"To better serve the mission": Über die neue Jesuitenprovinz

Ab 27. April wird die zentraleuropäische Provinz der Jesuiten gegründet. P. Bernhard Bürgler, zukünftiger Provinzial für die neue Provinz, und Georg Nuhsbaumer, Organisationsentwickler im Kardinal König Haus, sprechen über diesen #gemeinsame neue Zukunft und geben auch Tipps, wie so eine Zusammenlegung gelingen kann.

 

Das gesamte Interview ist auf YouTube zu sehen. (c) OG

Ab 27. April 2021 ändert sich vieles für die Jesuiten. Es wird eine neue zentraleuropäische Provinz gebildet, die sich über Ländergrenzen hinweg erstreckt. Die neue Struktur soll dazu dienen, dass die Jesuiten ihre Sendung besser ausüben können. Die neue Provinz wird insgesamt 36 Standorte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Litauen, Lettland und Schweden mit über 400 Mitbrüdern umfassen.

 

Warum ist ein Zusammenschluss der richtige Weg, und welche Signalwirkung hat er?

P. Bernhard Bürgler: Wir gehen diesen Schritt auch, weil unsere Zahlen zurückgehen, aber das ist nicht der einzige Grund. Wir machen das, weil sich die Zeiten geändert haben und sich auch weiterhin ändern. Es ist mehr Zusammenarbeit gefordert, und das birgt auch Chancen. Gleichzeitig ist es für uns irgendwie auch ein Zurückgehen zu unserem Gründungscharisma: Wir schauen wieder über Ländergrenzen, denken nicht mehr in Nationalitäten, sondern darüber hinaus.

Die Gründung der Gesellschaft Jesu gestaltete sich so, dass sich verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft getroffen haben, die alle einen Auftrag spürten, nämlich die Botschaft Jesu zu verkünden. Hinter ihm ist alles andere wie zurückgetreten. Im Laufe der Geschichte bildeten sich dann Provinzen, die oft identisch waren mit Ländern. So kam etwas wie Nationalitäts- oder Provinzbewusstsein auf, das eigentlich gar nicht zu uns passt.

Georg Nuhsbaumer: Ich sehe in diesem Prozess einen Punkt, der sich mit einem zentralen Anliegen von Papst Franziskus trifft, nämlich der Anregung hin zu einer synodalen Kirche. Das heißt, Organisationseinheiten, Strukturen, Menschen in der Kirche dazu anzuregen, gemeinsam auf Gott zu hören. Neu zu fragen, was ist es, das heute Gott von uns möchte, und in welche Richtung wir dazu gehen sollen.

Wie gestaltete sich der Prozess?

Georg Nuhsbaumer: Bereits 2011 hat der damalige Generalobere der Jesuiten den Impuls gesetzt, dass der Jesuitenorden seine Strukturen weltweit auswerten, reflektieren und neu ordnen soll. 2017 gab es dann das erste Treffen der Provinziäle in Zentraleuropa, und man bildete eine Steuerungsgruppe, die ich als Organisationsentwickler begleitet habe. Die Gruppe setzte sich aus acht Personen zusammen, zwei aus jeder Provinz, einem Provinzial und einem Mitbruder aus dem Provinzkonsult.

P. Bernhard Bürgler: Begonnen hat der ganze Prozess damit, dass sich die Provinzen in Zentralosteuropa überlegt haben, wer mit wem in einen solchen Prozess gehen könnte. Im Laufe der Zeit hat sich dann herauskristallisiert, dass die vier Provinzen Deutschland, Österreich, Schweiz und Litauen einen Weg gehen wollen.

Natürlich gab es dann auch Diskussionen, verschiedene Meinungen, auch Widerstände gegen manches. Aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass wir das alle wirklich wollen und gemeinsam an einem Strang ziehen und nach einer guten Lösung suchen.

20210305 Der neue Provinzial der zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten: P. Bernhard Bürgler.

Der neue Provinzial der zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten: P. Bernhard Bürgler. (c) MSB

Georg Nuhsbaumer: Für mich waren drei Dinge spannend. Erstens, dass die Jesuiten selbst den Schritt als eine Neugründung verstanden haben, nicht als eine Umstrukturierung oder Fusionierung. Das gibt so einem Prozess einen ganz anderen Charakter. Zweitens wurde ein bestimmtes Organisationsmodell gewählt, an dem sich der Prozess ausgerichtet hat. Da stand klar die Frage im Zentrum: „Wofür machen wir das?“ Und das war, in diesem Prozess das apostolische Wirken des Jesuitenordens zu stärken. Und drittens gab es auch immer ein gemeinsames Hinhören aufeinander, aber auch ein Hinhören auf „Was will Gott in dieser Situation mit den Jesuiten in Europa?“. Bewusst gemeinsames Schweigen war ein Element in diesem Prozess.

Tipps an andere Gemeinschaften?

P. Bernhard Bürgler: Schaut nicht auf das, was ihr vielleicht verlieren könntet, sondern schaut auf das, was der Gewinn sein könnte. Eine große Chance ist, dass man aus seinen eingefahrenen Spuren herauskommt, ja, herausgerissen wird. Damit zusammen hängt auch, dass es gut ist, sich Hilfe von außen, also eine Form der Begleitung zu holen, um Wege zu finden, die zu Neuem führen und uns wirksamer werden lassen. Denn unser Blick ist oft sehr eng, und wir denken meist zu eingeschränkt.

Georg Nuhsbaumer: Innere Bilder helfen. Das Beispiel zu denken, dass jetzt nicht vier Provinzen zusammengelegt werden, sondern dass 36 einzelne Kommunitäten zusammenkommen. Das hat ganz rasch etwas eröffnet und einen anderen Blickwinkel auf dieses Projekt gegeben. Es sagt besser aus, dass es Jesuiten sind die alle in Kommunitäten leben, die jetzt zusammenkommen.

Georg Nuhsbaumer spricht mit P. Bernhard Bürgler über die neue zentraleuropäische Provinz. (c) MSB

Georg Nuhsbaumer spricht mit P. Bernhard Bürgler über die neue zentraleuropäische Provinz. (c) MSB

Auswirkungen, Vorteile, Visionen?

P. Bernhard Bürgler: Was ich mir erwarte, ist, dass durch das größere Gebiet bestimmte Mitbrüder möglicherweise besser und ihren Fähigkeiten und Charismen entsprechender eingesetzt werden können. Weil es eben in diesem größeren Gebiet Felder gibt, in denen sie arbeiten können, die es vielleicht dort, wo sie früher waren, nicht gab. Das ist wohl ein Vorteil eines größeren Bereiches.

Georg Nuhsbaumer: Ein Kriterium, das sich die neue zentraleuropäische Provinz gegeben hat, war, sich nach apostolischen Feldern auszurichten. Also nicht regional zu schauen, wie man sich organisiert, sondern auf das Apostolat hin. Und das ist, glaube ich, ein Vorteil. Man blickt dann mit einem breiteren Horizont auf das jeweilige Feld und kann Profile schärfen. Eine Einrichtung wie das Kardinal König Haus in Wien wird dadurch jetzt die Möglichkeit haben, mit Bildungshäusern in Deutschland und der Schweiz gemeinsam zu denken.

P. Bernhard Bürgler: Ich blicke mit großer Zuversicht in die Zukunft, ich freue mich auf die neue Provinz. Ich habe ein gutes Team und ich denke, wir bauen an dem weiter, was wir bisher gemacht haben. Es ist "work in progress", aber es ist ein spannendes Unternehmen. Und eine wichtige Haltung bei dem Ganzen scheint mir zu sein, beweglich zu sein, zu werden und zu bleiben. Sich umzustellen, sich einzulassen auf Neues, auszuprobieren, Fehler zu machen, neu anzufangen. Das, denke ich, ist für uns oft nicht ganz leicht. Wir hätten es lieber anders, aber es ist wichtig im Leben, in eine offene Haltung hineinzuwachsen.

[magdalena schauer-burkart]