Grazer Soziologin Jonveaux stellt neues Buch "Mönch sein heute" vor

MG 2018 2 6Die Soziologin Isabelle Jonveaux im Stift Kremsmünster: "Zukunft gibt es, wenn man weiß, wozu man da ist." Seitenstettner Abt Pilsinger meint ebenfalls: "Mönche wissen, wofür sie leben. Jahrhunderte haben wir das gewusst, ich hoffe wir vergessen das nicht."

"Mönch sein heute" lautet der Titel des neuen Buches der Grazer Soziologin Isabelle Jonveaux über das Mönchtum in Österreich. Die Autorin stellte das Werk dieser Tage bei einer Veranstaltung im oberösterreichischen Stift Kremsmünster vor und betonte dabei, dass sich das Klosterleben in Österreich sehr von dem in anderen europäischen Ländern unterscheide. Ihre früheren Forschungsergebnisse über Klöster in Frankreich oder Belgien würden hier nicht gelten, da ihre Geschichte eine ganz andere sei. Sie prognostizierte den Klösten in Österreich jedenfalls eine positive Zukunft, so Jonveaux, freilich unter veränderten Vorzeichen.

Mönchtum von Geschichte geprägt

Die erste These der Soziologin lautet: "Das Mönchtum ist überall sehr geprägt von der Geschichte, d.h. gesellschaftlich, politisch, sozial usw." Die Klöster hätten etwa in Österreich ganz andere wirtschaftlichen Bedingungen als jene in Frankreich. Jonveaux: "Die Mönche leben nicht so, wie sie es wollen, sondern von Erbe und Geschichte", und das sei "keine religiöse Entscheidung der Gemeinschaft." In der heutigen Zeit stelle sie zweitens eine Wende fest, die viele Aspekte des Klosterlebens betreffe, die man aber oft nicht wahrnehme: "Die Gesellschaft entwickelt sich und so müssen sich auch Klöster stets neu bestimmen." Das Verständnis von Askese und Fasten habe sich beispielsweise sehr verändert. "Man kann den Eindruck haben, dass das Fasten keine Bedeutung mehr hat", so Jonveaux, "doch die neuen Medien sind eine Herausforderung: Internet-Fasten ist heute schwerer als Fleisch-Fasten". Das sei Askese heute.

Eine andere Rolle 

Als dritten Punkt nannte die Soziologin die veränderte Rolle der Klöster in der Gesellschaft: "Sie sind heute nicht weniger wichtig als früher, aber sie haben eine andere Rolle und eine neue Plausibilität." Klöster seien interessant als Orte "alternativen Lebens". Für eine Gesellschaft in der Krise auf der Suche nach einem anderen Leben seien Klöster Vorbilder, etwa durch ihren Umgang mit der Natur. "Klöster haben eine neue Glaubwürdigkeit, obwohl die Kirche diese verliert." In ihren Feldforschungen habe sie oft erlebt, dass selbst Mönche zum Beispiel in Belgien an ein Ende des Klosterlebens glaubten. Aber man dürfe nicht nur auf die Zahlen schauen, so Jonveaux. Wichtig sei die Frage, was Mönch sein heute bedeute, was seine Identität sei: "Zukunft gibt es, wenn man weiß, wozu man da ist." 

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Isabelle Jonveaux und Abt Petrus Pilsinger im Stift Kremsmünster (Foto: Stift Kremsmünster)

Alternativen zu gängigen Lebensmodellen

Jonveaux bestritt den Abend im Stift Kremsmünster gemeinsam mit Abt Petrus Pilsinger vom Stift Seitenstetten. Pilsinger stellte u.a. die Klöster als Alternative zum Drang nach immer mehr materiellem Lebensstandard dar. Klöster seien Orte der Lebenssuche und Lebensvertiefung. "Mehr Vertiefung heißt mehr leben", so der Abt, was sich im Gelübde der klösterlichen Lebensführung ausdrücke. Leben teilen bedeute, zusammen zu feiern aber auch füreinander Verantwortung zu tragen, nicht aber in den anderen "die Erfüllungsgehilfen für meine Bedürfnisse zu sehen." Dabei sei das Kloster auch kein Selbstzweck, sondern für Gott und die Menschen da. "Mönche wissen, wofür sie leben. Jahrhunderte haben wir das gewusst, ich hoffe wir vergessen das nicht", mahnte der Abt. Als großes Problem in Klöstern sehe er die Gefahr des Narzissmus. Hier brauche es das Gelübde des Gehorsams. Schließlich gelte: "Zukunft hat, wer eine Sendung hat, wer weiß, wofür er lebt". Zweifeln und Scheitern machten auch vor Klostermauern nicht halt, räumte Pilsinger weiter ein. So erlebe man die Grenzen von Gemeinschaft, "die Gebrechlichkeiten und Lebensschicksale" genauso im Kloster. "Auch ein Fremd-Gehen gibt es", ein Desinteresse an der Gemeinschaft, das sich etwa im Ausleben von Süchten oder Habgier zeige. Darum gelte: "Zukunft hat, wer auch Vergebung und Barmherzigkeit" kennt, wer "Befreiung vom Druck, perfekt sein zu müssen", erfahren darf. Dem entspreche das dritte benediktinische Gelübde der Stabilitas: Standhalten bis zum Ende.

Gebet ist Aufgabe der Klöster

Abt Petrus Pilsinger erläuterte zudem, dass die Arbeit in den Pfarren zu den österreichischen Klöster zwar dazugehöre, aber auch die Gefahr bestehe, die Pastoral als Ausrede für das Fernbleiben vom Chorgebet zu nutzen. Eben dieses Gebet sei jedoch die erste Aufgabe im Kloster. Die "Zentripedalkräfte" zum Zentrum Gottesdienst seien zwar manchmal schwächer als die "Zentripedalkräfte", sich in der Arbeit zu verlieren, doch als Abt bemühe er sich sehr darum, dass die Mönche am Gebet teilnähmen. Außerdem hob er hervor, dass es heute den Nicht-Priestern im Kloster gegenüber neue Wertschätzung gäbe. Die Brüder seien sehr kostbar; sie seien immer da, weil sie keine pfarrlichen Verpflichtungen hätten. Auf die Stabilität im Kloster hob auch Isabelle Jonveaux in ihrem Schlusswort ab. Es brauche eine Gemeinschaft am Ort: "Das Kloster muss ein Haus sein, wo Menschen wohnen." 

Isabelle Jonveaux: Mönch sein heute. Eine Soziologie des Mönchtums in Österreich im europäischen Dialog. Echter Verlag, 2018

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