Spannungsfeld Armutsgelübde

2015 05 29 wirtschaftstagung2 120Der zweite Tag (28. Mai) der Wirtschaftstagung der Ordensgemeinschaften Österreich stand ganz im Zeichen eines intensiven Arbeitsprozesses. In insgesamt fünf Arbeitsgruppen wurde das Thema „Vermögensverwaltung und Armutsgelübde“ in seiner ganzen Bandbreite durchleuchtet mit dem Ziel, Erfahrungen auszutauschen und konkrete Stellungnahmen zu erarbeiten.

Den Tagungsbeginn machte der Theologe Ludger Müller. Der Ordinarius für Kirchenrecht an der Universität Wien hielt einen Vortrag über das 2014 vom Vatikan veröffentlichte Rundschreiben über die Richtlinien für die Verwaltung der kirchlichen Güter der Institute des geweihten Lebens.

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Ludger Müller, Universitätsprofessor für Kirchenrecht in Wien, setzte sich mit den Richtlinien für die Verwaltung kirchlicher Güter auseinander.
(c) Ordensgemeinschaften Österreich

Drei Grundsätze

Die vatikanischen Richtlinien betonen die bloße Dienstfunktion der Ökonomie für Gemeinschaft und Mission. Dabei arbeitete Müller drei Grundsätze heraus: Das Vermögen kanonischer Lebensverbände kann nur aus ihrem Urcharisma legitimiert werden. Es darf nicht angehäuft werden, insbesondere wenn dadurch die Sendung der Kirche, das spezifische Charisma der Lebensgemeinschaft und die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses ihrer Angehörigen verdunkelt werden. Und es ist Treuhandvermögen im weiteren Sinne.

Das setze auch als Richtlinie Planung, Transparenz, Überwachung und eine Rechenschaftslegung, aber auch Aus- und Fortbildung voraus.

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Ordensleute und Ökonomen kamen zur Wirtschaftstagung der Ordensgemeinschaften nach Salzburg.
(c) Ordensgemeinschaften Österreich

Spannungsfelder

Auf Basis der vatikanischen Richtlinien ging es dann zur Vertiefung in fünf Arbeitsgruppen weiter. Stellvertretend für diese steht eine Arbeitsgruppe, die sich unter der Leitung von Br. Lech Siebert, Provinzial der Kapuziner für Österreich und Südtirol, mit den „Spannungsfelder zwischen Armutsgelübde und Vermögen“ auseinandersetzte.

Die TeilnehmerInnen, Ordensleute und Laien bunt gemischt, definierten, was die jeweiligen Ordensgründer unter dem Begriff „Armut“ verstanden, aber auch das persönliche Verständnis kam zur Sprache. Tenor war, dass sich Ordensfrauen und Ordensmänner nicht als materiell „arm“, sondern eher als anspruchslos verstünden. Das Spannungsfeld bestehe darin, ein bescheidenes, anspruchsloses Leben führen zu wollen und dennoch Geld zum Leben zu brauchen, das erwirtschaftet werden muss.

Dies gehe Hand in Hand mit einem anderen Spannungsfeld, der Problematik der Überalterung viele Gemeinschaften. Die Folge ist, dass die Einkommen sinken, gleichzeitig die Ausgaben durch die Altersvorsorge und dem Pflegeaufwand teilweise rapide steigen. Ordensleute müssen durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ersetzt werden; auch diese Kosten müssen getragen werden.

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Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Br. Lech Siebert beschäftigte sich mit den Spannungsfeldern zwischen Armutsgelübde und Vermögen.
(c) Ordensgemeinschaften Österreich

 

Ein weiteres Spannungsfeld wurde mit dem Bereich Ordenspädagogik definiert: Ordensfrauen und Ordensmänner müssen lernen, verantwortungsvoll mit den vorhandenen materiellen Gütern umzugehen – in diesem Sinne, dass man die Scheu verliert, sich mit materiellen Dingen auseinanderzusetzen und sich die Kompetenz aneignet, intern oder extern, um nachhaltige Entscheidungen treffen zu können.

Die Tagungsunterlagen und die Ergebnisse alle Arbeitsgruppen werden im Juni veröffentlicht.
Veranstalter der Wirtschaftstagung waren die Ordensgemeinschaften Österreich, Unitas-Solidaris und Schelhammer & Schattera.

[rs]