Keine Krisenzeit des Ordensstands, sondern Rückweg zum Normalfall

2016 04 28 helga penz 120„Ein Zeitphänomen geht zu Ende“, beschreibt Helga Penz, Historikerin und Kulturreferentin der Ordensgemeinschaften, die Schrumpfung der Ordensgemeinschaften. Anlass war das 50-jährige Jubiläum der Vereinigung der Frauenorden.

Die Anzahl der Ordensfrauen verzehnfachte sich zwischen 1830 und 1930, zeigt der Blick in die Geschichte der Frauenorden und Kongregationen, den Helga Penz am 29. April 2016 in Innsbruck gewährte. Die Leiterin des Referats für Kultur und Geschichte stellte anhand historischer Aufzeichnungen dar, dass es von der Gegenreformation bis ins beginnende 19. Jahrhundert nie mehr als 500 bis 700 Ordensfrauen auf dem Gebiet des heutigen Österreich gegeben hatte. „Wir sind auf dem Rückweg zum Normalfall, nicht in einer außergewöhnlichen Krisenzeit des Ordensstands“, rückt die Historikerin den Blick auf gegenwärtige Vorgänge zurecht. Dennoch bleibe ein Schmerz in vielen Gemeinschaften, der sich in den letzten Jahrzehnten auch in Schuldzuweisungen geäußert habe. Die hedonistische Jugend, der materialistische Zeitgeist gehörten zu den Dämonen, die beschworen wurden.

Helga Penz nützte die Kraft der Archive, um die Geschichte der Vereinigung der Frauenorden (VFÖ) seit ihrer Gründung vor 50 Jahren darzustellen. „Was vor 50 Jahren vergraben wurde, wieder auszugraben, war mein Ziel. Wir können diese Zeugnisse mit den Erinnerungen der Zeitzeuginnen vergleichen.“ Viele der 300 Ordensfrauen, die ihrem Vortrag lauschten, hatten die Gründung der VFÖ am 19. Februar 1966 bereits als Ordensfrauen erlebt. Das offizielle Gründungsdatum war das Ergebnis einer jahrelangen Vorgeschichte. Diese prägten Namen wie Sr. Tarcisia Meyer von der Caritas Socialis, Mater Hedwig Krause von den Englischen Fräulein, aber auch Erzbischof Andreas Rohracher, der Kamillianer P. Robert Svoboda und der Jesuit P. Herbert Roth.

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Helga Penz, Leiterin des Referats für Kultur und Geschichte der Ordensgemeinschaften Österreich. (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Reinhold Sigl

Zusammenschluss wurde nicht gern gesehen

P. Robert Svoboda leitete die 1938 gegründete „Katholische Schwesternschaft Österreichs“, die auf einen internationalen Krankenschwesternkongress in Rom 1936 zurückging. Auch während der NS-Zeit trafen sich Oberinnen rund um P. Svoboda. 1947 löste der „Ordensrat“ die lose Oberinnenvereinigung als Vertretung der in der Pflege tätigen Ordensfrauen ab. Das Engagement Pater Svobodas für die Vernetzung und Fortbildung für Ordensfrauen (zum Beispiel Werkwochen für Novizinnenmeisterinnen) wurde von Erzbischof Rohracher nicht gerne gesehen. Rohracher erhielt 1948 als Salzburger Erzbischof den päpstlichen Auftrag, die „durch den großen Krieg gänzlich zerrüttete Ordensdisziplin“ wiederherzustellen. Die Bestrebungen P. Svobodas erschienen ihm dafür nicht geeignet.

Die widersprüchlichen Bemühungen der beiden Kleriker machen auch deutlich, wie sehr die Frauenorden bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil unter der Leitung von Priestern standen. Damit schien es laufend Probleme zu geben, denn Penz fand in ihren Forschungen die wiederholte Bitte von Seiten der Frauenorden an die Religiosenkongregation bzw. den Apostolischen Visitator Erzbischof Rohracher, für die Ausbildung von Priestern zu sorgen, die für die Leitung von Frauenorden zuständig waren.

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Helga Penz, Leiterin des Referats für Kultur und Geschichte der Ordensgemeinschaften Österreich. (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Ferdinand Kaineder

Dass die Vereinigung der Frauenorden in ihren ersten Jahrzehnten sehr bestrebt war, von der Superiorenkonferenz unabhängig zu handeln, rührt wohl von dieser leidvollen Geschichte der Ordensfrauen mit ihren vorgesetzten Priestern her. Eine Zusammenarbeit geschah nie auf Augenhöhe, sondern immer mit dem hierarchischen Gefälle. Vielleicht ist es so zu interpretieren, dass Sr. Tarcisia Meyer als erste, langjährige Vorsitzende der VFÖ die Kooperation mit der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften tunlichst vermied.

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Partnerschaftliche Zusammenarbeit

Die Entwicklung der Jahre 2010 bis 2016 zeigt, dass die Geschichte weitergegangen ist, dass eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auch zwischen Ordensfrauen und Ordensmännern, zwischen Frauenorden und Männerorden möglich und sinnvoll ist. Helga Penz meint im Blick auf die Geschichte: „Was vor 50 Jahren unmöglich und als Ausnahme erschien, ist uns heute eine Selbstverständlichkeit. Das sollte uns Gelassenheit geben für die Zukunft der Frauenorden.“

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Ergänzende Artikel:
* Impulse für ein widerständiges Leben
* Der inhaltliche Fokus des Jubilaeumsfestes der Frauenorden liegt auf Erneuerung und Aufbruch
* 50-Jahr-Jubilaeum der Vereinigung der Frauenorden startete mit der Buchpräsentation
* Das 50-Jahr-Jubilaeum "gottverbunden|freigespielt" der Frauenorden in Österreich in Innsbruck hat volle Fahrt aufgenommen
* Geschichte und Personen der Vereinigung der Frauenorden Österreichs

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