Zechmeister: Einfach menschlich – so wie Jesus

120 Zechmeister IMG 8664Sr. Dr. Martha Zechmeister aus San Salvador, dort Universitätsprofessorin für systematische Theologie und Mitglied der Congregatio Jesu, hielt beim Festakt zum 50-Jahrjubiläum der Vereinigung der Frauenorden am 30. April 2016 in Innsbruck den Festvortrag: „Orden sind ein Trick des Heiligen Geistes.“

 

„Ordensleben wird in Europa zur Randerscheinung, wir werden zur Fussnote werden. Es scheint, als hätten wir Ordensleute unsere Mystik verloren. Zurück zu den Gründern reicht heute nicht aus. Die Krise ist dauerhafter.“ So schildert die aus Österreich stammende Ordensfrau die Situation vor mehr als 300 Ordensfrauen und Gästen beim Festakt in der Pfarrkirche Saggen. Unter den Gästen Diözesanadministrator Jakob Bürgler, Bischof em. Maximilian Aichern, der Wiltener Abt Raimund Schreier, der Generalsekretär der Bischofskonferenz Peter Schipka, die Österreichvorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Veronika Pernsteiner und die Direktorin der Katholischen Sozialakademie Magdalena Holztrattner.

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Was braucht es?

Zechmeister sieht als heutige Herausforderung die radikale Umkehr zum Fundament „allen Christseins“ und allen Ordenslebens: Jesus Christus. Christentum ist vom Ursprung her keine Mönchsreligion. Es brauchte Jahrhunderte, bis auch im Christentum das Ordensleben entstanden ist. Die Entstehung war geprägt von der Gnosis, einer gewissen Weltflucht. Mönche tauchten in dem Moment der Kirchengeschichte auf, als die Kirche Imperium wurde.

„Das Christentum war eigentlich eine Jugendrevolte. Jesus und sein Jünger riskierten ihr Leben für die Ausgegrenzten, die am Rande. Und Mönche tauchten als Korrektur auf, als die Kirche als Märtyrerkirche ihr Wesen verloren hat und sich hin zur Imperiumkirche entwickelte". Zechmeister: „Das Ordensleben ist der Stachel, der es verbietet, bürgerliche Kirche mit den Mächtigen zu sein. Wenn das Ordensleben keinen Skandal mehr zu produzieren vermag, in oder außerhalb der Kirche, läuft etwas schief. Papst Franziskus sagt: Stiftet Unruhe.“

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Ungeschminkter Bezug zur Wirklichkeit

„An den Brüchen und Umbrüchen der Kulturen kommt durch die Geschichte auch die jeweilige Gestalt der Kirche an ihr Ende. Wenn Umbruch ansteht, taugen die alten Rezepte nichts mehr. Die Orden haben sich im Laufe der Geschichte oft als „Trick des Heiligen Geistes herausgestellt. Wir haben vielfach den Bezug zu den heutigen wirklichen Lebensrealitäten verloren.“ Das konstatiert die Theologin angesichts der vielen Versuche, „sich christlicher Identität zu versichern“. Das ist zum Scheitern verurteilt. „Die Kirche hat nicht eine Sendung, sie ist Sendung. Es gibt keine Weitergabe des Evangliums ohne sich ihm hinzugeben. Kirche ist wesentlich ,ex-zentrisch'  - und Ordensleute sind gerufen, die institutionalisierte Form der gefährlichen Erinnerung zu sein. Erinnerung daran, was es bedeutet Christ zu sein und zur Gemeinschaft Jesu zu gehören. Es geht um Mitleidenschaft, Compassion.“

Das braucht die Mystik der offenen Augen. Das erfordert Beziehungsfähigkeit. „Der Kontext ist real und verändert uns selber. Beispiel: Sich als Mensch den Menschen der Migrantenströmen auszusetzen, wird uns verändern. Und: Die erste Begegnung mit Gott geschieht im Zusammenprall mit der Wirklichkeit, an der harten und oft brutalen Realität. Vorgefasste Ideen von Gott zerbrechen so. Alles ist relativ, außer Gott und der Hunger.“ Zechmeister benennt die Gefahren des Christseins und des Ordenslebens: Auf Gott stösst man nicht, auch wenn man noch so tief in den Schächten der eigenen menschlichen Seele sucht.“

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Widersprüche und Ränder als Lebensorte

„Schau hin und du weißt, was du zu tun hast. Es gilt, sich in den Widersprüchen der Gesellschaft anzusiedeln. Menschsein, Christsein, Ordensfrau sein bedeutet, nicht aufzuhören, gegen alle totbringenden Mächte anzuhoffen und anzulieben.“ Zechmeister sieht im „Christusförmig-Sein in Solidarität“ den besonderen Auftrag von Christinnen und Christen: „Der Christ wird arm sein und bis in die Eingeweide mit den Armen verbunden. Keiner kann Gott suchen, ohne für eine gerechte Welt zu kämpfen. Erkennen heißt Hingabe an den anderen. Die Wahrheit füht zum Tun, dem Kampf.“ Eine Situation ist heute nie neutral und deshalb heisst es, alle Energien zu mobilisieren, um wie Jesus zu handeln. „Unser Handeln mit dem Handeln Jesu in Einklang zu bringen, uns einzustimmen auf die Weise Jesu. Sich auf Jesus hinzutransformieren, weckt alle unsere Potentiale und entfremdet uns nicht.“

Zechmeister fragt: Wo ist unser ganzer Gehorsam gefragt und fordert unsere Existenz? „Es ist die Autorität der Leidenden. Darüber gibt es keine Instanz. Es ist die vornehmste Aufgabe des Ordenslebens, sich dieser Autorität zu unterwerfen und sie prophetisch einzumahnen. Das Zentrum wird die Peripherie. Von den Rändern her bricht das Neue an. Sendung ist heute eine Bewegung zu den Rändern, den Marginalisierten, den Überflüssigen.“ Ordensleben ist der Rand, die Peripherie. Zechmeister: „Die größte Versuchung ist, zum Zentrum und zur Macht dazuzugehören. Was ist die Gefährdung der Ordensfrauen heute? Wir wollen vom Zentrum geliebt werden. Wir schauen, dass die Kirche am Laufen bleibt. Aber: Wüste, Peripherie, Front sind der Platz der Orden. Dort, wo niemand hingehen will. Unsere Welt ist kein unschuldiger Ort. Wir müssen ohne Rückhalt riskieren.“

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„Das gibt uns Freiraum“

„Das Ordensleben ist nicht wesentlich für Kirche. Genau das gibt uns Freiraum und die Möglichkeit, auszubrechen. Wir müssen uns nicht wie Oberministrantinnen des System verstehen. Die Kirche verdient unsere reife Liebe. Und: Wir müssen ein Ende machen mit der unverfrorenen scheinheiligen Vergeistigung des Evangeliums. Seien wir bereit, die Liebe Gottes in dieser Welt durch uns Wirklichkeit werden zu lassen.“ Zechmeister ist realistisch: „Dadurch verlieren wir Kontrolle und Status. Christliche Mystik ist immer eine Mystik des Weges. Jesus nachfolgen. Unser Gehen ist ein Pilgern, ein Gehen mit GefährtInnen. Wer in der Hoffnung geht, lebt heute schon sein Morgen mit den Entrechteten und Marginalisierten.“

Zechmeister bringt in der Diskussion als Ermutigung Aussagen von Papst Franziskus ein, der meint: „Habt Mut. Schlagt neue Richtungen ein. Fürchtet euch nicht vor Risiken. Ihr werdet Fehler machen. Vielleicht kommt sogar ein Brief der Glaubenskongregation. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist.“

Der Vortrag zum Nachlesen (PDF)

Den gesamten Vortrag als Video sehen und hören (Video)

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