Wach und rufbereit

Die Kleinen Schwestern Jesu leben meist in Gemeindewohnungen in kleinen Gemeinschaften mitten unter Menschen verschiedener Herkunft, sind deren Arbeitskolleginnen im Niedriglohnsektor. Das hält sie wach für den oft mühsamen Alltag der kleinen Leute. Mitten unter ihnen leben sie Gottverbundenheit. Was waches Ordensleben ausmacht, Gelübde aussagen und was das für sie konkret bedeutet, erzählt Kl. Sr. Sabine in der neuen Ausgabe der ON Ordensnachrichten. #wach

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Kl. Sr. Sabine (stehend, 2. von links) mit dem Noviziat in Aix en Provence. Foto: Kleine Schwestern

„Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ Mit diesem Zitat aus dem Markusevangelium beginnt der Text über das Leben nach den Evangelischen Räten im Gotteslob Nr. 607. Kl. Sr. Sabine ist erstaunt über diesen Beginn. Für sie ist nicht nur das Ordensleben eine Aufforderung zur Vollkommenheit. Die sogenannten Räte sind Lebenshaltungen, die von jedem Christen im Laufe seines Lebens angefordert werden. „Die Ordensgelübde sind ein Zeichen in der Welt, weil sie über die Welt hinaus auf Gott verweisen. Es bleibt aber für uns alle ein Weg und ein lebenslanger Prozess, in die Radikalität dieser Ganzhingabe hineinzuwachsen.“ Wir hinken alle nach. Die Ablegung von Gelübden macht noch lange nicht „vollkommen“.

Ein Mensch, der Gott Raum gibt im Leben

Ordensleben gibt es in großer Vielfalt. Eine ungewöhnliche Form des geistlichen Lebens ist die Spiritualität und das Leben der Kleinen Schwestern Jesu von Charles de Foucauld. Die Schwestern leben meist in Gemeindewohnungen in kleinen Gemeinschaften mitten unter Menschen verschiedener Herkunft, sind deren Arbeitskolleginnen im Niedriglohnsektor und wollen den „Schatz, der unser Herz bewohnt, in unserem Leben sichtbar machen: Christus, in all unserer eigenen Zerbrechlichkeit und Schwachheit“, so beschreibt es die Homepage der Kleinen Schwestern Jesu. Was hat Kl. Sr. Sabine zu dieser Gemeinschaft geführt? „Die Berufung zum Ordensleben war bei mir verbunden mit der Berufung zum Christsein.“ Im Ort gab es einen Pfarrer, der von der Kl. Therese und Charles de Foucauld begeistert war. „Ich habe diesen Pfarrer als einen authentischen Priester erlebt, als einen Menschen, der Gott so viel Raum gibt im Leben.“ Im Rahmen der Firmvorbereitung sprach sie der Pfarrer bei der Beichte an: „Hättest du nicht Freude, zusammen mit anderen einen intensiveren Weg mit Christus zu gehen?“ Er habe ihr Bücher über Charles de Foucauld gegeben. Durch den Priester habe sie beten gelernt, begonnen, zur Messe zu gehen, angefangen, den Alltag mit Gott zu leben. „Ich habe erkannt: Gottverbundenheit kann man im Alltag leben, im Alltag der kleinen Leute, der oft mühsam ist.“ Nach einem Besuch und Aufenthalt bei den Kleinen Schwestern Jesu in Donawitz und Klagenfurt hat sie sich 1989 entschlossen, einzutreten.

Einladung in eine größere Freiheit

Auf die Frage, was die Gelübde für sie bedeuten, antwortet Kl. Sr. Sabine: „Sie sind Ausdruck meines Wunsches, mein Leben ganz Gott zu überantworten, zur Verfügung zu stellen, mit Leib und Seele, mit allem, was mich ausmacht.“ Alle drei Gelübde seien im Grunde eines: der Wunsch nach Ganzhingabe. „Wir wollen Gott unser ganzes Leben schenken. Weil wir aber Gott unser ganzes Leben nicht in einem einzigen Akt übergeben können, da wir es ja im zeitlichen Nacheinander leben, binden wir uns durch die Gelübde, die uns an den Wunsch alles zu geben über die Zeit hin erinnern. Gelübde sind „eine Einladung in eine größere Freiheit, Freiheit von den Ungereimtheiten in mir selbst, Freiheit, fähiger zur Liebe zu sein“!

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Kl. Sr. Sabine in ihrer Sabbatzeit in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Foto: Kleine Schwestern

Was bedeutet wach sein?

Mit dem Begriff „wach“ „übersetzen“ die Ordensgemeinschaften das Gelübde des Gehorsams. Was heißt wach sein für Kl. Sr. Sabine? „Nicht schlafen! Hinhören, aufmerksam sein, mich stören, durcheinander bringen, korrigieren lassen, auch das Unbequeme anschauen wollen. Dem Anderen vorurteilsfrei begegnen, mich von ihm beschenken, mich in Frage stellen lassen.“ Gehorsam sei nicht etwas, was ich passiv an mir geschehen lasse. „Gehorsam soll aktiv und mitverantwortlich sein. Ich bringe mich ganz ein mit dem, was in mir lebt, ich spiele mit offenen Karten.“ Charisma werde durch das persönliche Engagement lebendig. Wachsein ist erst der Beginn des Gehorsams, denn zum Hören gehört das Tun. „Darum gehört zum Gehorsam das Vertrauen: Ich lasse mir etwas sagen von meiner Gemeinschaft, das ich vielleicht so noch gar nicht gesehen habe und bemühe mich, es umzusetzen.“ Das sei mühsam und bringe oft an Grenzen, führt aber in eine größere Freiheit.

Wache Personen und Orte

Wenn es um wache Personen und Orte geht, fällt Kl. Sr. Sabine der Priester ein, der die Berufung in ihr geweckt hat. „Wach ist ein Mensch, der sich auseinandersetzt mit dem, was vorgeht in der Gesellschaft, der kritisch herangeht, nicht oberflächlich, der die Not und Sehnsucht der Menschen nach Heil wahrnimmt und versucht, Antwort aus der Tiefe des Glaubens zu finden, keine beliebige Antwort, sondern eine, die auch aneckt.“ Als wach empfindet sie Papst Franziskus, der sich traut, einfach zu sein, einfach zu reden, Menschen zu begegnen, die anders sind und anders denken. Als wache Gemeinschaft hat sie die Gemeinschaft von Taizé erlebt, die „wach ist für die Fragen und Nöte der jungen Menschen heute, auch wach dafür, Flüchtlinge aufzunehmen, Verbindungen zu schaffen mit anderen christlichen Gemeinschaften“. Das Wach sein wird gestärkt, wenn sich Ordensfrauen vernetzen, sich austauschen, erzählen, woraus sie leben und womit sie ringen. „Auch die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden kann mein Wach sein schärfen.“

Wache Orden als Beispiel für das Leben aller?

Was haben die Orden in ihrem Wachsein für das Leben aller einzubringen? Unsere Gesellschaft sei selbstbestimmt und selbstsicher, gesättigt, sagt Kl. Sr. Sabine. „Ordensleute weisen darauf hin: Das ist nicht die Erfüllung, das ist Schein, es gibt ein Mehr.“ In einer Welt, in der Menschen oft alles und sofort haben wollen, sollen Ordenschristen den „Mut zum Mangel“ haben und für Gott Raum schaffen. In allen Bereichen soll es nicht um ein Schielen gehen: was schaut dabei heraus, sondern darum, die Erfahrung „von Gott umsonst geliebt“ zu sein weiterzugeben. Gottes Ruf, zu welchem Leben auch immer, ist „ein Geschenk zuerst für uns und zugleich für alle anderen.“ So endet der Text im Gotteslob mit: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Mt 6,21)

[hwinkler]