Ökumenische Sommerakademie Kremsmünster: Gott und die digitale Revolution

Vom 11. bis 13. Juli 2018 äußern sich namhafte Experten aus dem deutschsprachigen Raum bei der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster unter dem Titel „Gott und die digitale Revolution“ über theologische, anthropologische und ethische Fragen der Digitalisierung. 

Unmengen von personenbezogenen Daten werden gesammelt und zum  Teil illegal weitergegeben. Der Datenmissbrauch nimmt trotz Versuch der Gegensteuerung durch europäische Richtlinien zu. Konzerne verdienen damit Milliarden. Basierend auf diesen Unmengen von  Daten, die über jede und jeden von uns gesammelt werden, greifen computergesteuerte Maschinen immer stärker ein in unser politisches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und persönliches Leben. Selbstfahrende Autos und Straßenbahnen, Roboter, die Aufgaben in der Pflege von alten und kranken Menschen übernehmen und in den Spitälern Operationen präziser und weniger fehleranfällig durchführen. All das ist zum Teil schon Realität. Immer enger wird die Verbindung zwischen Mensch und digitaler Maschine, die immer besser und „klüger“ wird. Manche warnen, der Mensch werde durch diese Entwicklung immer mehr an den Rand gedrängt. Welche Auswirkungen hat das auf das Menschenbild und die Menschenwürde? Und lässt diese „Allmacht“ der Datensysteme noch Platz für den Glauben an Gott?  
Diesen Fragen der Digitalisierung gehen Experten aus dem deutschsprachigen Raum in Austausch mit der Öffentlichkeit nach. Unter den renommierten Vortragenden sind Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter der Ars Electronica in Linz und Ilona Nord, Professorin für Evangelische Theologie in Würzburg, Yvonne Hofstetter, IT-Unternehmerin und Autorin, Johanna Haberer und Werner Thiede, beide Universität Erlangen, Nürnberg, Michael Fuchs, katholische Privatuniversität Linz, Peter Kirchschlager, Luzern u.a. . In einer abschließenden Podiumsdiskussion über "Kirche 4.0" kommen der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic, der steirische römisch-katholische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl und der niederösterreichische evangelische Superintendent Lars Müller-Marienburg zu Wort.

Die Gabe der Unterscheidung

Bischof Scheuer sagte bei der Eröffnung der Tagung, die digitale Durchdringung aller Lebensbereiche scheine das vom Philosophen Michel Foucault aufgestellte Grundmuster der Gesellschaft als Gefängnis, in dem alles und jeder überwacht werden könne, zu realisieren. In der "Unterscheidung der Geister" gehe es um die Frage, "Welche Sehnsüchte führen uns zur Realitätsverweigerung, zur Zerstörung, welche zum Leben?". Es gehe auch darum, unter die Masken der Propaganda und die Rhetorik der Verführung zu schauen. Nicht jedes Versprechen der modernen Technologien führe auch zu einem besseren Leben. Scheuer zitierte in diesem Zusammenhang den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: "Das Böse erscheint in der Gestalt der Wohltat."

Neuerschaffung des Menschen?

Superintendent Lehner erinnerte bei seinem Grußwort an die Ambivalenz des Verhältnisses von Mensch und Künstlicher Intelligenz: "An welchen Orten, in welchen Beziehungen, kann es eine Stellvertretung des Menschen durch die Maschine geben? Wenn ein Roboter die Hand zum Segen hebt: Ist das ein Segen? Wer segnet da?", so Lehner. Mit dem Bereich des Transhumanismus nannte er ein weiteres Gebiet, in dem es zu einer Verschiebung des Menschenbildes komme. Hier würden auch die Grenzen des Todes in Frage gestellt. "Durch genetische Manipulation und ähnliches soll anhaltende Vitalität verliehen werden, jeder solle entscheiden, wie lange er oder sie leben wolle. Diese Überlegungen mögen phantastisch anmuten, aber wir müssen sie ernst nehmen, da es hier um die Neuerschaffung des Menschen geht", warnte der Superintendent. Derartige Konzepte seien allerdings nicht nur utopisch, sondern "auch stark autoaggressiv, da sie den Menschen als den verneinen, der er ist".

Digitaler Turmbau oder Tanz ums goldene Kalb?

Werner Thiede, evangelischer Pfarrer und Professor für Systematische Theologie in Erlangen, betonte die Notwendigkeit, in der Rede von der Digitalisierung nicht nur die Technologie, sondern auch die Theologie miteinzubeziehen und die "virtuelle Welt" hinsichtlich ihrer schöpfungstheologischen Dimension zu befragen. Er stellte zur Diskussion, ob die Kreation des virtuellen Raumes bereits im Auftrag Gottes an die Menschen, die Schöpfung zu entwickeln und zu bewahren, impliziert sei, oder ob die Veränderungen, die durch Digitalisierungsprozesse vonstattengingen, nicht Ausdruck "der Ambivalenz allzu menschlichen, nämlich immer auch sündigen Strebens" seien. "Wäre es nicht angebracht, bei ihr von einem digitalen Turmbau zu sprechen, oder gleicht sie einem Tanz ums goldene Kalb? Verdient sie nicht deutlichere Kritik von kirchlicher Seite?", so Thiede.
Indem Digitalisierung, unter anderem in sozialen Medien, narzisstische Haltungen befördere, führe sie zudem zu vermehrter Unfreiheit und einer Verminderung des Verantwortungsgefühls. Statt von Digitalisierung sei von "Digitalismus" zu sprechen, um die ideologische Dimension des technokratischen Zeitgeistes zu betonen. Auf jeden Fall habe man in der Digitalisierung mit Prophetie zu tun. Selbst im Silicon Valley wisse niemand genau, wohin die Reise gehen werde, betonte der Theologe.
Die ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster findet 2018 zum 20. Mal statt. Veranstaltet wird das mehrtägige Forum von der Katholischen Privat-Universität Linz, der Kirchenzeitung der Diözese Linz, dem Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, dem Land Oberösterreich, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, den Religionsabteilungen des ORF sowie dem Stift Kremsmünster.

[hwinkler]