Jedes Wort haben sie gelebt

Hirsch 5 120Otto Hirsch ist von Beruf Malermeister und hat eine internationale Maler- und Innenausbaufirma gleichen Namens mit 450 MitarbeiterInnen. Was „Solidarität und Entwicklungshilfe ist“ hat er nicht nur durch Peter Quendler, sondern in verschiedenen Ländern auch durch „Ordensleute aus verschiedenen Gemeinschaften“ erfahren. Seine derzeitigen ehrenamtlichen sozialen Projekte sind vor allem in der Ukraine und in Nairobi. Dort hat er das Werk von Sr. Lydia Pardeller übernommen.

„Sie fangen irgendwo an und gehen konsequent ihren Weg, fast immer ohne großen Masterplan, aber sie setzen um, sie tun“, meint Otto Hirsch über jene Ordensleute, denen er begegnet ist. Der Osttiroler P. Leonhard Wiedemayr von den St. Josefs-Missionaren von Mill Hill in Absam ist so einer. In England Mathematik studiert, hat ihn der Orden in die Mission geschickt. „Afrika ist meine Heimat“, erklärte er seinem Freund Otto Hirsch. Er war über 50 Jahre in Uganda und hat mit seiner praktischen Intelligenz und dem konkreten Tun wirkliche Veränderungen zugunsten der Menschen dort geschaffen: „Er hat genau hingeschaut, wo die Bedürfnisse der Menschen liegen und wo sich Möglichkeiten für Initiativen auftun.“ So hat er zum Beispiel einen Obstgarten angelegt, mit dem Menschen heute ihren Unterhalt verdienen können. Hirsch meint sehr wertschätzend in Richtung der Ordensleute: „Wirkliche Veränderung geschieht nur mit den Menschen, die solidarisch vor Ort mitleben. Ordensleute leben bescheiden und gliedern sich solidarisch ein. Sie leben, was sie sagen.“ Er erzählt das Beispiel einer Reisegruppe, mit der P. Leonhard unterwegs war. Am Abend gab es die Möglichkeit, in der „doch sehr einfachen Hütte“ zu übernachten oder gegenüber in der Lodge. Die Reiseteilnehmer hätten P. Leonhard die Lodge gegönnt und für ihn bezahlt. Er lehnte ab: „Wenn ich bei den Besseren schlafe, würden mich die Leute nie mehr verstehen.“ Ob sie dafür hier bei uns in Österreich genug Anerkennung bekommen? „Diese Menschen werden zum Teil wirklich vergessen.“ Hirsch sieht alle Bemühungen, Verbindungen herzustellen, Feedback zu ermöglichen, Austausch zu pflegen und Anerkennung und Ressourcen zu bringen, für ganz entscheidend.

Visionäre, Revolutionäre und furchtlos

Der Malermeister Hirsch erzählt am Flughafen Wien bei einem Zwischenstopp ganz begeistert von der aus Südtirol stammenden Sr. Lydia Pardeller, einer Franziskanischen Missionsschwester für Afrika. Sie ist vor drei Jahren verstorben und hat Hirsch ihr Werk in den Slums von Nairobi über Nacht am Sterbebett anvertraut. „Ich bin selten einem Menschen mit so viel Herzlichkeit begegnet. Getroffen habe ich sie in einem Altenheim in den Slums. Sie war hundertprozentig authentisch. Sie hat sich selber riskiert, Tag für Tag. Auch wenn nichts da war, war sie von ihrer tiefen Gläubigkeit getragen. Sie hat jedes Wort gelebt.“ Hirsch schaut kritisch auf die Kirche, die diese Botschafterinnen oft vergessen hat und wenig Unterstützung, Rückhalt oder Sicherheit gibt. „Sehr oft werden diese Frauen und Männer in ihrer Sendung allein gelassen. Ihre Sendung hat Sr. Lydia darin gesehen, das Leben der Menschen zu verbessern.“ Über beide Ordensleute sagt Hirsch: „Sie waren Visionäre, ja Revolutionäre. Sie waren furchtlos in einer Gegend, wo alle paar Kilometer ein Kreuz von einem ermordeten Missionar steht.“ Beide haben allen Versuchungen widerstanden, sich abzuheben von den einfachsten Leuten. Auch wenn sie mit dem Leben bedroht wurden, sind sie ihren Weg gegangen. Sr. Lydia hat gesehen: Den Kindern auf den Müllhalden geht es schlecht. Also Essen und Bildung bringen. „Dafür ist die Ordensfrau im Sommer selber auf ,Fundraising-Tour’ in ihre Heimat gegangen, um wieder Geld für ihr Werk zu sammeln und Geschichten über die Menschen dort zu erzählen.“ Hirsch war an ihrem Sterbebett: „Sie ist furchtlos hinübergegangen. Sie hat nur die Frage da gelassen und mich dabei angeschaut: Wer übernimmt meine Kinder?“

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"Hope for Future" heißt das Gesamtprojekt für die Slumkinder in Nairobi, durch das im Slum bereits 3.000 Menschen erfasst werden. Neben Bäckerei, Schule und Gesundheits- und Sozialzentrum ist die von Otto Hirsch (im Bild rechts) initiierte Fußballakademie Acakoro ein Teil dieses Projektes. 80 Kinder sind in der Fussballakademie. Foto: Otto Hirsch

Hoffnung und Zukunft geben

Heute kann Otto Hirsch von Schulen, einer Bäckerei und der Fussballakademie erzählen. Seine Augen leuchten. „Die Elfjährigen aus Nairobi haben in einem europäischen Cup die gleichaltrigen Jungs aus Barcelona geschlagen und gewonnen.“ Ob die Buben jetzt schweren Herzens auf die Müllhalden heimfahren? „Alle sagten, sie haben Heimweh und sie freuen sich auf ihre Familien daheim.“ Und Otto Hirsch etwas nachdenklich: „Warum ziehen so viele nach Europa und diese Jungs wollen wieder zurück in ihre Heimat, die in den Slums liegt?“ Er meint: „Wir haben ihnen dort Hoffnung und Zukunft gegeben mit den Werken, die Sr. Lydia mit ihrem Team angestiftet hat.“ Hirsch ist überzeugt, „dass wir dort viel mehr tun müssen“. Deshalb hat er mit seiner Firma Außenstellen in den Teilen der Welt, „wo Menschen Hoffnung brauchen und aufbauen wollen“.

Wir lernen voneinander

Dass der Nachwuchs bei den Ordensgemeinschaften zurückgeht, schmerzt auch Otto Hirsch: „Geht dorthin, wo Ihr gebraucht werdet. Das wird heute nicht mehr so oft gehört. Und: Es werden vielleicht genau die Ordensleute allein gelassen, die an die Grenze gehen. Die Kirche ist als Ganze zu weit weg von den Menschen, die das Nötigste vermissen.“ Hirsch zeichnet auf ein Blatt Papier eine Pyramide, aus der immer mehr Steine herausgenommen werden. Er sieht nicht schwarz und weist einen Weg in die Zukunft: „Weil es ausdünnt, braucht es neue Partnerschaften und es gilt, viele MitarbeiterInnen auf Augenhöhe zu Verbündeten zu machen. Vor allem: Andere Menschen herein lassen. Sich öffnen.“ Hirsch ist aber überzeugt, „dass die Regel und der Ordensauftrag klar hinausgehängt werden müssen, unverwässert, einfach erklärt. Denn das zieht an.“ Was könnte für junge Leute interessant sein? „Ideen ganz konkret verwirklichen, Menschen an der Hand nehmen, Solidarität leben und erleben. Die Herausforderung ist groß, die Erfüllung kann noch größer sein.“ Auf die Frage, warum er sich als Firmenchef und mit Familie so ausgiebig sozial engagiert? „Ich möchte zurückgeben, was ich bekommen habe. Und ich wurde vom christlich-humanistischen Gedankengut geprägt, infiziert.“ Dann hält er eine Weile inne: „Wir lernen voneinander. Ich habe auch viel für mein Unternehmen gelernt in diesen Projekten und von Menschen wie P. Leonhard und Sr. Lydia.“

Aus: ON 6/2015. Das ganze Heft lesen Sie hier.

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