Das Kasachstan-Virus

Sr. Kunigunde Fürst hat in der Ordenswelt viele Jahre lang Leitungsaufgaben ausgeübt. Sie abzugeben und darunter einen Schlusspunkt zu setzen, war nicht immer leicht für sie, gesteht sie in der aktuellen Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema „Schlusspunkt setzen“. Aber es wartete im Pensionsalter etwas Neues auf sie: das Abenteuer Kasachstan. #LoslassenBefreit

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Sr. Kunigunde unterrichtet Deutsch im Gymnasium Kornejewka.

Sr. Kunigunde Fürst hat gleich in mehrerer Hinsicht einen Schlusspunkt gesetzt: als Generaloberin der Franziskanerinnen von Vöcklabruck, als Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs (VFÖ) und als Ordensfrau, die „in den Ruhestand“ hätte gehen können. Der Schlusspunkt als Generaloberin hat sich nach drei Amtsperioden von je sechs Jahren eigentlich angeboten. „Es ist mir nicht leichtgefallen, das Begonnene in jüngere Hände zu übergeben“, gesteht Sr. Kunigunde. „Das Niederlegen von Leitungsaufgaben ist mit Schmerz verbunden, denn es fällt mit einem mal das Gestaltenkönnen weg. Zugleich aber bedeutet Abgeben von Verantwortung auch Erleichterung.“ Was hat ihr bei diesem Schlusspunkt setzen geholfen? „Es waren geeignete Schwestern für die Aufgabe da.“ Als sie dann aus dem Zimmer der Generalleiterin ausgezogen ist und alle persönlichen Dinge weggeräumt hat, war dieser Schlusspunkt eigentlich vollzogen. In der VFÖ ging der Schlusspunkt still und leise vor sich. Ihre Vertretung, Sr. Beatrix Mayrhofer, hat bis zur nächsten anstehenden Wahl in der Generalversammlung die Agenden der Präsidentin automatisch wahrgenommen und dieses Amt mit neuem Geist gefüllt. Beim Leben als Ordensfrau gab es für Sr. Kunigunde keinen Schlusspunkt. Sie ist es mit Leib und Seele. Die Frage für sie war: Wie kann ich jetzt nach dem Abgeben von Leitungsverantwortung mein Leben gestalten? „Ich wollte auf keinen Fall in den Ruhestand gehen“, erzählt sie. „Ich wollte meiner Kraft und Zeit einen sinnvollen Weg eröffnen und wusste, dass eine Aufgabe auf mich wartet.“ Da war ein Funke, der unter der Asche glühte und wieder entfacht werden wollte.

Der Funke Sehnsucht

Als sie 1994 zur Generaloberin gewählt wurde, entschieden sich die Franziskanerinnen von Vöcklabruck für das Projekt Kasachstan. „Bei meinem ersten Besuch der Mitschwestern 1995 blieb in mir ein Sehnsuchtsfunke nach diesem sehr bescheidenen Ort und den Menschen, die hier leben.“ Der Gedanke einer Schulgründung mit P. Lorenz Gawol, der als Berliner Priester bei den Wolgadeutschen lebte, wurde 1996 umgesetzt. Und wenn sich auch im Lauf der Jahre vieles verändert hat, „der Funke blieb und immer sagte ich mir und auch anderen, dass dies nach Ablauf meiner Amtsperiode mein Ziel sei“. Im Februar 2013 konnte Sr. Kunigunde nach längeren Schwierigkeiten wegen des Visums nach Kasachstan (Tonkoschurowka) aufbrechen, „von manchen abgehalten, von manchen belächelt, aber von vielen unterstützt“. Im Herbst 2016 zogen Sr. Agnes und Sr. Kunigunde in das 30 km entfernte Kornejewka um. Dort wohnen sie in einem kleinen „russischen Haus“ mitten unter den Menschen und sind an ihrer Seite, nicht zuletzt durch das Gebet. Ein Gemüsegarten ist dem Haus angeschlossen, sodass „wir uns selbst mit vielem versorgen können, wie es die Menschen hier auch tun“. Beide unterrichten als Volontärinnen Deutsch im „Gymnasium Kornejewka und in der Schule St. Lorenz“ und sind gemeinsam mit dem Lehrerkollegium bemüht, den jungen Menschen aus den umliegenden Dörfern eine gute Bildung und Werteorientierung zu vermitteln. Die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Vöcklabruck trägt mit am finanziellen Bestand des Schulkomplexes, der aus Kindergarten, Schule samt Internat besteht. Und ebenso sponsern viele Menschen in Österreich diesen Einsatz.

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Das kleine „russische Haus“ der Franziskanerinnen in der Ortschaft Kornejewka. Fotos: Franziskanerinnen

Schock und Abenteuer zugleich

Das Schlusspunkt Setzen und Aufbrechen bedeutete für Sr. Kunigunde neue Herausforderungen: „Am Anfang war es ein Schock, zugleich ein Abenteuer“, gesteht sie. Die langen Winter (Oktober bis April) mit Dunkelheit, Kälte, Schnee und Wind „bringen mich mitunter an die Grenze der Begeisterung“. Der Sommer mit seiner Üppigkeit an Leben mache dies aber wieder wett. Nicht zu jeder Zeit gibt es Strom, fließendes Wasser, Telefon oder Internet. Aber wenn sie in der Kirchengemeinde eine tiefe, kindliche Gläubigkeit erlebt, bei den jungen Menschen das Suchen nach einem Lebenshalt, wenn sie bewusst „Grüß Gott“ sagen und nicht „Guten Tag“, wenn ihr im Schulalltag „ein ungeschminktes Vertrauen“ der Kinder und Lehrer begegnet oder wenn sie Offenheit und Wertschätzung bei Behördenkontakten erfährt, ist das für sie bereichernd. Sr. Kunigunde: „Als ein Handicap erlebe ich meinen Mangel an Russischkenntnissen, da dies die Kommunikation erschwert. Ich brauche viel Einfühlungsvermögen, um wirklich zu verstehen, was jemand sagt; ich bin auch traurig, wenn ich ‚daneben stehe‘.“ Trotzdem bekennt sie: „Es ist ein Geschenk, hier leben und wirken zu können.“

Quellen der Kraft

Was gibt Sr. Kunigunde Kraft für alles, was sie erlebt? Die Spiritualität des hl. Franziskus, den Glauben froh zu leben, ist „für mich ein tragendes Fundament für den Alltag hier“. Auch den Auftrag des Gründers Sebastian Schwarz: Lassen wir uns die Not und das Elend der Mitmenschen zu Herzen gehen und helfen wir mit allem, wessen der Andere bedarf, rufe sie sich immer wieder ins Gedächtnis. „Das geistliche Leben gab und gibt mir Kraft für alles, vertrauend zu wissen, Gott ist mit uns unterwegs, wir leben mit Christus an der Seite der Menschen.“

Danken hilft

Gerade in Situationen, wo es galt, einen Schlusspunkt zu setzen, sich aus Leitungsaufgaben zurückzuziehen, hat Sr. Kunigunde das Danken als wichtig empfunden. „Von Seiten der Mitschwestern gab es einen Dank samt Geschenk, was auch sehr hilfreich war, den Schlusspunkt wirklich zu setzen.“ Nicht nur die Schwesterngemeinschaft, sondern auch die Öffentlichkeit hat Sr. Kunigunde geehrt und bedankt: die Stadt, das Land, die Diözese und der Bund. „Bedanktes kann wirklich zurückgelassen werden.“ Sie ist der Ordensleitung und den Mitschwestern dankbar für die Chance, nach Kasachstan zu gehen und dass sie diesen Schritt mit Gebet und Hilfe unterstützen. Sie dankt den vielen freiwilligen Helfern, die sich „vom Kasachstan- Virus infizieren ließen“ und die Arbeit der Schwestern mit ihren Fähigkeiten mittragen. Es freut sie, dass viele Menschen ihre Entscheidung, dort zu leben und zu arbeiten, begleiten. Dankbarkeit gibt Mut zu Veränderungen. Das wünscht sie auch den Ordensgemeinschaften Österreichs, „weil Gottes Geist Neues schafft, wenn wir Ihn einlassen“.

[hwinkler]