Ein großes Plus für alle

S 6 Prim. Ronaghi 120 Helge BauerPatientInnen und BewohnerInnen aus unterschiedlichen Sprach- und Lebenswelten und Ärzte und Pflegepersonal aus vielfältigen Kulturkreisen. Das gehört heute in den österreichischen Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen zum Alltag. Zwei Beispiele aus Ordenseinrichtungen im neuen Heft der ON Ordensnachrichten zeigen: Es kann spannend und förderlich sein, denn #FremdesBereichert.

Vielfalt kommt allen zugute 

„In unseren Häusern kann man schwer von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund sprechen“, berichtet Mag. Michael Steiner, Geschäftsführer des Elisabethinenkrankenhauses in Klagenfurt und des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in St. Veit an der Glan. Die meisten Mitarbeiter seien schon 15 bis 20 Dienstjahre in den Spitälern tätig. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 und dem Jugoslawienkrieg in den Neunzigerjahren seien Menschen aus den Ostblockländern und Ex-Jugoslawien aufgenommen worden. Die sind aber „keine Fremden mehr, sondern schon längst voll integriert und fest verankert in unserem Kulturkreis“. Der Prozentanteil der jetzigen Mitarbeiter mit Migrationshintergrund liege „im einstelligen Bereich“, sagt Steiner. Doch selbst wenn es wenige Mitarbeiter aus einem anderen Sprach- und Migrationshintergrund sind, sie können bei sprachlichen Verständigungsproblemen helfen. „Und wir profitieren von der Mehrsprachigkeit einiger Mitarbeiter“, ist Steiner überzeugt. Während der großen Flüchtlingswelle 2015 fungierte etwa Primarius Dr. Freydun Ronaghi, Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in St. Veit/Glan mit persischem Hintergrund und Farsi-Kenntnissen, im Berufsalltag als Dolmetscher und stand Schwangeren und Gebärenden in dieser besonderen Lebenssituation aufklärend, vernetzend und unterstützend zur Seite. Besonders beliebt ist auch Krankenhaus- Seelsorger Pfarrer Joseph Tombért. Gemeinsam mit neun Geschwistern wuchs er in Point-Noire in der Republik Kongo auf, mit Französisch als Muttersprache. Täglich um 18.30 Uhr zelebriert er in der Krankenhauskapelle in St. Veit eine Heilige Messe, die von vielen Menschen gerne besucht wird. „Im Sinne der Hospitalität sehen wir internationale Mitarbeiter als Bereicherung an“, so Steiner. Wenn alle Beteiligten viel Offenheit, Kontaktfreude und Engagement mitbringen, „kommt die multikulturelle Vielfalt der Mitarbeiter nicht nur den PatientInnen zugute, sie wird von allen Seiten als Plus wahrgenommen und gewürdigt“. 

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Eine Bereicherung nicht nur für das Ärzte- und Pflegeteam sowie für die PatientInnen des Ordensspitals der Barmherzigen Brüder in St. Veit an der Glan, sondern auch für die Flüchtlinge und deren besondere Lebenssituation: Prim. Dr. Freydun Ronaghi, MBA. Foto: Helge Bauer

Offensein zählt 

In den Einrichtungen der Caritas Socialis sind 912 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt; davon haben 623 die österreichische Staatsbürgerschaft und 289 eine andere Nationalität. Knapp 30 Prozent aller MitarbeiterInnen hat einen Migrationshintergrund. „Unsere Pflege- und Betreuungsangebote könnten wir ohne diese MitarbeiterInnen gar nicht aufrecht erhalten“, sagt Sr. Maria Judith Tappeiner CS, stv. Vorstandsvorsitzende der CS Caritas Socialis Privatstiftung. „Wir erleben die Vielfalt unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als wertvolle Bereicherung und sind dankbar dafür.“ Was zählt für den Umgang miteinander? Sr. Judith: „Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – vor allem, dass man offen ist, neugierig bleibt und voneinander lernt.“ 

Im CS-Pflegezentrum der Caritas Socialis in der Pramergasse im 9. Wiener Gemeindebezirk leben im Wohnbereich Elia 23 Frauen und Männer, 12 davon auf der Demenzstation. Betreut und gepflegt werden sie von einem Team von 23 diplomierten Gesundheits- und KrankenpflegerInnen und PflegeassistentInnen. Davon haben 8 einen Migrationshintergrund. Eine von ihnen ist Seema Maqsoudi. Sie stammt aus Afghanistan. Nachdem ihr Vater 1984 wegen des Bürgerkrieges seine Heimat verlassen und in Österreich Zuflucht gefunden hatte, kam auch Seema 1992 nach Österreich. Nach dem Ende der Pflichtschulzeit machte sie in der Krankenpflegeschule der Barmherzigen Brüder die Ausbildung zur Pflegeassistentin und Altenbetreuerin. Zunächst war sie von 2001 – mit Unterbrechungen der Karenzzeit – bis 2009 bei der Caritas angestellt, seit März 2011 ist sie Mitarbeiterin im CSPflegezentrum in der Pramergasse.

Seema ist verheiratet und hat drei Kinder. In der Familie wird die Muttersprache Dari gesprochen, „die Kinder sprechen teilweise mit mir auch Deutsch“. Was bedeutet es für sie, in einem Team mit so vielen verschiedenen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Nationen zu arbeiten? „Ich arbeite gern im Team, bin flexibel und passe mich an. Und da ich ein offener Mensch bin, habe ich nie Schwierigkeiten mit anderen Mitarbeiterinnen gehabt.“ Auch von BewohnerInnen oder deren Angehörigen habe sie nie Ablehnung erfahren, sie hat „einen guten Draht“ zu ihnen. Gern erinnert sich Seema an eine Bewohnerin, mit der sie sich, als deren Gesundheitszustand noch besser war, über vieles unterhalten hat. „Diese Frau hat über meine Heimat mehr gewusst als ich.“

Für einen Bewohner und das Pflegeteam ist Seema in letzter Zeit in besonderer Weise zu einer Bereicherung geworden. Vor einiger Zeit ist Herr L. ins Pflegezentrum eingezogen. Die Familie hat ihre Heimat China früh verlassen und sich in Indien, an der Grenze zu Pakistan, eine Existenz aufgebaut. Dort haben sie ein Unternehmen geführt, dessen Geschäftsführer Herr L. bis zu seiner Pensionierung war. In der Pension kam er zu seinen Töchtern nach Wien, wurde krank und übersiedelte ins Pflegezentrum. Da er nur wenige Brocken Englisch spricht, konnte sich niemand recht mit ihm unterhalten. Zwar gibt es im Pflegeteam eine Mitarbeiterin, die aus China stammt, aber mit Herrn L. konnte auch sie sich nicht verständigen. Die einzige, der es gelang, mit Herrn L. zu sprechen, war Seema. Sie erklärt, warum: „Ich habe vor vielen Jahren drei Monate in Indien gelebt, in jenem Gebiet, in dem auch Herr L. sein Unternehmen hatte. Und in dieser Zeit habe ich Urdu gelernt und das Wesentliche behalten.“ 

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Herr L. freut sich über jede Begegnung mit Seema Maqsoudi. Sie ist seine Bezugspflegende, mit ihr gibt es keine Verständigungsprobleme. Foto: Eva Marakovits

Sprachkenntnisse als Ressource 

Das Thema Alter und Migration wird in Zukunft eine größere Rolle spielen und eine wesentliche Herausforderung für alle Pflegeeinrichtungen sein. Vor allem, wenn es um Demenzerkrankungen und den damit oft verbundenen Verlust der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit geht, sind Mitarbeiterinnen gefragt, die die Muttersprache der BewohnerInnen und PatientInnen kennen und sprechen. In den Einrichtungen der Caritas Socialis werden gerade die Sprachkenntnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfasst. Denn diese werden als Ressource für den Pflegealltag an Bedeutung gewinnen, um Kontakt zu den BewohnerInnen zu finden und kommunizieren zu können. Seema hat sich als Dolmetscherin für drei Sprachen gemeldet: Dari, Paschtu und Urdu. 

[hw] 

 

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