Schleske: „Unterrichten ist ein Schöpfungsakt“

Geigenbaumeister Martin Schleske referierte auf der Tagung der Schulerhalter und DirektorInnen der AHS und BHMS katholischer Privat- und Ordensschulen im Bildungshaus St. Virgil. Er verglich die Aufgabe eines Lehrers mit der eines Geigenbaumeisters, der eigene freie Resonanzen der Schüler freisetzen solle.

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„Ich will Geigen bauen, besser als Antonio Stradivari, und wenn es nicht möglich ist, wissen warum es nicht geht." Martin Schleske über seinen Beginn als Geigenbauer. (c) Medienbüro

Es war ein lang gehegter Wunsch des ehemaligen Bildungsreferatsleiters der Ordensgemeinschaften, Rudolf Luftensteiner, den Autor von „der Klang“ und „Herztöne“ als Vortragenden auf der Tagung der katholischen Privat- und Ordensschulen zu gewinnen. Neben dem Dogmatiker Martin Dürnberger, dem Digitalisierungsexperten Thomas Nárosy und dem Heidelberger Pädagogen Michael Felten, war der Diplomingenieur für Physik, Geigenbaumeister und Autor von vielgelesenen spirituellen Büchern, Martin Schleske, Vortragender bei der Tagung von 13. bis 15. Jänner 2020.

„Innere Schule der Berufung“

„Wenn ich Musiker in der Werkstatt erlebe, haben Musiker eine derart innige Beziehung zum Instrument, wie zu einem Organ des eigenen Körpers“, begann Schleske aus der Praxis des Geigenbaus zu erzählen. So werde auch der Musiker selbst zum Instrument, wenn die Musik den Klang der Seele zum Schwingen bringe. „Ein Musiker singt im Klang der Seele im Gefühl vollkommener Stimmigkeit“, so Schleske.

Auch ein guter Unterricht verlange nach einer solchen inneren Stimmigkeit. Ein Physikprofessor an der Geigenbauschule war Schleskes großer Lehrer und Förderer, dem er viel verdanke. Dabei war die schulische Laufbahn Schleskes „alles andere als rühmlich“. Dem Schulausschluss bereits bedrohlich nahe rettete ihn vorerst ein Umzug der Familie. Schließlich in der 10. Klasse brach er die Schule ab und begann die Ausbildung zum Geigenbauer. „Das Gymnasium habe ich erlebt, dass unentwegt Fragen beantwortet wurden, die ich nicht hatte. Als ich die Geigenbaulehre begann, drehte es sich um, ich hatte viele Fragen aber keine Antworten“, erzählte Schleske von dieser Zeit.

Er war getragen von der Frage, was das Geheimnis dieser besonderen Geigen sei, die einen heilsamen Klang besitzen, der sich auch in der leisesten Lautstärke, dem Pianissimo, bis in die letzte Reihe trage.

„Während meiner Ausbildung sagte ich, ich will Geigen bauen besser als Antonio Stradivari, und wenn es nicht möglich ist, wissen warum es nicht geht.“ Ein neuer Physikprofessor kam an die Schule, Helmut A. Müller. „Er wollte uns beim Lernen helfen und war bei den Fragen immer ein Suchender“, erzählte Martin Schleske,„ein guter Lehrer muss nicht lehren, sondern lernen wollen.“ Von einem solchen Menschen gehe etwas unglaublich Geistvolles aus. Schleske: „Müller brachte uns zum Staunen, indem er mit uns auf den Grund ging. Ein Lehrer stellt Fragen, ein guter Lehrer provoziert Fragen.“ Schleske sprach, wie wichtig die Einstellung des Lehrers sei, der nicht vermitteln solle, sondern Anteil an seinem Suchen geben möge.

Schleske: „Unterrichten ist ein Schöpfungsakt, vielleicht auch ein Kunstwerk."

Erst am Ende der Lehrzeit entpuppte sich der Physiklehrer als Firmenchef der Müller-BBN Akustikfirma mit 1.000 MitarbeiterInnen in München, der den eifrigen Schüler gleich zur Mitarbeit in seinem Büro einlud. Müller plante zahlreiche Konzertsäle in Europa und unterrichtete 40 Jahre in der Geigenbauschule, obwohl er nicht einmal von der Entlohnung die Reise zur Geigenbauschule bestreiten konnte. In seiner Forschungswerkstatt bei Müller-BBN konnte Schleske schließlich sichtbar machen, wie eine Geige funktioniere. Verstanden habe er das allerdings nicht. So ermutigte ihn der Physiklehrer zum Studium der Physik.

Das Geheimnis der Schule ist die Person des Lehrers

Wie das Holz sein Mitspracherecht im Entstehen der Geige habe, seine Eigenheiten, so hat der Schüler auch im Unterreicht seinen Platz. „Der Meister wird dem Holz gerecht, nicht umgekehrt“, verglich Schleske. Geigenbauen ist nicht Konstruktion, sondern demnach ein Schöpfungsakt. Bei einer Konstruktion sei klar, was am Ende es werden solle. Konstruktion verlange nach Unterwerfung. Bei einer Schöpfung hat das Geschöpfte sein Mitspracherecht.

„Unterrichten ist ein Schöpfungsakt, vielleicht auch ein Kunstwerk. Gerade die schwierigen Schüler und die schwierigen Lehrer machen einen Meister“, so Schleske. Erzwungene Schwingung koste viel Kraft und der Effekt sei gering. Ein Meister setze Resonanzen frei. Was Schüler hindere frei in Schwingung zu sein sei meist Angst, Angst vor Bewertung. Dem stellte Schleske das biblische „Fürchte Dich nicht!“ gegenüber.

Meist sei Schulpolitik kleingläubig und glaube nicht an Resonanz. Die Schule werde so zur „Zuchtanstalt der erzwungenen Schwingungen“. Unser Wissen sei nur der Notensatz, die Erkenntnis sei der Klang, das Ziel der Schule. „Erkenntnis nicht Wissen ist das Ziel, Erkenntnis die die Kraft hat, Menschen zu verändern.“

Lehrer zu sein sei ein schöner Beruf, der einen lehre mit einem segnenden Herzen zu leben. „Glauben sie an Autorität des segnenden Herzens. Beten sie für jeden und jede SchülerIn und sehen ihn/sie vor ihrem inneren Auge an. Denn der größte Segen ist, wenn sie an ihre Schüler glauben“, gab Schleske den DirektorInnen und SchulerhalterInnen mit.

[mgsellmann]