Schule muss allen eine Stimme geben

Dr. Martin Jäggle und Melisa Erkurt eröffneten mit ihren Vorträgen über Vielfalt und wie diese auch in den Schulen gezeigt werden kann die Tagung. 

Schulen brauchen Vielfalt

 

2021 01 15 Gesprächsrunde mit Erkurt und Jäggle

Dr. Martin Jäggle, Professor für Religionspädagogik i.R. und von 2008-2012 Dekan der Kath.-Theologischen Fakultät Wien startete vor rund 70 Teilnehmer*innen mit einem Vortrag über „Leben und Lernen in Gegenwart des/der Anderen.“ Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen – „für mich war Vielfalt die Normalität als ich jung war“ – hat er sich stets eine Offenheit für andere Kulturen und Religionen bewahrt.

Corona stärkt Miteinander und zeigt Verletzlichkeit

Sein Vortrag beginnt mit einer Erfahrung, die er während der Corona-Pandemie in den Schulen beobachtet hat: „Das Überraschende für alle, die mit Schule zu tun haben, ist, dass junge Menschen gerne in die Schule kommen. Miteinander leben und lernen ist nicht ersetzbar, nicht digitalisierbar. Wir sind physische Erscheinungen.“ Corona habe hier etwas Gutes bewirkt, nämlich dass das Miteinander in der Schule jetzt an erster Stelle steht.

Eine Frage der Schulkultur

Schulen haben oft spezifische Rituale, die im Positiven den Schüler*innen eine Form der Anerkennung zollen, die nicht an Leistungen gebunden ist.  Vor allem hier „versteht man, was an der Schule an Humanität läuft. In allen Schulen, die diese leistungsfreie Anerkennung nicht kennen, hat Mensch-Sein wenig Platz“, ist Jäggle überzeugt.

Im Negativen finden sich auch immer wieder „Demütigungsrituale“, beliebt sei etwa, Schüler*innen an der Tafel vorzuführen, wenn sie sich nicht dafür gemeldet haben. Hier seien auch Direktor*innen gefragt, in ihren Schulen genauer hinzuschauen.

Diskriminierung mittels Sprache und Herkunft

„Die beiden stärksten Formen der Diskriminierungen im schulischen Kontext erleben Schüler*innen hinsichtlich Sprache und sozialer Herkunft“, führt Jäggle weiter an, „so ist die Art, wie in Österreich Deutsch Lernen verordnet wird, strukturell diskriminierend.“

Die eigene Muttersprache – zumindest die vieler Migrant*innen – hat keinen Wert, oder werde verboten. Als eine katholische Schule die Deutsch-Pflicht in der Pause beschloss, weil sich die 90 Prozent der Schülerschaft, die Deutsch konnten, sonst ausgeschlossen fühlten, hätte er dieser Schule den Status “katholisch“ gerne aberkannt.

„Wie kann eine katholische Schule nur eine Sprache zulassen, wenn unter dem Begriff katholisch weltweit so viele Sprachen beheimatet sind“, fragt Jäggle. Er ist überzeugt, dass Schulen eine „Würdigung der Vielfalt“ brauchen.

Das Problem mit der Blumenwiese

 Aber auch diese Vielfalt birgt Probleme, nämlich dann, wenn diese nur kosmetisch ist. Prof. Jäggle vergleicht die Situation mit einer Blumenwiese: Die Schule besteht aus vielen blühenden Blumen, im Ganzen eine wahre Blütenpracht. Ob alle Knospen blühen, ist nur schwer erkennbar – und für den Betrachter letztendlich auch gleichgültig, die Wiese ist bunt genug. „Genauer hinschauen auf den Einzelnen, auf die Knospe, die - warum auch immer - nicht erblüht ist, ist nicht mehr nötig.“

Nach Jäggle sollte an (katholischen) Schulen Platz für Vielfalt sein, denn es ist „normal, verschieden zu sein“. Es brauche vom Lehrpersonal ein Bewusstsein für die Unterschiede, um ihren Schüler*innen in der Schule einen „safe space“ zu ermöglichen. So wird die „katholische Schule ein Ort, an dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

 Schule muss allen eine Stimme geben

2021 01 15 Erkurt

Autorin und Journalistin Melisa Erkurt sprach über "gut gemeinten" Alltagsrassimus und warum es Schüler*innen mit Migrationshintergrund einfach schwer haben. (c) Mayr

Die nächste Referentin hatte das Glück, in ihrer Volksschule so einen „safe space“ gefunden zu haben, wo sie weder wegen ihrer Herkunft (Bosnien) noch Religion (Muslima) bewusst anders behandelt wurde: Journalistin und Autorin Melisa Erkurt. „Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“, lautete der Titel ihres Vortrages der zugleich auch der Untertitel ihres im Sommer 2020 erschienenen Buches „Generation Haram“ war.

Antimuslimischer Rassismus

„Was in Österreich weit verbreitet ist, ist der Gedanke, dass es Rassismus nur in der rechten Szene gibt. Aber das stimmt so nicht“, spricht sie aus persönlicher Erfahrung. Sie benutze deswegen bewusst den Begriff Anti-muslimischer Rassismus, während Parteien und Medien diesen Begriff bewusst meiden. Denn solange man keinen konkreten Namen für ein Problem hat, existiert es nicht. Tatsache ist, dass für Muslime in Österreich rassistische Kommentare und Anfeindungen ein ständiger Begleiter sind, besonders auch in den Schulen. "Schlimm war es nach dem Terrorangriff in Wien, als plötzlich alle unter Generalverdacht standen." Ihr ist das nach den Terroranschlägen von 9/11 passiert, "plötzlich wurde in der Schule gesagt, dass meine Verwandten und Brüder da mitgemacht haben". Das sei natürlich absurd, aber auch etwas, was sich viele denken. Es gebe keine Differenzierungen nur " die Muslime und Muslimas". 

Alltagsrassismen, Kopftuchverbote und Co.

Problematisch, weil unbewusst, sind gut gemeinte Fragen wie „Woher kommst du wirklich?“. Kinder mit Migrationshintergrund kennen als Heimat meist nur Österreich und verstehen diese Frage nicht und fühlen sich dadurch als nicht zugehörig.

Auch den geplanten Ethik- statt Religionsunterricht sieht sie kritisch. „Ich glaube, dass Eltern ihre Kinder sonst in einen islamischen Unterricht zu den Moscheen schicken. Nicht alle vermitteln ihre Inhalte so wie ich das den Schüler*innen vermitteln würde - vor allem sind sie dort nicht pädagogisch bewandert.“

Brennpunkt Schule

Katholische Schulen, die wenig Migrant*innen haben, sieht Erkurt dennoch in der Verantwortung, Rassismus zu thematisieren. „Es ist ein Gesellschaftsphänomen.“

Hier wäre das Lehrpersonal gefordert, aber auch dort sieht Erkurt, dass wenig bis keine Sensibilisierung vorhanden ist: „Ich hatte zwei Lehrerkolleginnen mit Kopftuch. Im Lehrerzimmer wurden sie ständig für Islamlehrerinnen gehalten, ihre Namen wurden auch nach mehreren Monaten immer noch falsch ausgesprochen und am Anfang wurden sie sogar für die Putzkräfte gehalten.“ Was geben diese Menschen dann in den Klassenzimmern weiter?

Ausbildung mangelhaft

Tatsache ist aber auch, dass Lehrer*innen während ihrer Ausbildung nicht Schulen mit vielen Migrant*innen vorbereitet werden. „Ich konnte beim Unterricht nichts von dem anwenden, was mir während dem Studium beigebracht wurde. Ich musste mir für meine Schülergruppen alles neu erarbeiten", so Erkurt.

Es sei leider Tatsache, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund oft anders behandelt und beurteilt werden als autochthone Kinder. Während eine Laura "nur" ein stilles Kind ist, wird eine stille Hülya daheim unterdrückt. Schüler*innen bekommen mit Schuleintritt einen Stempel, den sie zeitlebens nicht mehr wegbekommen. „Woher auch, wenn niemand an sie glaubt,“ ist Erkurt überzeugt. Hier wäre es in Schulen wichtig, mit Vorbildern aus den jeweiligen Kulturkreisen zu zeigen, dass Migrant*innen mehr erreichen können als „beim AMS zu landen oder putzen zu gehen“.

Schule wird von Menschen gemacht

„Schule wird immer von Menschen gemacht. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, wenn wir kleine Schritte in die richtige Richtung gehen, Veränderungen zu bewirken“, resümiert Ko-Moderator Michael Haderer.

In seinem Abschlussstatement geht Martin Jäggle noch einmal auf die Betonung von „Mehrheitsreligion“ und unserer „christlich geprägten Kultur“ ein. Man vergesse, dass das nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die Shoah beinhalte. Und an Moria zeige sich, ob wir heute Christ*innen sind und wie es um unser christlich geprägtes Abendland bestellt ist.  

 [elisabeth mayr]