Welche Zukunft hat unsere Vergangenheit

120 podium IMG 7273In einer Podiumsdiskussion bei der Archivtagung 2015 klärte Helga Penz, Leiterin des Referates für Kulturgüter der Ordensgemenschaften Österreich, die Zukunftsfragen, Trends und Visionen im Archivwesen mit Irmgard Becker von der Archivschule Marburg, Heinrich Berg vom Wiener Stadt- und Landesarchiv und Peter Pfister vom Archiv des Erzbistums München und Freising

 

„Die digitale Welt ist unsere größte Herausforderung“. Irmgard Becker ist Vorsitzende des Verbandes deutscher ArchivarInnen und leitet die Archivschule Marburg: „Diese Herausforderung wurde von den Archiven lange nicht zur Kenntnis genommen. Die großen Archive tun es und die kleinen tun es nicht. So entsteht eine gewisse Spaltung unter den Archiven.“ Durch die neuen Technologien entstehen neue Quellengattungen, „die wir neu einordnen müssen“. Becker sieht in der Datenbank die technische Quelle für die Zukunft. Die klassischen Hilfsmittel reichen nicht mehr aus. Außerdem sieht sie: „Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit wird sich ganz neu stellen. Neue Medien wie Blogs werden unsere Archivlandschaft fundamental verändern.“ Aus diesem Grunde sieht sie zentral, „menschliche Kompetenzen zu stärken und das politische Denken fördern“. Die Anliegen der Archive müssen in politischer Sprache dargestellt werden können. „Das hat gravierende Auswirkungen auf unsere Ausbildungen.“

6 podium IMG 7280

vlnr: Heinricht Berg, Helga Penz, Irmgard Becker und Peter Pfister

Ökonomisierung verändert Abläufe

Peter Pfister war Vorsitzender der kirchlichen Archive Deutschlands und ist Direktor des Archivs der Erzdözese München-Freising: „ In Deutschland gibt es 170 Ordensarchive und 30 Diözesanarchive und einige überregionale Archive. Die Popularisieurng und Utilitarisierung erfasst die Ordensarchive.“ Pfister sieht aus diesem Trend kommend die neuen Herausforderungen: „ Es geht darum, den breiten Nutzen darzustellen. Archive haben pastorale Aufgabe.“ Die Maxime der Wirtschaftlichkeit ist auch in die Archive vorgedrungen. „Die Ökonomisierung verändert alle Abläufe und die Möglichkeiten der Nutzung.“ In der Aktualisierung sieht Pfister einen wesentlichen Grundauftrag: „Zeitgeschichte ist ein wichtiger Bereich der Archive.“ Das zeigt sich bei Themen wie Zwangsarbeit oder in der Missbrauchsdebatte. „Dort spielen Ordensarchive eine große Aufarbeitungsrolle.“

7 podium IMG 7280

Recht auf Vergessen stellt Archivarbeit in Frage

„Was sind Archive?“, fragt Heinrich Berg, Professor für Archivwissenschaften und Archivar am Stadtarchiv in Wien in die Runde: „Der Boten geht vom Archiv der Träume bis zum Risk Management.“ Berg sieht, „dass in den letzten Jahren alles verrechtlicht wurde. Nutzerinteressen und Datenschutz wurden vorrangig.“ Berg sieht im Recht auf Vergessen, das vor allem aus den Sozialen Medien kommt, eine Infragestellung: „Es gibt eine Bedrohung der Vergangenheit durch das Recht auf Vergessen. Wir wollen der Zukunft etwas überliefern und daher müssen wir uns mit diesem neuen Anspruch intensiv auseinandersetzen. Das geordnete Erinnern und Vergessen ist unser Leitspruch.“

In Zukunft Medienkompetenz

Helga Penz fragt nach über Nützlichkeit und dem Image der Archive. Sollen wir Kabarett in das Archiv tragen? Die Benützer haben sich verändert. Was wollen wir mit den neuen Nutzern ? Die Podiumsrunde ist sich einig: „Es gibt verschiedene Trends wie die Archivpädagogik. Heute kommen auch Kinder und das ist gut so. Senioren wollen mehr wissen, suchen eine sinnvolle Beschäftigung. Sie wollen mitarbeiten. Ehrenamtliche dürfen aber das Stammpersonal nicht ersetzen.“ Es geht heute Bildungsauftrag zum Vermittlungsauftrag. Archive sind Teil der politischen Bildungsarbeit. Das bedeutet, dass Archive eine neue Öffentlichkeitsarbeit etnwickeln. Pfister stellt sein Credo so vor: „Komm und sieh.“ Das sieht er als „Prinzip der Begegnung“. Berg sieht eine neue Anspruchsgruppe: „Das sind heute „Betroffene“. Da ist nicht Zeitgeschichte, sondern Betroffenheit. Das braucht eine neue Form der Zwischenarchivierung“. Berg sieht dafür „Zwischen-Wikis mit den indirekten Zugriff auf das Archivsystem“. So fließt Archiv-Wissen und Schwarm-Wissen zusammen und kann ergänzend genutzt werden. Für die Zukunft wird es noch entscheidender, „Kompetenzen noch viel stärker zu vernetzen und diese auszutauschen. Die Communio der Kirchenarchivare muss noch wesentlich mehr ausgeprägt werden.“ Und Becker sieht in und bei den ArchivarInnen  vor allem Medienkompetenz: „Besonders auch in Zukunft.“5 plenum2 IMG 7280

Hier finden sie das Video von der Podiumsdiskussion.

Foto in Druckqualität (Credit: Medienbüro)

Weitere Berichte der Ordensarchivtagung: 
Aus den Ordensarchiven kann Widerstand wachsen
Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft

[fk]