Der wunderbare Kollaborateur

20171108 gerf stocker 120Mit der Digitalisierung steht unsere Gesellschaft vor der nächsten technischen Revolution. Fluch oder Segen? Beides, findet Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter des Ars Electronica Centers (AEC) in Linz. Doch die Frage lautet nicht mehr „ob“, sondern nur mehr „wie“.
Der Artikel ist in einer Kurzfassung in der aktuellen Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema #AufbruchBewegt erschienen.

Herr Stocker, beginnen wir mit einem Zitat von Ihnen: „Diese digitale Invasion, die wir gerade erleben, ist eine, die vor nichts Halt macht.“ Invasion, das klingt gefährlich. Ist die Digitalisierung nun Fluch oder Segen?

Gerfried Stocker: Das „Oder“ stimmt nicht; es ist Fluch und Segen. Es kommt darauf an, wie diese Digitalisierungsinvasion eingesetzt wird und wie es jeder für sich nutzen kann. Die Herausforderung ist nicht, die Digitalisierung voranzutreiben oder sie aufzuhalten, sondern sie zu gestalten. Und jeder Einzelne, aber auch wir als Gesellschaft müssen daran arbeiten, dass das Verhältnis von Fluch und Segen möglichst auf der Segen-Seite landet.
Die digitale Revolution ist kein technisches Thema mehr, sondern primär eines der gesellschaftlich Verantwortung. Wir haben diesen Aggregatswechsel gemacht, dass wir uns von einer analogen zu einer digitalen Welt und Gesellschaft bewegt haben. Das ist so wie seinerzeit die Tiere aus dem Wasser rausgekrochen sind und gesagt haben: Okay, jetzt wollen wir uns an Land behaupten. Das erforderte völlig neue Formen von biologischen Prozessen. Zugegeben, jetzt ist es nicht ganz so dramatisch, aber es ist auch ein genauso unumkehrbarer Prozess.

Macht dieser Prozess vor irgendetwas Halt?

Nein, grundsätzlich macht er vor nichts Halt. Wir müssen Bereiche schaffen, in denen wir dafür sorgen müssen, dass wir nicht von den Spielregeln dieser digitalen Welt bestimmt werden, sondern in denen wir die Spielregeln bestimmen.
Ich verwende den Begriff „Invasion“, weil ein Großteil der Menschen empfindet diesen digitalen Weg als bedrohlich und negativ. Sie sagen, wir sind überrollt worden. Aber Technologie ist nicht etwas, das über uns hereinbricht, sondern das wir erschaffen. Rückgängig machen können wir es ohnehin nicht.

Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist der Kampf gegen die Invasion also verloren?

Ja, verloren. Ob’s allerdings gut oder schlecht ist, ist schwer zu entscheiden und letztlich egal. Das ist jetzt unsere Realität und kein Defaitismus. Es ist eine Chance, dass wir durch diese technische Revolution und den Druck, den sie ausübt, rausgeschoben werden dorthin, wo wir als Mitglieder der Gesellschaft eigentlich sein sollten. Denn wir müssen uns erheben und sagen: Wir reden mit, wir bestimmen mit, wir übernehmen Verantwortung. Es braucht diesen Emanzipationsakt der Gesellschaft. Ob wir den nutzen, ist eine andere Frage. Wir werden es sehen, ob wir diesen Turnout sinnvoll schaffen.

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Gerfried Stocker, Jg. 1964, stammt ursprünglich aus der Steiermark und ist österreichischer Medienkünstler, Musiker und Nachrichtentechniker. Er ist Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Ars Electronica Centers und gemeinsam mit Christine Schöpf künstlerischer Leiter des Ars Electronica Festivals. (c) Robertpa

Sind wir so weit, dass wir das nutzen können?

Natürlich sind wir nicht so weit; wir waren nie so weit. Wenn man sich die ganze Menschheitsgeschichte anschaut, gab es immer wieder Ereignisse die uns plötzlich exponierten, und dann mussten wir uns aufrappeln. Wir haben schon viel größere Veränderungen unserer Lebensrealität erfolgreich bewältigt als das, was jetzt bevorsteht.
Und ich warne auch davor zu sagen: Wir sind nicht reif dafür. Das ist so wie ein Diktator, der hinausposaunt: Demokratie ist gut, aber meine Bürger sind noch nicht reif dafür. Darum muss ich sie leider weiterhin mit meiner Geheimpolizei einsperren und mit dem Militär niederprügeln, um mein korruptes System aufrecht zu erhalten. Ich will das eigentlich nicht, aber die Leute sind noch nicht so weit. Schönstes Beispiel dafür ist Ägypten.

Ja, aber gleichzeitig hat die Digitalisierung in Form der Sozialen Medien auch wesentlich zur Demokratiebewegung in Ägypten beigetragen.

Ganz massiv, auch wenn sie gescheitert ist. Dieser Traum von der Freiheit, der da aufgetaucht ist, ist in vielerlei Hinsicht gescheitert. Aber es hat sich damit natürlich massiv manifestiert, wie die Prozesse die Dynamik verändern. Er zeigt nur, wie die Kräfteverhältnisse in unserer Welt nach wie vor funktionieren. Wenn eine militärische Großmacht wie Russland sich sich zum Beispiel in Syrien engagiert, kann das nicht alles durch demokratische Prozesse in den Sozialen Medien weggeblasen werden. Es zeigt, wie dominant die traditionellen Machtstrukturen nach wie vor sind. Es zeigt aber auch, wie wichtig es ist, beim Wiedereinrichten dieser neuen digitalen Welt aufzupassen, dass diese digitale Welt nicht wieder ausschließlich von den traditionellen Machtstrukturen dominiert wird. Das ist wahrscheinlich unsere größte Herausforderung. Und es schaut auch nicht unbedingt gut aus, wenn man sich sieht, wie gut die Zensur des Internets in der Türkei oder in China funktioniert.

Stichwort gesellschaftliche Veränderungen: Viele Menschen haben Angst, dass die Digitalisierung Menschen durch Maschinen ersetzen wird.

Diese Angst ist berechtigt, weil wir aus der Geschichte wissen, dass jede Möglichkeit der Profitsteigerung von der Wirtschaft natürlich genutzt wird. Und wenn man das als Ausgangspunkt unseres gesellschaftlichen Hintergrunds nimmt, dann ist der Schritt zu intelligenten Robotern durch Machine learning nur konsequent logisch. Da wird es eine beinharte Rechnung geben, die alles andere als schön ist. So lange eine Arbeiterin oder ein Arbeiter billiger ist, wird man auf den Roboter verzichten, sobald der Roboter billiger ist, wird man auf die Arbeitnehmer verzichten.

Wird das nicht zu einem Verschwinden der Mittelschicht führen?

Ja. letztendlich wird das zu einer großräumigen Erosion der sogenannten Mittelschicht führen. Die Mittelschicht wird von bestimmten Kompetenzen getragen, so nach dem Motto: Ich bin jetzt kein Genie oder Absolvent einer Eliteuni, sondern ein durchschnittlich gebildeter Mensch. Und damit gehöre ich zur der Gruppe, die am ehesten davon betroffen sein wird, durch Maschinen ersetzt zu werden. Wenige werden den Weg schaffen in die neuen hochpreisigen Arbeitssegmente. Die meisten werden wieder abwandern in wesentlich einfachere Arbeitsprozesse, wo ihre Skills nicht mehr adäquat bezahlt werden. Die große Herausforderung als Gesellschaft wird sein, wie reagieren wir darauf, dass es zu dieser großen Erosion kommt.

Das heißt, die Digitalisierung ist nicht der Verursacher, sondern einfach nur Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Digitalisierung ist ein wunderbarer Kollaborateur, weil es ein wunderbares Instrument ist, viele Dinge effizienter, produktiver zu gestalten. Die entscheidende Frage ist eine Solidaritätsfrage. Was für ein politisches System werden wir in 20, 30 Jahren haben? Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass die Transformationskräfte, die da jetzt entfacht werden, mindestens so groß sind wie vor 150 Jahren, als die Industrierevolution richtig gegriffen hat.

Wobei die Befürchtung besteht, dass wir bis dahin in einem kompletten Überwachungsstaat leben. Und diese Überwachung hat ihre Ursache in der Digitalisierung. Es gab bisher keine Möglichkeit, so effizient lückenlos Menschen zu überwachen.

Da ist ein ganz vehementer systemischer Wechsel darin. Ich kann als Beispiel die ehemalige DDR heranziehen, wo zwei Drittel der Bevölkerung in der einen oder anderen Form als Informanten und Spitzel mitgearbeitet haben. Auch wenn die effektive Überwachung gar nicht so gut funktioniert hat – das gesellschaftliche Klima hat hundertprozentig funktioniert.
Heute funktionieren war ganz anders; wir brauchen gar nicht mehr diese 1984-Variante, die ja davon ausgeht, dass man ein absolut repressives Staatssystem braucht, das autoritär und mit Gewalt diese Überwachung durchzieht. Wir überwachen uns selbst - und zahlen sogar noch dafür. Jeder von uns kauft alle paar Jahr ein neues Handy und zahlt monatlich für einen Vertrag mit einem Provider, um letztendlich ständig kontrolliert zu werden.
Ich hoffe allerdings, dass diese Verschiebung von Terror zu Hedonismus und das völlige Wegbrechen von Privatsphäre nicht zu einer repressiven Form à la DDR- oder Nordkorea-Gesellschaft führt, sondern zu einer lebbaren freien menschlichen Gesellschaft. Das ist jetzt natürlich hoch entopisch, aber ich mag mich nicht die ganze Zeit damit beschäftigen, wie alles nicht funktioniert.

Was aber bedeutet, dass das Privatleben einen neuen, anderen Stellenwert erhalten muss. Es muss öffentlicher gedacht werden.

Ja, wenn mein ganzes Privatleben in einer Öffentlichkeit repräsentiert ist, dann hoffe ich, es führt dazu, einen neuen Stellenwert des Öffentlichen zu entdecken. Bisher war es so: Das ist mein Leben, und dann gibt es die Öffentlichkeit, die öffentlichen Institutionen da draußen, und die sollen sich bitte darum kümmern, dass mein Leben so weitergehen kann wie bisher. Wenn diese Trennung wegfällt, dann kann ich auch in dieser Denkweise nicht mehr verharren. Im Idealfall führt das dazu, dass wir uns unserer Situation und der Notwendigkeit unserer Beteilung an dieser Öffentlichkeit wieder stärker bewusstwerden.

Das kann aber auch ziemlich ins Auge gehen …

Allerdings; der eher negative Teil dieser ganzen Verschiebung zur Öffentlichkeit ist die Frage, wie wir uns selbst zur Öffentlichkeit machen. Das sind Bewegungen, wo sich Menschen selbst zur Öffentlichkeit machen. Diese politische Agitation eines breiten Populismus von so einzelnen Führerpersönlichkeiten. Und jetzt ist halt die große Frage, wird das komplett von der Konsumisierung und Kommerzialisierung der sozialen Medien weggespült? Funktioniert die Strategie, die Menschen einfach mit genug attraktiven Produkten oder Angeboten einzuschläfern – wobei ich bin kein Verschwörungstheoretiker bin. Aber der Mechanismus der Konsumgesellschaft ist so: Gib den Menschen genug Spaß, und der Hedonismus ist eine unheimliche Triebkraft.
Dazu muss auch wesentlich unser Bildungssystem beitragen; es genügt nicht, sich gegenseitig Abfeiern, weil es jetzt endlich Notebooks in den Klassen gibt. Es geht eigentlich um schon längst etwas anderes.

Apropos Bildung. Ich darf den Philosophen Konrad Paul Liessmann zitieren: „Nur weil man alles Wissen der Welt googlen kann, ist man noch lange nicht gebildet.“ Wie sehen Sie das?

Liessmann hat grundsätzlich völlig recht. Wissen zur Verfügung zu haben, macht noch keinen gescheiter. Es versetzt dich deswegen noch lange nicht in die Lage, der Gestalter deines Lebens zu sein. Das sind die Kompetenzen, die man jetzt noch viel mehr als vorher den Menschen beibringen muss. Es sind viel eher die Kompetenzen, wie kann ich jetzt die Möglichkeit, die Chancen, die ich dadurch habe, dass das Wissen zur Verfügung steht, für mich nutzen. Wie kann ich die Menschen dazu erziehen, nicht die besseren Ingenieure zu sein, die das nächste iPad entwickeln, sondern die Menschen dazu fördern, kreative Ideen daraus zu entwickeln.

Digitalisierung als Werkzeug.

Ja, Werkzeug zur Herausforderung. Das setzt aber auch voraus, dass ich Computational thinking habe, und zwar nicht, weil ich Programmierer werden will, sondern weil die Software die Spielregeln unserer Zeit bestimmen.
Natürlich ist es ein Problem bei begrenzten Stundenzahl, wie bringe ich die Digitalisierung rein. Man wird vermutlich nicht umhinkommen, auch Dinge aus dem Kanon rauszunehmen, damit Platz für das Digitale ist. Ich glaube aber, dass man mit etwas Kreativität ganz viel besser machen könnte, also nicht in dem Sinne, wir streichen eine Stunde Geschichte, Geografie oder Chemie, und dann haben wir drei Informatikstunden. Was wir brauchen, ist nicht ein „Informatik-Unterricht“, sondern wir müssen eigentlich der Natur des Digitalen nachgehend: Digitale Kompetenz für den Sprachunterricht, für den Religionsunterricht, für den Chemieunterricht …

… und für den Kunstunterricht?

Kunst und Kreativität ist ein wunderbarer Hebel, weil es ja darum geht, von einem Konsumenten zu einem Gestalter zu werden. Kreativ zu sein heißt: Ich will etwas schaffen, ich habe eine Idee. Und das sind ja eigentlich die Qualitäten, die in jeder Hinsicht in dieser Zukunft notwendig sind. Weil um das geht es: Die Menschen dahingehend zu motivieren, mit ihrer eigenen Energie ihre Position wahrzunehmen und ihre Chancen und Möglichkeiten auszuloten, zu erkennen und umzusetzen.

Hat die Digitalisierung auch das Verständnis von Kunst verändert?

Ja und nein. Nein in der Hinsicht, dass die Grundwerte aus anderen wesentlich tieferen Motivationen herauskommen. Es gibt bestimmte Grundmuster der menschlichen Fantasie, der Wünsche, der Bedürfnisse, aber auch der Ängste und der Sorgen. Die sind völlig unabhängig davon, ob ich jetzt mit einer Dampfmaschine oder mit einem Machine learning konfrontiert bin. Viellicht ändert sich das, wenn wir auf die modulare Struktur mit dem Bioadapter zurückgreifen können.

Das dauert zum Glück noch ein bisschen.

Ja, aber wir dürfen uns davon nicht einlullen lassen. Es ist keine Entlastung, dieses „Es dauert noch“, sondern eigentlich ist es der Marschbefehl. Von dem her hat sich der Kunstbegriff, das Verständnis des Menschen von Kunst, das ihn dazu bringt, Kunst zu machen, oder Kunst zu erleben und wertzuschätzen, durch die Digitalisierung nicht verändert. Was sich verändert hat, ist der Prozess des künstlerischen Arbeitens. Die Möglichkeiten, als Künstler die Wirkung zu erzielen, die ich erzielen will. Kunst hat ja immer etwas mit Wirkung zu tun. Und da hat die Digitalisierung unheimlich viele Möglichkeiten gebracht. Da sind wir wieder bei dem Teil, der auch für alles gilt: Digitalisierung ist ein Werkzeug, mit dem wir unheimlich viel machen können.

Das letzte AEC Ausstellung hat sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Ist das letztendlich das übergeordnete Ziel der Digitalisierung: KI zu schaffen?

Wenn man es von der technischen Seite sieht, von der Computerwissenschaft und Softwareentwicklung, dann ist es natürlich die ultimative technische Herausforderung. Das ist dieser unendlich tiefe Wunsch, die Welt zu beschreiben, zu begreifen – und ja auch, zu beherrschen können. Beherrschen ist ja nichts anderes als der Versuch, mit anderen Mittel dem Ganzen endlich einen Sinn abzugewinnen. Und deshalb ist die KI so faszinierend. Über den ganzen technischen, wissenschaftlichen und kommerziellen Nutzenstiftungen hinaus geht der Wunsch, endlich als Menschen dorthin zu kommen, wo wir schon immer hin wollten – wobei wir eigentlich gar nicht wissen, was das ist. Aber wir hoffen, wenn wir dort sind, dann werden wir wissen, was es ist. Gerade in der Kombination mit der rasanten Entwicklung der Gen- und Biotechnik. Oder in Kombination mit dem Machine learning, das schon spektakuläre Erfolge zeigt, obwohl es noch immer eine rudimentäre Geschichte ist im Vergleich zu dem, was sich noch entwickeln wird.
Und es geht schon alles auf den Fluchtpunkt hin, zu überprüfen, was passiert in dem Moment, wo wir Gott spielen. Nämlich der Moment der Schöpfung. Die nie beantwortbare Frage, warum zum Kuckuck sind wir da. Das ist eine Frage, die uns 24 Stunden nicht loslässt. Ein ganzes Leben lang.
Wenn wir uns jetzt so weit ermächtigen, dass wir diesen Akt des Schöpfens wirklich ultimativ nachvollziehen, so schaffen wir zwar kein neues Leben, aber die Triebfeder dieses Schöpfungsaktes ist, genau dieser Frage ein bisserl näher zu kommen. Wenn wir diesem Schöpfungsakt simulieren, dann glauben wir, werden daraus Antworten entstehen. Auf eine Frage, die wir bisher nicht besser formulieren konnten. Es bleibt immer bei diesem platten Woher kommen wir, wohin gehen wir, wieso sind wir da. Die Frage ist nicht beantwortbar, die wird auch nicht die KI beantworten können, obwohl wir aus dieser Suche noch viel Wert gewinnen werden. Wir werden Erkenntnis gewinnen, nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern wie wir besser mit uns als Lebewesen, als Menschen auf dem Planeten umgehen können. [rs]

 

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