Eine Stimme für mehr Menschlichkeit

„Wir werden die Stimme erheben müssen“, lautete der Titel des Vortrags von Susanne Scholl am Nachmittag des Ordenstages am 27. November 2018. Über 500 Ordensleute und MitarbeiterInnen in den Wirkungsbereichen der Orden waren versammelt. Die Journalistin und Schriftstellerin erlebt heute eine Gesellschaft, in der man „hellhörig und wach sein sein muss, damit sich nicht wiederholt, was sich nicht wiederholen darf“. #otag18 #wach

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Die Journalistin und Schriftstellerin Susanne Scholl ermutigte zum genauen Hinschauen und Hinhören und zur Wachsamkeit.
Foto in Druckqualität: © Magdalena Schauer

 „Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten”, so beginnt ein Gedicht von Bert Brecht, das Susanne Scholl zitierte. Sie fuhr fort: „Gerade jetzt sind sie finster.“ Aus eigener Erfahrung erzählte die Referentin aus ihrem Leben. Sie stammt aus einer jüdischen Familie, ihre Großeltern wurden alle bei der Judenverfolgung umgebracht. Die Mutter war eine glühende Patriotin, ihre Vertreibung aus der Heimat hat sie nie wirklich verkraftet. „Menschen in Not, die fliehen, aus welchen Gründen auch immer, wollen in Wirkichkeit nur eines: zurück nach Hause.“ Das Problem sei, dass es dieses Zuhause, wie sie es kennen, nicht mehr gebe. Das erlebte auch ihre Mutter. „Mein Wien hat man mir weggenommen“, hatte sie gesagt, als sie nach dem Krieg von England wieder nach Wien zurückkehrte. Das Schlimmste, was Flüchtlingen passiere, sei, dass ihre Heimat zerstört sei und ihnen jede Heimat genommen werde. „Heimat meint ja nicht nur einen Ort, man verbindet es mit Kindheitserinnerungen, Gerüchen, Speisen, Ritualen usw.“

Zivilgesellschaftlicher Protest

Die Referentin berichtete danach von „Omas gegen rechts“, der Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest, in der sie sich engagiert. Gegründet wurde die Plattform von der ehemaligen evangelischen Pastorin Monika Salzer nach dem Angelobung der neuen Regierung. Sie könne nicht zuschauen, wie dieses Land umgestaltet wird, wie Hass, Verachtung und Unmenschlicheit zunehmen und von unten nach oben umverteilt werde, so die Stellungnahme der Gründerin von „Omas gegen rechts“, die sie auch auf Facebook postete. „Da bin ich dabei“, sagte sich Susanne Scholl. „Wir haben nichts zu verlieren und gehen auf die Straße mit Häubchen und einem eigens komponierten Lied.“ Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich viele dieser Plattform an, die sich ebenso unbehaglich fühlen mit dem, was passiert. Demonstrationen und Vorträge wollen wachrufen, wachhalten und aufklären. Scholl: „Wir müssen unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat und den Sozialstaat schützen.“ Was sie geglaubt habe, dass es nie wieder passieren könne, könne heute in Teilen wieder passieren: sei es in der Sprache, in offenen antisemitischen Äußerungen, in Liedern, die an die finstere Zeit der Judenvernichtung erinnern, in der Kürzung von Mindestsicherung, in der Ausgrenzung und im unmenschlichen Umgang mit Flüchtlingen, die den Eindruck bekommen: Wir sind in diesem Land nicht mehr erwünscht. „Ich will nicht, dass meine Kinder weggehen müssen. Sie sollen wie alle Menschen hier ihr Zuhause haben. Ich möchte, dass meine Kinder in einem Land leben, in dem Menschen  respektiert werden, gleich welche Sprache sie sprechen, welche Religion und Kultur sie haben.“ Die Entwicklung sei besorgniserregend, konstatierte die Journalistin und Schriftstellerin. „Wir wollen nicht in die Politik gehen. Für unsere Kinder, für die Jungen gehen wir auf die Straße und sprechen für sie. Wir wollen eine Stimme sein, die sagt: So nicht. Es geht auch anders. Man kann auch menschlich miteinander umgehen.“

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Foto: Magdalena Schauer

Genau hinschauen und eine Stimme sein

In der Plattform „Omas gegen rechts“ seien auch Opas willkommen, ergänzte Scholl und überhaupt alle, die wach und unzufrieden sind mit dem, was sie in Politik und Gesellschaft wahrnehmen. Sie appellierte an die versammelten Ordensleute: „Wir dürfen nicht aufhören, genauer hinzuschauen und müssen auch laut aufschreien, wo es notwendig ist.“

[hwinkler]