Schweiz: Könnten Frauenklöster nicht Orte des Experiments sein

fahr120Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, engagiert sich dafür, dass sich Frauen in der katholischen Kirche gleiche Möglichkeiten wie Männern eröffnen. Dafür sieht sie im Frauenkloster einen Ort des Experiments. Die Dokumentation eines Interviews. #VielfaltStärkt

 

Stellen Sie sich vor, Sie erwachen eines Morgens und in der katholischen Kirche herrscht Gleichberechtigung. Woran würden Sie das erkennen?

Priorin Irene: (lacht) Wenn ich aufstehen würde und denke, heute ist Bischofskonferenz, und ich bin ein Mitglied (lacht laut) … Das ist eines der Anliegen des Projekts «Kirche mit* den Frauen», das mich sehr geprägt hat: alle Entscheidungen, die anstehen, sollen die Männer nicht mehr ohne die Frauen treffen. Veränderung kann nur werden, wenn Frauen und Männer miteinander gestalten.

Würden Sie ein geweihtes Amt übernehmen, wenn Sie es könnten?

Als Priorin, als Vorsteherin einer Klostergemeinschaft, kann ich als Frau viel mitentwickeln innerhalb dieses Teils der Kirche. Ich bin ausgelastet. Ich strebe kein weiteres Amt an.

Ihnen persönlich geht es nicht um Ämter. Was ist Ihr Hauptanliegen im Einsatz um die Gleichberechtigung?

Dass ein Prozess in Gang kommen kann. Und Gleichberechtigung ist für mich ein Prozess. Ich stelle mir das vor wie einen Sauerteig, den man kneten muss, damit alles zusammenkommt. Es braucht die Bereitschaft von allen, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Das kann man nicht erkämpfen.

Der Seelsorgerat des Kantons Zürich fordert die Weihe von Frauen zu Diakoninnen. Was bedeutet Ihnen dies?

Es zeigt, dass in der Kirche ein Wandel überfällig ist. Ich frage mich allerdings, ob es richtig ist, wenn wir jetzt einfach die Ämter öffnen: dann verweiblichen wir den Klerikalismus. Es braucht aus meiner Sicht eine andere Veränderung. Würden wir das Diakonat für Frauen einführen, könnte man sagen: «Frauen, seid jetzt ruhig. Ihr habt, was ihr wolltet.» Dabei sind die Ämter nur ein Teil. Das ist noch nicht das Miteinander, das ich mir wünsche. Und dennoch, es geht mir auch um die Sakramente.

Was erleben Sie hinsichtlich der Sakramente?

In der Liturgie haben wir Frauen im Fahr vieles entwickelt, wir experimentieren, wir sind kreativ in der Gestaltung von Gottesdiensten. Gleichzeitig merke ich, dass die katholische Kirche einen riesigen Schatz von Sakramenten hat, Zeichen mit einer grossen Tiefe. Diese können nur geweihte Priester spenden. Mir tut der Gedanke weh, irgendwann aufzuwachen, und die Sakramente könnten nicht mehr gespendet werden. Wir erleben es heute schon und gewöhnen uns daran, die Sakramente gar nicht mehr zu brauchen. So ist mir der Gedanke gekommen: Könnten nicht Frauenklöster Orte der Erfahrungen, Orte des Experiments sein? Wir haben im klösterlichen Vokabular die Bezeichnung «ad experimentum», also etwas für eine Zeit auszuprobieren und dann zu überlegen, ob es verbindlich gemacht werden soll.

Was wäre dieses Experiment?

Eine Klostergemeinschaft könnte dem Bischof die eine oder andere Schwester zur Weihe empfehlen, von der sie sich vorstellen kann, dass diese für die Gemeinschaft ein Sakrament spendet. Zum Beispiel die Krankensalbung. Vielleicht zeigt es sich nach einigen Jahren, dass eine Schwester innerhalb der Gemeinschaft auch Eucharistie feiern kann. So könnten wir Erfahrungen sammeln mit weiblicher Sakramentalität, auf unspektakuläre Art. Ich beziehe mich damit auf die Benediktsregel. Unser Ordensgründer Benedikt ist ja auch kein Priester gewesen. Er schreibt im Kapitel über die Priester: Wenn ein Abt für die Gemeinschaft einen Priester braucht, dann wählt er einen aus der Gemeinschaft und bittet den Bischof, ihn zu weihen.

Sie sprechen von der Möglichkeit für Ordensfrauen, Sakramente zu spenden. Was könnten Sie sich für Theologinnen und Frauen generell vorstellen?

Vielleicht könnte dann in gleicher Form passieren, dass eine Gemeinde bestimmte Frauen zur Weihe empfiehlt. Etwa, wenn eine die Kranken besucht, dass diese vom Bischof die Weihe erhält, das Sakrament der Krankensalbung zu spenden.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass wir römisch-katholischen Frauen weiterhin nicht zugelassen werden zu den Ämtern und zu vielen Entscheidungsgremien?

Ganz einfach: das ist die patriarchale Gesellschaft, die seit eh und je hineingewirkt hat ins kirchliche Leben. In der Schweiz ist es lange gegangen, etwa bis zum Frauenstimmrecht, in der Kirche geht es einfach noch etwas länger.

Das hat die Hoffnung in sich, es wird sich ändern!

Es wird sich ändern! – Oder es gibt die Kirche nicht mehr.

Was wäre ein nächster Schritt zu dieser Änderung?

Offen gestanden: Ich weiss es noch nicht genau. Ich möchte hinhören, was der nächste Schritt ist. Das ist auch das erste Wort unserer Regel: «Höre». Als ich letzten Sonntag das Evangelium meditierte, da kam mir eine Idee: Vielleicht könnte ein nächster Schritt sein, dass wir als Kirche im Kanton Zürich, auch als Klostergemeinschaft, eine Fastenzeit machen. Und zwar ein Eucharistie- und Sakramentenfasten. Die Erfahrung machen, 40 Tage lang keine Sakramente zu haben. Den Leerraum, der dadurch entstehen würde, könnten wir nutzen, um miteinander im Gebet zu hören, was Gott uns sagen möchte. 

Ist für Sie die Frage nach der Gleichberechtigung der Frau so stark mit der Bewahrung der Sakramente verbunden?

Für mich sind es zwei Ebenen, die letztlich ineinandergehen. Das eine ist, dass wir Frauen Mitsprache und Mitentscheidung haben und bekommen. Das andere ist der Ausdruck in der Liturgie, in der Seelsorge. Man kann diese beiden nicht trennen. 

Worin sehen Sie die Mitverantwortung von uns katholischen Frauen, dass wir nicht gleichberechtigt sind in unserer Kirche?

Die Mitverantwortung ist uns ja zum Teil verwehrt! … (vorsichtig) Ich habe oft das Gefühl, es hat viel mit der Angst zu tun, die die Männer haben vor uns Frauen, dass wir ihnen einen Platz streitig machen könnten. Es ist wichtig, dass wir Frauen geschickt vorgehen, dass wir die Männer abholen mit ihrer Angst. Dass wir ihnen Sicherheit geben können: sie müssen keine Angst vor uns haben.

Wie machen wir das?

Wir schlagen nicht drein. Wir laden sie ein, mit auf den Weg zu kommen. Ich mache diese Erfahrung mit dem Kloster Einsiedeln. Wo es möglich ist, machen wir zusammen Projekte. Wir lernen einander kennen und merken: Es funktioniert. Das ist eine spielerische Art, miteinander kreativ zu sein. 

Lassen wir uns als Frauen nicht zu vieles gefallen?

Ja, es ist eine Gratwanderung. Mutig sein – doch die Türe nicht zugehen lassen. Klar, aber nicht aggressiv, es braucht fast therapeutisches Geschick dazu.

Also eine seelsorgerliche Haltung?

Ja, genau das wäre es. Aber mutig. 

Welche Unterstützung wünschen Sie sich dabei von uns allen?

Ich wünschte mir wirklich ein Miteinander auf Augenhöhe. Nicht, dass wir Personen ins Zentrum stellen, seien das Frauen, die für etwas kämpfen, oder Männer, die ihren Platz behalten wollen. Sondern, dass wir Christus in die Mitte stellen. Das würde viel befreien. Für mich hat die Frage nach der Gleichberechtigung viel mit Spiritualität zu tun. Eigentlich ist Kirche geistgewirkt. Ermutigen wir uns gegenseitig zu Offenheit und Vertrauen. So kann etwas Neues entstehen, das wir noch gar nicht kennen! 

Interview aus "Gott und die Welt" - Ausgabe 06/2018

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