Sr. Luma Khudher: Meine Geschichte ist die Geschichte meines Volkes

2015 07 25 sr luma 120Das zweite Impulsreferat auf der Fachtagung Weltkirche, die von 24. und 25. Juli 2015 im Benediktinerstift St. Lambach stattfand, hielt Sr. Luma Khudher. Die Dominikanerin lebt und arbeitet im Irak und musste mit ihrer Schwesterngemeinschaft und vielen anderen Christinnen und Christen vor dem Terrorregime der „IS“ fliehen. Sie sprach über Friedensengagement im Irak, der sich „Zwischen Konflikt und Hoffnung“ befindet.

Als Sr. Luma ihren Vortrag beendet hatte, herrschte für einige Sekunden Schweigen. Erst dann brandete Applaus auf. Schweigen, weil man das, was man gerade gehört hatte, erst verarbeiten musste, weil es betroffen machte. Applaus, weil hier eine mutige und starke (Ordens-)Frau, die während ihres Referates manchmal von ihren Erinnerungen überwältigt wurde, trotzdem voller Optimismus und Gottvertrauen in die Zukunft blickt.

“Meine Geschichte ist die Geschichte meines Volkes”, sagte Sr. Luma zu Beginn ihres Vortrages. Sie stammt aus dem Osten von Mosul, einer Gegend, die früher von Christen besiedelt worden war und die alle vor dem IS geflüchtet sind. Zwischen Jänner 2014 und April 2015 befanden sich im Irak rund 2,8 Mio. Menschen auf der Flucht; darunter auch 300.000 Christinnen und Christen. Waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch rund vier Prozent der irakischen Bevölkerung Christen, so leben heute dort nur noch rund 350.000, und täglich werden es weniger.

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Sr. Luma Khudher: Die Dominikanerin lebt und arbeitet im Irak und musste vor dem Terrorregime der „IS“ fliehen. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Sicherheitsvakuum

Das Christentum kam im 1. Jahrhundert in den Irak; der Legende nach verbreitete der Apostel Thomas den Glauben. Mit dem Aufkommen des Islams rund um das 7. Jahrhundert wurde das Christentum immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Vor allem in den letzten hundert Jahren hatten die Christen im Irak sehr zu leiden. Der Genozid von Seifo 1915 kostete auch sieben Schwestern ihres Ordens das Leben, berichtet Sr. Luma. Die Kurdenaufstände in den 60ern und der Golfkrieg 1990/91 trugen ihres dazu bei. Mit dem Fall des Regimes von Saddam Hussein im Jahr 2003 entstand ein “Sicherheitsvakuum”, das die Entstehung des radikalen Gedankenguts des IS wesentlich begünstigte.

Im Juni 2014 erreichten die Truppen des IS das Gebiet rund um Mosul. Sie täuschten die Menschen und sagten, man könne in Mosul in Frieden leben. Viele christliche Familien glaubten ihnen und blieben in der Stadt. Aber bald darauf zeigte der IS sein wahres Gesicht: Im Juli schickten der IS eine Botschaft an den Bischof: alle Christen müssten innerhalb von drei Tagen entweder zum Islam konvertieren oder die Stadt verlassen; sie dürften nichts mitnehmen als das, was sie auf dem Leibe trugen.

Hunderttausende auf der Flucht

“Wir flüchteten aus der Stadt mitten in der Nacht”, erinnerte sich Sr. Luma. “Aber das war nur der Anfang des Schreckens. In Karakusch sollten wir von der kurdischen Armee beschützt werden. Am 5. August begann eine Schießerei zwischen IS und kurdische Armee. Mehrere Kinder wurden dabei getötet. Die kurdische Armee zog sich zurück. Wir flohen; wir waren voller Angst. Christen, Schiiten, Jessiden, Kinder, Frauen, Behinderte, zogen Richtung Kurdistan. Wir waren wie Schafe, die keinen Hirten hatten. Es gab keinen Platz, keinen Unterschlupf. Wir hatten das Gefühl, das Ziel sei die Auslöschung des Christentums im Irak.” Hunderttausende waren auf der Flucht.

Misstrauen ist geblieben

Sr. Luma flüchtet ins Kurdengebiet; dort lebt sie derzeit in einem Flüchtlingslager bei Erbil und Dohuk. Und bemüht sich mit ihren Mitschwestern, das Leid der Menschen zu lindern. „Die Kirche hilft wo es nur möglich ist“, erzählt die Dominikanerin. „Wir haben Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten eingerichtet. Und natürlich helfen wir damit nicht nur Christen, auch unsere jessidischen Nachbarn sind herzlich willkommen.“ Doch der Konflikt in Syrien und im Irak habe Zwietracht unter den Religionsgemeinschaften gesät; das Vertrauen sei abhanden gekommen und die Angst vor dem Islam sei geblieben.

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Sr. Luma: „Wir, die Menschen, sind die Kirche, der lebende Leib Christi, und nicht die Gebäude, die wir Kirchen nennen." (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Die Kirche ermutige die Menschen, in ihrer Heimat zu bleiben, doch dazu bräuchten die Menschen Sicherheit und eine Zukunftsperspektive. Und beides sei derzeit nicht vorhanden. Die Umstände hätten natürlich Zweifel am Glauben aufkommen lassen, aber die Menschen auch gleichzeitig in ihrem Glauben bestärkt, denn Hoffnung sei vorhanden. "Drei Tage nach unserer Ankunft in Karakosch wurde das erste Kind in einem Zelt vor einer Kirche geboren. Und vor kurzem feierten 400 Kinder Erstkommunion." Sr. Luma weiter: „Wir, die Menschen, sind die Kirche, der lebende Leib Christi, und nicht die Gebäude, die wir Kirchen nennen. Es liegt an uns, die Dinge zu verändern.“

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[rs]