Wie böse ist die Medizin?

IMG 9028 120Von den "Schmerzpunkten des Gesundheitssystems" war beim 11. Forum Hospital Management am 20. März 2014 in Wien die Rede. Der deutsche Gesundheitsjournalist Frank Wittig geht seit Jahren der "dunklen Seite der Medizin" nach und formuliert provokant: Der Teufel ist die Ökonomisierung.

Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe und Mitveranstalter des Gesundheitsforums: "Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem. Weil es gut ist, können wir auch offen über die Schattenseiten reden. Wer die Schwächen kennt, wird noch stärker." Diese Tatsache ermutigte die Veranstalter, den kritischen Gesundheitsjournalisten Frank Wittig, Autor des Buches "Die weiße Mafia" als Keynote-Speaker einzuladen. Wittig beruft sich in seinen Aussagen vor allem auf Studien und Erfahrungen, die im heutigen Gesundheitsbetrieb gerne verschwiegen werden. Er sieht in der "fehlenden Gewaltenteilung, der Ökonomisierung durch DRG, der übertriebenen Früherkennung und in einem gewissen High-Tech-Schamanismus" die größten Gefahren. 

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Freiwillig und sinnlos

Wittig stellt im heutigen Gesundheitssystem einen Verblendungszusammenhang fest, wenn er fragt: "Wie hoch ist der Verblendungszusammenhang der Beteiligten? Wie weit funktioniert der Selbstbetrug wirklich? Wie viele Mediziner üben freiwillig und wissentlich sinnlose Eingriffe aus, weil es sich rechnet, ökonomisch auszahlt? Alle wissen es. Überall herrscht ökonomischer Druck. Einzig die Notfallmedizin und der Palliativbereich ist ausgenommen. Nur nach Leistungen zu bezahlen ist zwar rational, langfristig aber fatal." Wittig rechnet vor, dass mit der Bezahlung nach Leistung (DRG) die Behandlungen zunehmen, damit eine gewisse Auslastung erreicht wird. Damit ist nicht der Patient im Fokus, sondern das zu finanzierende System selber. "Es gibt viel zu viel unnötige Behandlungen." In Zusammenhang mit den falsch-positiven Diagnosen durch die Mammografie wird bei den Patientinnen nachhaltig die Resilienzkraft geschädigt. Wittig stellt mit Blick auf Zukunft kritisch fest, dass heute junge Mediziner nur mehr dieses System kennen. Wittig bringt in Anlehnung an skandinavischen Länder als Vorschlag ein Gesundheitssystem ein, das über Fixbeträge finanziert und gestaltet wird. Zeit für den Patienten und Kommunikation müssen mehr Platz bekommen. Wittig: "Daran verdient aber niemand und dahinter steht keine industrielle Lobby."

Redemanuskript von Dr. Frank Wittig (pdf)

Vinzenz-Gruppe

[fk]