözesanen Institutionen. Ein großer Ozeandampfer braucht viel länger, bis er seinen Kurs ändert. Ein kleines Paddelboot kann das ruckzuck machen. Und genau so ist das in der Schulstruktur. Autonomie ist hier etwas ganz, ganz Wichtiges. Trotzdem gibt es ein gemeinsames Lernen, weil alle Ordensschulen vor der Problematik stehen, dass der Ordensnachwuchs sehr stark abgenommen hat.

Danke für das Gespräch.

[rs]

 

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