Auf jeden F@ll online

Was bewegt Jugendliche heute in spiritueller Hinsicht? Welche Art von Wachheit begegnet uns da? Ferdinand Kaineder, der Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften Österreich, hat bei der  Jugendforscherin Beate Großegger und Veronika Poindl von der Katholischen Jugend Österreich nachgefragt. Sie geben in der aktuellen Ausgabe der ON Ordensnachrichten einen „Hinblick“. #wach

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Fotos: Ferdinand Kaineder

„Die Jugend heute ist nicht besser oder schlechter als Generationen vor ihr. Sie ist anders.“ Die Jugendforscherin Beate Großegger betont das eingangs gegenüber den Ordensoberinnen bei ihrer Jahrestagung in Vöcklabruck zum Thema „Jugendarbeit der Frauenorden als Herausforderung“. Die Jugendforscherin rät, sich genau damit zu beschäftigen, was Jugendliche heute unter Religion verstehen: „Heute wachsen junge Menschen selbstverständlich in interreligiösen Gesellschaften auf.“ Woran denken Jugendliche, wenn sie Religion hören? „Glaube an Gott, Institution Kirche, Religionsgemeinschaft oder eine der Weltreligionen, soziales Miteinander und Zusammenhalt, Gemeinschaft, veraltete (Wert)Vorstellungen, Lebenssinn, moralisches Handeln, gesellschaftliche Einflussgröße, Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Religionsfreiheit, Religion ist Privatsache, jedem das Seine in Sinne einer gleichgültigen Toleranz und – ist nichts für mich.“ Großegger sieht die Gesellschaft im Wandel, die gerade auch die Jugend verändert. Daraus ergeben sich „drei Lesearten von Religiosität“:
1) Glauben, ohne dazuzugehören.
2) Dazugehören, ohne zu gehorchen.
3) Dazugehören, ohne Verpflichtung.
„Jugend ist heute ein Transit-Projekt hinüber ins Erwachsenenalter. Normen und Werte werden von der Erwachsenengesellschaft als Entwicklungsnormen an die Jugendlichen direkt herangetragen. Die frühere Schonzeit im Sinne von Experimentieren, Ausprobieren, Platz für Hedonismus und Gegenwartsorientierung findet heute keinen Platz mehr.“

Position beziehen und Profil aufbauen

Großegger: „Wichtig ist es, sich zu positionieren. Die sozialen Bruchkanten werden schärfer und die Gesellschaft zerfällt mehr und mehr in GewinnerInnen und VerliererInnen. Die soziale Stufenleiter ist glitschiger geworden. Der Absturz scheint von überall möglich.“ Es geht darum, an der Sicherung der Zukunft der Jugend mitzuwirken und der „sozialen Exklusion“ entgegenzuwirken. Orden haben hier eine besondere Rolle, wenn sich der Sozialstaat als immer brüchiger erweist. Es geht darum, „exklusionsgefährdete Jugendliche als Zielgruppe der kirchlichen Jugendarbeit zu sehen. Da geht es um Jugendliche, die sich selbst selektieren, die erfüllt sind von einem Mut zur Unverschämtheit, die einer radikalen Gegenwartsorientierung nachgehen oder erfüllt sind von Angst, noch Randständigeren zu begegnen.“ Für solche Leute Angebote zu schaffen ist aus Sicht der Jugendexpertin die vorrangige Aufgabe der Ordensgemeinschaften.

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Verstaubtes Image ablegen

Woran denken Junge, wenn sie an Ordensfrauen denken? „Ordenskleidung und Habit, Jungfräulichkeit und sexuelle Enthaltsamkeit, strenger Glaube und Disziplin, Klosterleben und Klostergemeinschaft, Verzicht auf ein eigenes Leben, moralisches Handeln und Filme sowie TV-Serien.“ Jugendliche suchen laut Expertin weniger Lebenssinn, sondern sie wollen etwas bewirken, leben mit performativem Ansatz. „Da muss sich etwas tun. Jugendliche suchen immer eine Bühne.“ Das heißt für die Orden, das „verstaubte Image“ abzulegen, mehr Flexibilität zu entwickeln, projektbezogen zu arbeiten und Dinge zu tun, „die mit einem Nutzen verbunden sind“. Ansatzpunkte für kirchliche Jugendarbeit sieht Großegger in „Moratorien und Eigenzeit für die Jungen bereitstellen wie beispielsweise Infrastruktur ohne Normendruck“. Gerade exklusionsgefährdete Kinder und Jugendliche korrelieren gut mit dem Image der meisten Ordensgemeinschaften.

Immer etwas Neues erfinden

Veronika Poindl von der Katholischen Jugend Österreich ist Ansprechperson für die Themenfelder Firmung, Orientierungstage, Spiritualität und im Vorstand des ÖAKL (Österreichischer Arbeitskreis Katholischer JugendleiterInnen). „Wir sind gefordert, immer Neues zu erfinden. Ganz konkret, pragmatisch heißt es Anknüpfungspunkte zu finden, zu erfinden, beispielsweise die Segensfeier für Liebende. Da trifft Liebe ein Ritual. Segen und Essen gehen gut zueinander und die Jugendlichen kommen.“ Das ist die einladende Seite der Jugendarbeit. Die andere Seite ist die: „JugendleiterInnen gehen auf die Jugendlichen in einem besonderen Umfeld zu, beispielsweise beim Frequency. Bei dieser Art von Festival-Seelsorge ist man einfach unter den Leuten, mit einer Sitzgelegenheit oder einem Zelt.“ In allem ist die Ästhetik ganz entscheidend, ob das Angebot anspricht. In jedem Fall gilt derzeit gerade die „Instagram-Ästhetik“. Poindl erzählt von Veranstaltungen im Kirchenraum, „die anders erlebt werden als gleich sakral. Da ist ein Filmabend in der Kirche und die Jugendlichen schlafen dann in der Kirche. Wir können nicht sagen, was sie davon in 20, 30 Jahren erzählen werden.“

Kritik kommt

Poindl hält auch fest, dass solche Initiativen und Veranstaltungen nicht ohne Kritik abgehen. „Was hat das mit Gott zu tun? Am Sonntag kommen sie dann eh nicht, obwohl sie in der Kirche geschlafen haben.“ So ähnlich lauten die kritischen Anmerkungen und manche JugendleiterIn steht in Spannung zur „etablierten Pfarrbevölkerung“. „Gerade die kirchliche Sprache ist nicht anschlussfähig und deshalb gilt die Tatsache: Für manche Menschen bist du die einzige Bibel, die sie je lesen.“ Das veröffentlichte Image von Kirche ist grau, eng und mit Skepsis gefüllt: Beispiel Homosexualität.

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Einladend bleiben

Wie heute Jugendliche erreichen? „Und in jedem Fall online“, weiß Poindl und verweist auf Instagram oder andere Social Media Kanäle, wo sich die Jugendlichen aufhalten, unterhalten, Kontakte suchen. „Online ist Lebensrealität und Fakt.“ Es geht um lebendige Postings, um einen guten Einsatz auch von „Werbung“. Es geht um das Beobachten der „Insights“ auf den Kanälen und ein gutes Ranking auf Such-Seiten. „Liebe, Familie, Partnerschaft“ sind nach wie vor die großen Themen. Und Jugendliche suchen den unmittelbaren Nutzen. Darum geht „72h ohne Kompromiss“ so gut. Dahinter steht ein Verständnis von Spiritualität, „das das ganze Leben ausmacht und nicht segmentiert ist“. Poindl lässt die Gelegenheit nicht aus, „das Ehrenamtlichen-Engagement als großes Probier- und Lernfeld für das Leben herauszustreichen“. Die Katholische Jugend sieht sie als besonderen Schatz der Kirche, als „kritisch-loyalen Haufen, wo Jugendliche Jugendliche begleiten, miteinander lernen und sich für die spirituelle Dimension des Lebens geöffnet halten“.

[hwinkler]