Widerstand hinaustragen

Konstantin Wecker 120Konstantin Wecker ist Liedermacher, Poet und Autor des Buches „Mönch und Krieger“. Seine Konzerte im deutschen Sprachraum sind ausverkauft. Im Stift St. Florian übernachtet er im Brucknerzimmer bei seiner Tour durch Österreich. Ein Gespräch mit dem ausgetretenen Kirchen- und linken Gesellschaftskritiker über Kirche, Orden und die tiefe Sehnsucht nach dem „Mönchischen“.

 „Toll, dass ich das alles gewusst haben soll. Es kommt alles bei meinen Liedern und Gedichten von ganz innen heraus.“ Das empfindet Konstantin Wecker, wenn er Interpretationen und wissenschaftliche Arbeiten über sein Schaffen liest. Die Universität Vallendar untersucht derzeit den tiefen spirituellen Kern seines Schaffens. „Das Mönchische scheint ja von außen betrachtet bei mir ganz weit weg, aber die Sehnsucht danach steckt ganz tief drinnen, in mir, in meinen Liedern und meinem Suchen.“ Wie entstehen seine Gedichte? „Die Gedichte passieren und ich weiß nicht, was da eigentlich passiert. Es platzt einfach alles raus.“

Gefährliche Zeiten

„Wir leben in gefährlichen Zeiten voller Niedertracht und einer ausgesprochen verdächtigen Art öffentlicher Harmlosigkeiten. Die globale Diktatur ist noch nicht ganz ausgereift. Sie übt noch. Aber wer ihren kalten Atem spürt, der duckt sich schon präventiv. Duckt euch nicht. Steht auf. Stellt euch in diesem Sinne einseitig und voreingenommen und zornig auf den Standpunkt des gemeinsamen Lebens und der Liebe, gegen die Energie der Zerstörung und des Todes.“ So zu lesen auf Seite 277 und weiter: „Es wird Rückschläge geben. Wir werden bittere Niederlagen durchleiden müssen, Phasen der Mutlosigkeit. Wir können alles das gemeinsam durchsetzen.“

Mystik und Widerstand

Was ist die Aufgabe der Orden angesichts dieser Welt? „Es fehlt in unserer Gesellschaft vor allem die Empathie. Das ist das, was in den letzten Jahrzehnten dramatisch verloren gegangen ist. Diese mangelnde Empathie geht Hand in Hand mit einer Politik, die ausschließlich auf Ökonomie und Zahlen ausgerichtet ist. Die Katastrophe besteht darin, dass das Geld mittlerweile kein Tauschwert, sondern selbst Ware geworden ist. Mit Geld wird Geld gemacht. Das ist weder gut noch richtig.“ Wecker hat mit großem Gewinn „Mystik und Widerstand“ von Dorothee Sölle gelesen: „Der mystische Mensch muss widerständig sein, weil er alles als eins, zusammenhängend sieht. Das würde für die Aufgabe der Orden bedeuten, dass mehr Widerstand aus den Ordensgemeinschaften hinausgetragen wird. Ja, Mut zum Widerstand ist gefragt.“

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Konstantin Wecker und Propst Johann Holzinger von St. Florian 

Der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten

Wecker schaut kritisch auf den Machtapparat Kirche: „Der Kirche allgemein und einem Kloster gegenüber besteht heute ein berechtigtes Vorurteil, dass hier viel Reichtum ist. Aber wenn du hineinschaust in ein Kloster, dann geht es um etwas ganz anderes. Ordensleben könnte so der lebende Beweis sein, dass nicht alles auf Ökonomie ausgerichtet ist, sondern die tiefen Sehnsüchte nach besitzlosem Leben gegen den Trend der Gesellschaft, wo es nur um das Besitzen geht, sichtbar werden. Die Orden könnten so der ‚besessenen Gesellschaft‘ einen Spiegel vorhalten.“ Wecker findet in seinem Zimmer eine Bibel und meint: „Ich lese nicht oft in der Bibel, aber gestern lag sie im Zimmer und da habe ich in der Apostelgeschichte von den ersten Christen gelesen, die keinen Besitz hatten und alles wurde untereinander geteilt. Diese Haltung und Praxis, eine solche empathische Gemeinschaft braucht die heutige Gesellschaft mehr denn je.“ Wecker hält in diesem Zusammenhang auch ein begeistertes Plädoyer für die Nutzlosigkeit: „Ein Kloster macht mit dem Blick der heutigen Gesellschaft nur unnütze Sachen. Beten ist unnütz im Sinne der Ökonomie.“

Mitleben auf Augenhöhe

Wecker erlebt immer wieder „Charity von oben herab“. Das ist kein Geben. Wecker erzählt von einem „Mönch“ in New York, der mit den Obdachlosen lebt, auf Augenhöhe. Er meditiert unter ihnen und teilt das Leben in Gemeinschaft mit ihnen: „Das ist wie eine Gründung heute. Diese Leute sind nicht auf Besitz aus, sondern auf Teilen. Da gibt es derzeit mehr solche klosterähnliche Gemeinschaften, als wir glauben.“ Wecker in Richtung Ordensleute: „Geht in die Gesellschaft ohne Besitz.“ Wecker weiß, dass wir in einer Welt der Symbole leben: „Diese deuten über unser rationales Verstehen hinaus. Poesie ist auch so ein Öffner. Jedes Ritual will andeuten, dass es ein Jenseits der Ökonomie und der Ratio gibt.“ Die Politik hat keinen Zugang zur Spiritualität, „außer es kommt das Leid daher“. Ein Schicksalsschlag lässt auf einmal ganz anders auf die Welt blicken. Wecker erzählt von einer Konzertbesucherin, die ihre beiden Söhne verloren hat: „Wissen Sie, Herr Wecker, alles was ich früher von Ihnen scheiße fand, hilft mir heute von Ihren Liedern und Gedichten.“

Ausgetreten und wieder gefunden

Der 1947 in München geborene und dort lebende Wecker erzählt von seinen Religionslehrern, die alle Nazis waren. Sie haben ihn eine Religion der Angst gelehrt. Mit 50 Jahren ist er aus der Kirche ausgetreten und hat sich nur langsam von dieser Idee, „dass mich jetzt Gott strafen wird“, verabschieden können: „Nach diesem Austritt habe ich gemerkt, dass ich einen ganz anderen Bezug zur Spiritualität bekommen habe. Angst ist abgefallen. Uns wurde ein strafender Gott gepredigt.“ Wecker hat den Umweg über den Buddhismus, den er als Lebenshilfe gesehen hat, gemacht: „So bin ich neu zu den christlichen Mystikern gekommen. Meister Eckhart war etwas Wunderbares. Teresa von Avilas innere Burg hat mich schon in jungen Jahren berauscht, dieses Leben in der tiefen Kontemplation. Mit Hingabe in der Phantasie leben ist Wirklichkeit. Ganz in der Gegenwart leben, ohne Warum.“ So wird auch seine neue CD lauten: Ohne Warum.

Die Zeit verlassen

Den Menschen Raum geben? „Das ist mir sehr sympathisch. Den Anstoß geben: Wie kann man jemandem die spirituelle Welt vermitteln, der jeden Zugang zum Nicht- Rationalen versperrt hat? Wahrscheinlich nicht, indem man Heiligenbilder verteilt. Es muss einen anderen Weg geben.“ Wie viele Menschen sich sozial engagieren werde nicht gesehen. „Die Empathie gibt es, sie findet aber nicht statt in der Hierarchie der Gesellschaft.“ Wecker meint: „Die Zeit wird in diesem Tun mit Hingabe und im Gebet verlassen. Die Ewigkeit ist etwas anderes als die unendliche Verlängerung unserer Zeit. Das Korsett unseres Zeitempfindens braucht eine Öffnung.“ Ihr Wunsch an die Orden, Herr Wecker? „Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Dieses Liebevolle aus der Empathie heraus leben. Das tätige Mitgefühl.“

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#ganzOhr Fragen an den Musiker, Liedermacher und Autor Konstantin Wecker nach dem Konzert in St. Florian unter https://youtu.be/Or2t2wHX2f0

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