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Annette Schavan: Kirchliche Erneuerung stark von Orden getragen

Annette Schavan, die frühere deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, war gestern Referentin beim Ordenstag. Ihr Beitrag über "Geistesgegenwärtigkeit" war ein Plädoyer gegen jene Art von Pessimismus, wonach das Ende des Christentums nahe ist.

 20211123 Schavan

Mit einer Ermutigung an die Ordensgemeinschaften, so manchen strukturellen Rückbau immer auch mit der Suche nach neuen Wegen in die Zukunft zu verbinden, hat sich die ehemalige deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, an die mehr als 200 Teilnehmenden des "Ordenstages" gewandt.

Schavan hielt am Dienstagnachmittag den dritten Vortrag beim "Ordenstag", der heuer pandemiebedingt online abgehalten wurde. Die frühere Diplomatin und Politikerin verwehrte sich gegen den zunehmenden Pessimismus, wonach das Ende des Christentums nahe sei. Die Geschichte des Christentums sei vielmehr zutiefst eine Geschichte der Erneuerung. Und oft seien diese Erneuerungen von Orden getragen worden, so Schavan. Und sie betonte: "Auch heute können Orden weltweit solche Erneuerungsmilieus sein."

Mehr Wertschätzung für die Orden

Die Ex-Botschafterin mahnte in diesem Zusammenhang auch mehr Wertschätzung für die Orden in der Kirche ein. In Richtung der Orden räumte sie ein, dass aufgrund der demografischen Entwicklung ein gewisser "Rückbau" zweifelsohne nötig sei, doch ein solcher Rückbau sollte zugleich mit neuen Wegen in die Zukunft verbunden werden, so der Ansatz Schavans.

Vor Kurzem veröffentlichte Schavan ihr Buch "geistesgegenwärtig sein: Anspruch des Christentums". Die Zeitenwende verlangte eine neue Geistesgegenwart, so die Autorin beim "Ordenstag". Dafür wiederum brauche es zuerst den Blick auf das Leben Jesu. In der persönlichen Begegnung mit Jesus hätten die Menschen seiner Zeit neue Lebensperspektiven erfahren und es sei ihnen die Furcht vor der Zukunft genommen worden, so Schavan. "Geistesgegenwärtig" bedeute in diesem Zusammenhang auch heute: "Wie können Menschen auf der Suche Begegnungen mit uns Christen so erleben, dass sie darin eine Perspektive für ihre Zukunft finden?"

Zukunft an der Peripherie

Es brauche mehr Geistesgegenwart für das Leben von Menschen heute, ihre Gedanken und Hoffnungen, ihre Sehnsucht und Einsamkeit, aber auch ihre Kreativität und Gestaltungskraft. Das alles finde man aber weniger in Metropolen oder Kathedralen, sondern vielmehr an der Peripherie, dort wo auch Papst Franziskus den Ort bzw. die Zukunft der Kirche sieht. In der Auseinandersetzung mit der Peripherie seien schließlich auch viele Orden entstanden, erinnerte Schavan.

Schavan ortete einen grundlegenden Veränderungsprozess, der gerade vor sich gehe. Die Corona-Pandemie zeige den Menschen Schwächen auf, falsche Prioritäten und beschleunige Veränderungen. Die frühere Botschafterin sprach von einer "Zeitenwende". Gerade deshalb sei es auch eine Zeit, den grundlegenden Fragen des Lebens nicht auszuweichen und festzustellen, was künftige Prioritäten sein könnten; wenn es etwa um ein anderes Verständnis von Wirtschaft, Wohlstand oder Fortschritt gehe.

Freilich räumte Schavan ein, dass die gegenwärtige Zeit auch eine besonders anspruchsvolle und anstrengende sei. Sie verglich die Gegenwart mit dem Karsamstag - als Zeit des Übergangs vom Schrecken des Karfreitags zum Auferstehungsjubel. "Den Karsamstag muss man aber aushalten."

Solidarität und Weltgemeinschaft

Die frühere Vatikan-Botschafterin skizzierte einige Wesensmerkmale einer erneuerten Kirche. Es gelte etwa, die Solidarität der Christenheit im Leben und Leiden der Menschen präsenter zu machen. Dafür müssten Räume und Zeiten zur Verfügung gestellt werden. Und: "Mehr Weltgemeinschaft ist notwendig." Schavan kritisierte den zunehmenden Nationalismus; weltweit, aber vor allem auch in Europa. Dagegen müssten die Christen auftreten. Die Weltkirche müsse Vorbild dafür sein, wie Respekt vor kultureller Vielfalt gelebt wird.

Kritik übte Schavan in diesem Zusammenhang an so mancher Ortskirche, die sich an lokalen nationalistischen politischen Strömungen orientiere. Dabei sei offensichtlich, dass die großen Herausforderungen der Gegenwart nur gemeinsam zu bewältigen seien, so Schavan im Blick auf die Pandemie, den Klimawandel, schwindende Biodiversität oder die Armut in der Welt.

Schavan ermutigte auch dazu, wider jeder Resignation an eine gute Zukunft zu glauben. "Der Glaube kann Berge versetzen und er kann politische Realitäten versetzen", so Schavan. Sie erinnerte an die politischen Veränderungen in Europa vor rund 30 Jahren, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte.

Untrennbar verbunden mit diesen Veränderungen sei die Person von Papst Johannes Paul II. und seiner Vision eines freien Europas, das mit zwei Lungenflügeln atmet, so Schavan. Sie verwies aber auch auf die jahrelangen Montagsgebete für Frieden und Freiheit in der DDR.

"Wert der kleinen Einheiten"

Die Diplomatin rief weiters dazu auf, den "Wert der kleinen Einheiten" wieder neu zu entdecken. In diesen liege die Zukunft, zeigte sie sich überzeugt. Und nochmals mit anderen Worten: "Für Geistesgegenwart braucht es die Kraft der kleinen Einheit." Damit verband Schavan auch Kritik an so manchen Strukturreformen in der Kirche, die in größeren Organisationsformen Lösungen für die Zukunft sehen. Entscheidend sei aber die Nähe der Kirche zu den Menschen, gab Schavan zu bedenken.

Anette Schavan war von 2014 bis 2018 deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Die studierte Theologin und Erziehungswissenschaftlerin war von 1995 bis 2005 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg, dann bis 2014 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2005 bis 2013 war sie Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Der "Ordenstag" am Dienstag stand unter dem Generalthema "Leidenschaftlich gegenwärtig". Weitere Referentinnen und Referenten neben Schavan waren die Priorin des Benediktinerinnenklosters in Köln-Raderthal, Sr. Emmanuela Kohlhaas, und der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger

In Kooperation mit der Kathpress.


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