Don Bosco Schwestern unterrichten interkonfessionell im Libanon

Mädchen und Buben Bildung vermitteln, damit sie für ihr weiteres Leben gut gerüstet sind – das ist das Ziel der Don Bosco Schwestern in Qartaba, einem libanesischen Bergdorf in 1.200 Metern Höhe. Auch Flüchtlingskinder aus Syrien werden in der Don Bosco Schule unterrichtet. Konfession und Herkunftsland spielen dabei keine Rolle. Anfangs war es schwierig, doch schließlich hat die Menschlichkeit gesiegt“, sagt Schwester Antonia Benedet, die der Gemeinschaft vorsteht.

Schulklasse Lisa Koeppl

(c) Lisa Köppl

Der Orden leitet in dem Dorf den Kindergarten und die Grundschule. „Die ersten syrischen Familien kamen 2012 ins Dorf“, sagt die in Italien geborene Schwester, während sie mit flotten Schritten durch die Gänge der Schule eilt. Der Krieg im Nachbarland Syrien war damals ein Jahr alt und immer mehr Syrer sahen sich gezwungen, in den Libanon zu fliehen. Die traditionell christlichen Bewohner des Dorfes standen den muslimischen Zuwanderern zunächst kritisch gegenüber. Das habe auch mit der Geschichte des Libanon zu tun, so Schwester Antonia. Zu Beginn des Bürgerkrieges in den 1970er-Jahren marschierten Soldaten aus Syrien ein und blieben bis 2005. „Viele Libanesen empfanden die Syrer damals als Besatzer.“ Doch schließlich habe die Menschlichkeit gesiegt: „Die Christen von Qartaba verstanden, dass es wichtig ist, den jungen Syrern eine Schulbildung zu ermöglichen.“ In den vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Schüler beständig. „Von den 256 Kindern unserer Schule sind 190 aus Syrien“, sagt die Don Bosco Schwester.

Die Tür zur Welt öffnen

Aya kommt aus Syrien. Die Achtjährige besucht die erste Klasse der Volksschule. Geboren wurde sie in Aleppo. „Ich mag den Libanon sehr“, sagt sie schüchtern, als sie jetzt mit Schwester Antonia vor der Klasse steht. Ihr Lieblingsfach sei Arabisch. In Ayas Klasse sitzen 38 Kinder, jeweils zwei auf einer Holzbank. 33 kommen aus Syrien, fünf aus dem Libanon. „Die Klassen sind immer gemischt: Buben und Mädchen, Christen und Muslime“, sagt die Ordensfrau. Alle Kinder tragen die Schuluniform, ein hellblaues Hemd, darüber einen dunkelblauen Pullunder. Ab drei Jahren können die Kinder den Kindergarten besuchen, später wechseln sie in die Volksschule. Im Alter von 14 Jahren gehen sie in die staatlich geführte Oberschule. „Die Unterrichtssprache ist Französisch“, erklärt die Schwester. Neben Französisch und Arabisch lernen die Kinder als dritte Sprache Englisch. „Englisch öffnet den Kindern die Tür zur Welt. Diese Sprache nicht zu unterrichten, wäre unverantwortlich.“

In der Nebenklasse stellt Schwester Antonia den fünfjährigen Lais vor. Seine Eltern kamen aus Idlib im Nordwesten Syriens. Lais wurde allerdings im Libanon geboren. Syrien kennt er nur aus den Erzählungen der Eltern. Er weiß, dass sie ein Haus in Idlib besitzen und hofft, dass es nicht vom Krieg zerstört wurde. „Eines Tages will ich dorthin zurück“, sagt er. Die meisten Syrer, die die Don Bosco Schule besuchen, sind sunnitische Muslime. Islamischen Religionsunterricht bieten die Schwestern dennoch keinen an. Das liegt am Konfessionalismus des Libanon, wo die unterschiedlichen Regionen des Landes jeweils von Christen oder Muslimen geprägt sind. Der Kirchturm und die Kreuze in Qartaba künden von der jahrhundertealten christlichen Tradition des Dorfes. „Einen muslimischen Religionslehrer an der Schule anzustellen, ist daher nicht denkbar.“ Das sei aber nicht in allen Don Bosco Schulen im Libanon so. Die Schwestern haben eine weitere Niederlassung in Hadath Baalbek, im Osten des Landes, in einer Region, in der mehrheitlich Muslime leben. An der Schule dort unterrichten zwei islamische Religionslehrer. Bezahlt werden sie von der örtlichen Moschee.

Durch Regen und Schnee aufs WC

Schwester Antonia führt nun in den neuen Teil der Schule. „Vergangenes Jahr wurde dieser Zubau mit drei neuen Klassen errichtet“, sagt sie. Eine dringend notwendige Investition, da sich die Zahl der Schüler seit 2012 mehr als verdreifacht hat. Zwölf Lehrerinnen unterrichten zurzeit an der Schule. Im Zuge der Bauarbeiten hat das Schulhaus außerdem einen neuen Anstrich erhalten und, worüber sich die Schwester besonders freut, die WC-Anlagen sind endlich überdacht. Im Winter könne es hier auf 1.200 Metern Seehöhe sehr kalt werden. „Für die Kinder war es nicht angenehm, durch Regen und Schnee aufs Klo laufen zu müssen.“ Und dann tritt die Schwester auf einen gefliesten Platz hinter der Schule, der von einer Zeder beschattet wird. „Unser Spielhof“, lächelt sie. Der darf in einer Don Bosco Schule nicht fehlen. Der Betrieb der Schule kostet natürlich Geld. „Im Durchschnitt rund 12.000 Euro pro Monat.“ Ein Teil davon wird über das Schulgeld finanziert. Eltern bezahlen pro Kind 750.000 Libanesische Pfund pro Jahr, umgerechnet etwa 420 Euro. Diese Summe aufzubringen, ist für viele syrische Eltern nicht einfach. Einige finden Arbeit im Wein- oder Olivenanbau. Andere hüten die Häuser von Bewohnern, die den Winter lieber in der Hauptstadt Beirut verbringen. Dennoch leben viele an der Armutsgrenze. Während bedürftige libanesische Eltern beim Schulgeld vom Staat unterstützt werden, sind die Syrer auf sich gestellt. Umso wichtiger sind die Spenden, die aus Österreich und Deutschland kommen.
„Vielen syrischen Kindern kann dadurch der Schulbesuch ermöglicht werden“, sagt Schwester Antonia Benedet. Mit den Spendengeldern wurden auch neue Möbel für die Schulbibliothek und die Klassenzimmer beschafft, PC- Arbeitsplätze eingerichtet und ein Teil der Kosten für Schulbücher und Lehrergehälter übernommen. Und die Don Bosco Schwester hat bereits neue Pläne: „Irgendwann möchten wir gerne regelmäßig Theateraufführungen mit den Kindern machen.“ Die Bühne gibt es bereits. Nach und nach sollen eine Licht- und eine Tonanlage angeschafft werden.

Friedvolles Zusammenleben

Schwester Antonia Benedet beschließt den Rundgang am Schultor, an dem eine Tafel mit der arabischen Aufschrift „Don Bosco Schule“ angebracht ist. Die Schule ist in den Hang gebaut. Von hier fällt der Blick auf Qartaba mit seinen Ziegeldächern und dem Kreuz des Kirchturmes. Don Bosco ist weit über Qartaba hinaus bekannt. „Auch aus den Nachbarorten kommen die Kinder mit Bussen in unsere Schule“, sagt Schwester Antonia, die seit 55 Jahren im Nahen Osten lebt und der das friedvolle Zusammenleben der Konfessionen ein besonderes Anliegen ist. Sie weiß, dass die Region und mit ihr der Libanon viele Probleme hat. „Umso wichtiger ist es, den Kindern Bildung zu vermitteln, damit sie für die Zukunft gerüstet sind.“ Ob sie aus dem Libanon oder aus Syrien kommen, soll keine Rolle spielen.

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