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Ordensarchive: Ein unverzichtbarer Beitrag zur „kulturellen Seelsorge“

Der 9. Juni ist der „Internationale Tag der Archive“. An diesem Tag wurde 1948 unter der Schirmherrschaft der UNESCO der „Internationale Archivrat“ (ICA) gegründet. Die Arbeitsgemeinschaft Ordensarchive Österreichs der Österreichischen Ordenskonferenz nimmt diesen Tag zum Anlass, um auf die Bedeutung und Wichtigkeit von Archiven sowie den Tätigkeitsbereich aufmerksam zu machen und gibt Einblicke in das Archiv der Erzabtei St. Peter in Salzburg.

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Benützung eines barocken Rechnungsbuchs (C) Erzabtei St. Peter/Dr. Michael Brauer (Fotodownload)

Gedächtnisort Archiv

„Archive gehören zusammen mit Bibliotheken, Dokumentationsstellen und Museen zu den so genannten Gedächtnisorganisationen. Sie stellen Unterlagen zur Erforschung des kulturellen Gedächtnisses bereit. Archive bewahren im Regelfall Unikate auf, d. h. Objekte, die einmalig sind“, erklärt Dr. Gerald Hirtner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs und Archivar der Erzabtei St. Peter.

In den Orden existieren historisch gewachsene Aufgabenbereiche. Daher können die Grenzen zwischen den einzelnen Gedächtnisorganisationen innerhalb eines Ordens variieren. Folglich existiert zum Beispiel in der Stiftsbibliothek St. Peter in Salzburg ein Zeitschriftenarchiv, das die Belege von Zeitschriften aller österreichischen Orden sammelt. Und manches österreichische Stiftsarchiv verwaltet wiederum mittelalterliche Bibliothekshandschriften.

Das Archiv der Erzabtei St. Peter in Salzburg

„Das Stiftsarchiv St. Peter ist eines der ältesten Archive Österreichs und bewahrt Dokumente seit dem 8. Jahrhundert. St. Peter, das älteste Kloster im deutschsprachigen Raum, ist ein kleines ‚Universum‘, in seinem Archiv haben sich faszinierende Dokumente erhalten“, so Dr. Hirtner, Leiter des Stiftarchivs. Das Verbrüderungsbuch von St. Peter in Salzburg und der Archivbestand des Abtes Dominikus Hagenauer wurden 2014 bzw. 2018 von der UNESCO-Kommission Österreich in das Gedächtnis der Menschheit („Memory of the World“) aufgenommen. Diese Auszeichnung verlangt nicht nur eine professionelle Sicherung, sondern auch eine zeitgemäße Präsentation und Verfügbarkeit.

Viele Objekte des Stiftsarchivs werden in Edition oder als Digitalisat angeboten: mehrere tausend Urkunden auf monasterium.net, etliche Handschriften im Volldigitalisat auf manuscripta.at und manch Kurioses auf salzburg-geschichte-kultur.at: Aufzeichnungen aus der barocken Klosterküche, ein radelnder Benediktiner um 1900 oder lost art am Beispiel einer verschollenen mittelalterlichen Pergamentrolle.

Rezente Publikationen über St. Peter zeugen von den laufenden, intensiven ordensgeschichtlichen Forschungen. „Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt im Archiv der Erzabtei St. Peter ist die Bestandserhaltung, bei der das biologische Verfahren des ‚Integrated Pest Management‘, d. h. ohne Einsatz jeglicher Giftstoffe, zur Anwendung kommt. Den hier erarbeiteten Standards wird in den kommenden Jahren noch erhebliche Bedeutung, besonders im (internationalen) Leihverkehr, zukommen,“ erläutert der Archivar und Vorsitzende des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft.

Das vielfältige und umfangreiche Aufgabenspektrum eines Stiftsarchivars wurde 2017 unter dem Titel „Archiv der Erzabtei St. Peter in Zahlen gefasst“ publiziert.

20210607 Ausschnitt aus dem Verbrüderungsbuch St. Peter C Erzabtei St. Peter 700pxAusschnitt aus dem Verbrüderungsbuch von St. Peter (ASP, Hs. A 1), das 2014 in das „Gedächtnis der Menschheit“ aufgenommen wurde. (C) Erzabtei St. Peter (Fotodownload)

Ordensarchive im Porträt

Einen detaillierten Einblick in seine Arbeit gibt auch das Archiv des Schottenstifts in Wien, bestehend aus Dr. Maximilian Alexander Trofaier und Mag. Larissa Rasinger. Das Schottenstift ist ein österreichischer Vorreiter in Hinblick auf seinen Archiv-Blog. Das Team ist bekannt für seine fundierten, hilfreichen Beiträge zu archivfachlichen Themen.

Über einen vorbildlichen Online-Auftritt mit zahlreichen Web-Ressourcen verfügt auch das Archiv des Zisterzienserstifts Lilienfeld, das von MMag. Dr. Irene Rabl betreut wird.

P. Peter van Meijl ist Ordensmann, stv. Vorsitzender des Vorstands der ARGE Ordensarchive Österreichs und Leiter des Provinzarchivs der Salvatorianer in Wien. Gemeinsam mit seinen beiden Mitarbeitern erschließt er mustergültig das Archiv der Salvatorianer und das ebendort untergebrachte Archiv der Barnabiten. Seine ordenshistorischen Verdienste haben zuletzt in der Seligsprechung des Ordensgründers P. Franziskus Jordan Früchte getragen.

Weitere aktuelle Archivporträts existieren etwa vom Stiftsarchiv Schlägl, dem Provinzarchiv der Barmherzigen Brüder oder den Franziskanerinnen von Vöcklabruck. Dokumente aus den Stiften Göttweig, Lilienfeld, Vorau und Zwettl wurden – wie auch zwei Bestände der Erzabtei St. Peter – von der UNESCO-Kommission Österreich in das Gedächtnis der Menschheit („Memory of the World“) aufgenommen. Jedes Ordensarchiv wäre es wert, hier einzeln vorgestellt zu werden. ArchivarInnen bringen im Regelfall viel Leidenschaft für ihren Beruf mit, der meist vielmehr eine Berufung ist.

Allen Orden gemeinsam ist, dass sie zwar in der Region verwurzelt sind, aber dennoch über einen weiten, überregionalen Horizont verfügen. Die Ordensarchive bilden genau diese fruchtbare Spannung ab. Mit ihrem geografischen und historischen Weitblick leisten Ordensarchive einen unverzichtbaren Beitrag zur „kulturellen Seelsorge“.

20210607 1 Beispiel eines schwer beschädigtes Wachssiegels aus dem 16. Jh. das kürzlich professionell restauriert wurde ASP Urk. Nr. 2212. Foto Erzabtei St. PeterMag. Christian Moser 700px

Beispiel eines schwer beschädigtes Wachssiegels aus dem 16. Jh., das kürzlich professionell restauriert wurde (ASP, Urk. Nr. 2212). (C) Erzabtei St. Peter/Mag. Christian Moser (Fotodownload)

Was macht ein/e Archivar/in?

Archive bewahren, erschließen und vermitteln Unterlagen, sowohl Schrift- als auch Bilddokumente, die für die laufende Aufgabenerledigung nicht mehr benötigt werden. Diese Unterlagen können nach wie vor rechtliche Relevanz besitzen oder einen kulturellen, historischen Wert haben.

„Es liegt in der Verantwortung der jeweils zuständigen ArchivarInnen, Unterlagen zu bewerten und gegebenenfalls unbefristet aufzubewahren oder auch zu vernichten. Die Aufgabe der Bewertung ist die schwierigste im Archivbereich, sozusagen die Königsdisziplin“, erklärt Mag. Karin Mayer, Bereichsleiterin Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, und ergänzt: „Bewertung setzt eine detaillierte Institutionenkenntnis und historisches Wissen voraus. Im Rahmen einer archivischen Bewertung kann auch über die Vernichtung von Unterlagen entschieden werden. Das ist notwendig, da allein schon aus Platzgründen nicht alles aufbewahrt werden kann. ArchivarInnen stellen sicher, dass bei einer Reduzierung des Umfangs gleichzeitig eine inhaltliche Verdichtung der Überlieferung garantiert ist. Diese paradoxe Aufgabenstellung erfordert eine fundierte fachliche Ausbildung und viel praktische Erfahrung. Deshalb legen ArchivarInnen größten Wert auf diesen Teil ihrer Arbeit.“

20210607 Einblicke in den archivischen Alltag Sortierregal nach einer Archivalienübernahme C Erzabtei St. Peter 700px

Einblick in den archivischen Alltag: Sortierregal nach einer Archivalienübernahme. (C) Erzabtei St. Peter (Fotodownload)

Bedeutung von Archiven ex negativo

Der Wert von Gedächtnisorganisationen wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer dann besonders bewusst, wenn sie durch Katastrophenereignisse gefährdet oder verloren sind. Das gilt für bedeutende Einrichtungen wie das Stadtarchiv Köln, die Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek oder das brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro genauso, wie für ein kleines österreichisches Archiv. Erst vor wenigen Jahren konnte ein oberösterreichisches Pfarrarchiv nach einem Brand durch sachkundiges und beherztes Eingreifen des zuständigen Diözesanarchivars vor noch größerem Schaden bewahrt werden.

Archive als Felsen in der Informationsbrandung

Archive stehen immer im Dienst der Wahrheitsfindung. Verschiedenste Interessensgruppen nutzen die Dienstleistungen von Archiven. Der Bogen spannt sich von der Familienforschung, die sich einer steigenden Beliebtheit erfreut, bis hin zu umfangreichen wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Unterlagen für die Familienforschung sind aufgrund von Initiativen kirchlicher Archive mittlerweile niederschwellig zugänglich. Archive können auch helfen, schwierige und brisante Fragen zu beantworten, wie etwa jüngste kirchenhistorische Recherchen in den Vatikanischen Archiven zeigten. Schließlich kann wohl kein Jubiläum gefeiert werden ohne eine Vergewisserung anhand archivischer Quellen. Zuletzt feierten die Ursulinen der Römischen Union in Klagenfurt ihr 350-Jahr-Jubiläum mit einer quellenbasierten Publikation. Fundierte Erinnerung ist letztlich ein zentraler Wert unseres Menschseins.

Ordensarchive in Österreich

In Österreich existieren derzeit rund 500 Ordensarchive und -bibliotheken. Sie sind in einem Klosterportal, das regelmäßig aktualisiert wird, erfasst. Für die komplexe Ordensarchivlandschaft in Österreich ist derzeit eine detaillierte Statistik in Ausarbeitung. Eine Umfrage wird durch den Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs vorbereitet.

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Irene Kubiska-Scharl, Gerald Hirtner und Karin Mayer von der Arbeitsgemeinschaft Ordensarchive Österreichs (C) Magdalena Schauer-Burkart (Fotodownload)

ARGE Ordensarchive Österreichs: Qualitätsvolle Archivarbeit durch Zusammenarbeit

Die Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs wurde 2004 gegründet und dient der Interessensvertretung, der Unterstützung, der Vernetzung und dem Erfahrungsaustausch der Ordensarchive bei ihrer Tätigkeit. Die Arbeitsgemeinschaft wählt einen Vorstand auf vier Jahre, der die vielfältige Ordensarchivlandschaft abbildet und vertritt. Vielleicht ein role model für viele andere Gremien: Das Geschlechterverhältnis fällt im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs zugunsten der Frauen aus.

Zu fachlichen Fragen werden Tipps, Handreichungen und Hilfsmittel publiziert, etwa wenn es um den richtigen Umgang mit digitalen Dokumenten, die Bewertung von Unterlagen oder die Benützung von Archivgut geht. Für gewöhnlich verfügt jedes Ordensarchiv über eine eigene Archiv- und Benützungsordnung, worin der korrekte Umgang mit Archivgut geregelt ist. In den meisten österreichischen Ordensarchiven gilt eine Schutzfrist von 50 Jahren, innerhalb derer eine Einsichtnahme – außer in begründeten Ausnahmefällen – nicht möglich ist. Ordensarchivarinnen und Ordensarchivare stellen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten ihr fachliches und historisches Wissen gerne der Allgemeinheit zur Verfügung.


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Kontakt | Rückfragehinweis

Mag. Karin Mayer
Ordensgemeinschaften Österreich
Kultur & Dokumentation
0660 186 91 06
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Dr. Gerald Hirtner
Vorsitzender ARGE Ordensarchive Österreichs
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Mag. Renate Magerl
Ordensgemeinschaften Österreich
Kommunikation & Medien
0660 7853626
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

[renate magerl]


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