Führungskongress im Stift Göttweig: Wer nicht dient, der führt nicht

 kongress 120Abtpräses Christian Haidinger feierte mit Bischof Michael Bünker die ökumenischen Vesper in der Stiftskirche Göttweig als Abschluss des von den Ordensgemeinschaften Österreich, der Evangelische Akademie Wien, der Katholische Aktion Österreich und der Industriellenvereinigung veranstalteten Kongresses "Wer nicht dient, der führt nicht". 300 christliche UnternehmerInnen, darunter viele Ordensfrauen und Ordensmänner, berieten über Werte in der Wirtschaft, persönliche Glaubwürdigkeit und verantwortungsvolles Führungshandeln.

 

Wirtschaftlicher Erfolg ist auch unter Einhaltung ethischer Standards möglich, wobei Führungskräfte diese Standards vor allem durch ihre persönliche Glaubwürdigkeit repräsentieren müssen. Das war der Tenor des zweiten Kongresses christlicher Führungskräfte in Stift Göttweig, der am Wochenende zu Ende ging und unter dem Motto "Zeichen setzen. Wert(e)voll führen in herausfordernder Zeit" stand. Ethische Standards dürften in Unternehmen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Gründe umgesetzt werden, forderte Kardinal Christoph Schönborn in seinem Vortrag. Unternehmer müssten vielmehr ehrlich Anteil nehmen am Leben ihrer Mitarbeiter.


Wer einen Betrieb führt, übe in erster Linie eine Dienstfunktion aus, betonte Schönborn: "Wer nicht dient, der führt nicht. Erst die Haltung des Dienstes macht die Führung zu etwas Wertvollem." Der Wiener Erzbischof rief die Führungskräfte u.a. dazu auf, nicht nur ihre Betriebe familienkompatibel zu gestalten, sondern die Familie überhaupt in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. "Dient ihr Unternehmen der Familie? Ehren Sie Ihre Mitarbeiter auch in ihrer Rolle als Mütter und Väter?"

Die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, Irmgard Griss, die in Österreich durch die Leitung der unabhängigen Hypo-Alpe-Adria-Untersuchungskommission bekannt wurde, plädierte für einen Führungsstil, der Verantwortung ernst nimmt. Gerade die Finanzkrise mit ihren katastrophalen Folgen für Staatsfinanzen und Sozialstaat hätte gezeigt, wohin einseitige Profitorientierung und "schrankenlose Gier" führen.

Zentral waren für Griss Werte wie Vertrauen, Verantwortung, Integrität, Mut, Nachhaltigkeit und Respekt: "Führungspersönlichkeiten müssen sich bewusst sein, dass sie mit ihren Entscheidungen in das Leben anderer eingreifen." Macht sei ihnen "nur anvertraut" und dürfe "nicht zur Überhöhung der eigenen Person missbraucht" werden. Griss sprach sich dabei für eine "Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn" aus, die "über den Tag hinaus" denke und nicht nur Folgen für die Umwelt, sondern etwa auch für die Staatsfinanzen berücksichtige. Christliche Wertequellen fand Griss in den Zehn Geboten und der Bergpredigt. Vor allem Barmherzigkeit und Gerechtigkeit brauche es im Führungsstil, wobei Barmherzigkeit "nicht das Verteilen milder Gaben meint, sondern dass man jemandem eine neue Chance gibt, auch wenn er versagt hat oder gescheitert ist".

Natürlich sei wirtschaftlicher Erfolg die Grundlage dafür, dass andere Werte verfolgt werden können. Motivierte Mitarbeiter sah die Juristin als "Schlüssel des Erfolgs jedes Unternehmens". Vertrauen und Respekt müssten immer wechselseitig in der Beziehung zwischen Führungskraft und MitarbeiterInnen aufgebaut werden. Die Fähigkeit, ein Problem mit den Augen des anderen zu sehen, war für Griss Grundvoraussetzung erfolgreicher Führung. Diese gelinge jedoch erst dann, "wenn man mit innerem Feuer bei der Sache ist". Führungskräfte müssten die propagierten Werte "tatsächlich leben und bereit sein, sich als Menschen einzubringen".

Unternehmen brauchen "sozialen Raum"

Zum "doppelten sozialen Engagement" ermutigte der Jesuit P. Georg Sporschill die Unternehmer. Es brauche einen "sozialen Raum" innerhalb des Unternehmens, etwa wenn Mitarbeiter familiäre Probleme haben, und auch außerhalb, etwa in Form der finanziellen Unterstützung von Sozialprojekten. Sporschill zitierte den Psychiater Viktor Frankl: "Wenn wir Brot geben und dafür Sinn empfangen, ist das ein guter Tausch."

Das bestätigte auch der Unternehmer Peter Mitterbauer. Der Mehrwert, den man mit einer Firma erzielt, drücke sich nicht nur in Gewinnen an Geld und Marktanteilen aus, sondern auch in Zufriedenheit. Und diese gewinne man sehr stark mit sozialem Engagement.

Als eine der großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart ortete Sporschill die Integration der vielen inzwischen anerkannten Syrien-Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Hier könnten die christlichen Unternehmer eine Vorreiterrolle spielen, zeigte sich der Jesuit überzeugt.

In zahlreichen Vorträgen namhafter Expertinnen und Experten und in Workshops beschäftigen sich die christlichen Führungskräfte drei Tage lang mit Fragen einer werteorientierten Führung. U.a. kam dabei auch das Päpstliche Lehrschreiben "Evangelii Gaudium" zur Sprache. Wenn Papst Franziskus darin fordert, dass die Kirche nahe bei den Menschen sein muss, könne das analog auch auf Führungskräfte und Wirtschaftsunternehmen umgelegt werden, zeigte sich P. Christian Marte überzeugt. Wichtige Entscheidungen könnten nicht nur in vollklimatisierten und abgeschiedenen Sitzungssälen getroffen werden, sondern es brauche auch den Kontakt mit den Mitarbeitern vor Ort im Betrieb, so seine Forderung. Auch der Direktor des Wiener Kardinal König-Hauses hob die persönliche Vorbildfunktion der Führungskräfte hervor: Es gelte vorzuleben, was man von anderen erwartet.

Nach der Führung Gottes fragen

Die Vorbildfunktion von Führungskräften strich bei der Eröffnung des Kongresses auch Wolfgang Pfarl heraus. Durch den Kongress soll "die Brücke zwischen Kirchen und Wirtschaft breiter und gangbarer werden", meinte der Präsident des Forums christlicher Führungskräfte. Der gastgebende Abt des Stifts Göttweig, Columban Luser, ortete eine "Destabilisierung des christlichen Wertesystems". Werte würden aufgegeben, "Hauptsache, wir gewinnen die nächste Wahl". Dass der Großteil der Unternehmer dennoch werteorientiert agiere, betonte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer. Denn Werte, so Neumayer, "bauen Glaubwürdigkeit auf und sind ein entscheidender Wettbewerbsfaktor".

Mit der Frage, wie Führungskräfte als Personen für ihr Leben wie auch in ihrer beruflichen Verantwortung Gottes Führung erkennen könne, beschäftigte sich die Pastoraltheologin Regina Polak in ihren Ausführungen. Nach der Führung Gottes fragen bedeute, "die Frage nach der Verbindung von Sinn und Ziel des persönlichen Lebens mit Sinn und Ziel von Welt und Gesellschaft aus der Sicht des Glaubens zu stellen", so Polak. Dafür brauche es Achtsamkeit für äußere Ereignisse, also die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart; weiters auch Aufmerksamkeit für innere persönliche Ereignisse der Suche nach dem Willen Gottes für das eigenen Leben. Gebet, Liturgie, Bibellesung, Gemeinschaft und Kommunikation würden dabei helfen, "im Geheimnis Gottes leben zu lernen und das von ihm zu erkennen, was er zu erkennen gibt", so Polak.

Der evangelische Bischof Michael Bünker erinnerte bei der Eröffnung an den 70. Todestag des evangelischen Pfarrers und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, der in den letzten Kriegstagen im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Bonhoeffer sei überzeugt gewesen, durch ein verantwortliches Leben im Führungshandeln Zeichen zu setzen. Nach Bonhoeffer lebe jener verantwortlich, der "stellvertretend für die in Not Geratenen lebt" und dabei jene in den Blick nimmt, "die am Rand, im Schatten stehen". Die Freiheit der Entscheidungen bleibe immer an Verantwortung gebunden. Ein verantwortliches Leben, das im Beruf zur Wirklichkeit werde, sei "immer auf Zukunft, auf Nachhaltigkeit" ausgerichtet, sagte der Bischof. Bonhoeffer habe damit klarmachen wollen, "dass ein verantwortliches Leben letztlich vor Gott bestehen muss und nicht vor den jeweils geltenden moralischen Werturteilen".

Quelle: Kathpress

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