Kulturtag: Wer seine Kultur kennt, kann #wach präsent sein

Der Kulturtag am 28. November 2018 im Rahmen der Herbsttagung der Ordensgemeinschaften Österreich im Kardinal König Haus in Wien XIII stand unter dem Motto „Präsent sein – Europäische Ordenskultur(en)“. #otag18 #wach

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Foto v.l.n.r.: Erzabt em. Asztrik Várszegi (Erzabtei Pannonhalma), Priorin Frau Eva-Maria Saurugg (Benediktinerinnenabtei Nonnberg) und P. Joachim Schmiedl (Katholisch-Theologische Hochschule Vallendar). (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Magdalena Schauer

Erzabt em. Asztrik Várszegi: Auch Atheisten sind für Kultur offen

Den Beginn am Vormittag macht Erzabt em. Asztrik Várszegi von der Erzabtei Pannonhalma. Er stellte in seinem narrativen Referat die Frage: Im Osten nichts Neues?“. In einem kurzen Abriss skizierte Várszegi die Geschichte des ungarischen Volkes, das im 9./10. Jahrhundert vom Ural her kommend am Karpatenbecken-Tor Halt machte. Der erste Großfürst, Geysa, traf die Entscheidung, Ungarn sollte christlich und lateinisch (römisch-christlich) werden. Die Söhne des Abtes Benedikt spielten bei der Missionierung eine große Rolle. Pannonhalma wurde noch im 1. Jahrtausend – 996 - als Missionskloster gegründet.

Die mittelalterliche Geschichte zeigte der Ordensmann anhand eines Beispiels: Vor 15 Jahren wurde ein großer archäologischer Fund gemacht und eine Benediktinerabtei ausgegraben. Fast auf den Tag genau konnte man das Jahr bestimmen: 1241. Man fand die Skelette von Mönchen, aber auch von Männern, Frauen, Kindern und Tiere. Sie alle wurden bei einem Überfall der Mongolen getötet. Vermutlich diente die Abtei bis Anfang des 13. Jahrhunderts auch als eine Art Hotel für die Jerusalem-Pilger aus Westeuropa. Und es gibt Pläne, diese Abtei als Touristenattraktion wieder neu aufzubauen.

Die Ungarn waren im Mittelalter ein reiches und auch kultiviertes Volk; der Mongolensturm war ein erster verheerender Schlag: Ungarn wurde fast vernichtet. Dann kamen im 16. Jahrhundert die Türken, das Osmanenreich. Ungarn bestand zum Großteil aus türkischer Besatzungszone. Buda war für die Türken eine heilige Stadt, in der sie sich 150 Jahre lang sehr wohl fühlten.

Seit dem 16./17. Jahrhundert ist Ungarn ein multikonfessionelles und multikulturelles Land. Der Großteil (50%) ist katholisch, dazu calvinistische und lutherische Protestanten; ein kleinerer Teil ist Agnostiker. An Nationalitäten finden sich Schwaben, Kroaten und Slowaken.

Ein weiterer großer Schlag erfolgte zum Ende des I. Weltkriegs, als Ungarn aus der K.u.K-Monarchie herausfiel und Teile an die Slowakei, Ukraine, Rumänien und auch ans Burgendland fielen.
Ungarn kam an die Seite der Sowjetunion – was dann folgte, war 45 Jahre Diktatur in verschiedenen Ausführungen. Jede Diözese hatte ihr Zentrum, ihre Sammlungen, ihre Museen, ihre Kunstschätze. Alles wurde verstaatlicht oder zumindest vom Geheimdienst kontrolliert. Nach dem II. Weltkrieg verschwanden alle Ordensgemeinschaften bis auf die Benediktiner, Franziskaner, Piaristen und die Armen Schulschwestern. Diese vier Gemeinschaften durften mit jeweils 2 Mittelschulen bleiben – und das eher aus Reklamezwecke, um „religiöse Freiheit“ zu demonstrieren.

Heute gib es 22 Männergemeinschaften und ca. 40 Frauengemeinschaften, manche größer, andere kleiner. Sie haben nun die Freiheit, sich selbst zu organisieren, Kulturgüter auszutauschen, zu reparieren oder neue Ausstellungen zu eröffnen. Die klösterlichen Gemeinschaften wollen diese Kulturgüter bewahren, erfrischen und zu pastoralem Zwecken öffnen. Erzabt Várszegi: „Auch gutmütige Atheisten sind für Bibliotheken, Sammlungen und Kultur offen“.

 

Joachim Schmiedl: Religiöses Leben geht weiter

Der Schönstatt-Pater Joachim Schmiedl ist Kirchenhistoriker an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und Leiter des Arbeitskreis‘ Ordensgeschichte des 19./20. Jahrhunderts. Sein Vortrag beschäftigte sich mit dem Thema „Provinzzusammenlegung und kein Ende?“ Auch er gab einen kurzen historischen Überblick über die neuere Geschichte der Orden und wies darauf hin, dass es in der Geschichte schon immer Phasen gegeben hat, in der Klöster und Stifte, die seit Jahrhunderten existiert hatten, aufgelöst und aufgegeben wurden – zum Beispiel im Umfeld des Josephinismus oder der Französischen Revolution. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgten wiederum viele Wiederbelebungen alter Stätten – wenn auch nicht unbedingt von derselben Ordensgemeinschaft. Schmiedl nannte als Beispiel die Abtei Beuron, die 1803 von den Augustiner-Chorherren aufgegeben und 1863 von den Benediktinern wiedergegründet wurde.

Viele Frauengemeinschaften seien im 19./20. Jahrhundert als Antwort auf eine Not der Gesellschaft gegründet worden; so entstanden in einer Blütezeit Schule und Bildung, Spitäler und Krankenpflege. Sie prägten in ihrer Pluralität das katholische Leben bis lange nach dem II. Vatikanum.

Dennoch müsse man zur Kenntnis nehmen, dass sich die Demografie in den letzten Jahrzehnten nur noch nach unten bewege. So gab es 1997 in Deutschland noch 35.000 Ordensfrauen, 2017 nur noch 15.000; davon seien rund 80 Prozent älter als 75 Jahre. Ähnlich seien die Zahlen in Österreich. Was die Zahlen der Männergemeinschaften in Deutschland und Österreich betreffen, so seien sie nicht ganz so drückend; aber auch hier ist eine deutliche Abwärtstendenz erkennbar.

Die Antwort darauf bestehe oft in der Zusammenlegung von Provinzen, teilweise über Sprachgrenzen hinweg; hier sei kein Ende in Sicht. Oft erfolge auch ein Zusammenschluss von Gemeinschaften mit derselben Spiritualität. So hätten sich die franziskanischen Gemeinschaften im deutschen Sprachraum zusammengetan, um Gemeinsamkeiten zu nutzen. Synergien werden gesucht wie zum Beispiel ein gemeinsames Noviziat. Schmiedls Resümee: „Diese Gemeinsamkeiten sind ein vielversprechender Weg für die Zukunft.“ Veränderungen dürfen nicht nur aus Personalmangel oder politischen Begebenheiten passieren, sondern auch wegen des Wandels des Ordenslebens und seiner inneren Strukturen. „Religiöses Leben geht weiter – in verschiedenster Form“, zeigte sich Schmiedl überzeugt.

 

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Die ReferentInnen des Nachmittags: Stefan Lunte (Kommission der Bischofskonferenz der Europäischen Union) und Sr. Eva-Maria Saurugg (Benediktinerinnenabtei Nonnberg). (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Magdalena Schauer

 

Frau Eva-Maria Saurugg: Ein altes Kloster ist keine Sache von gestern

Die Benediktinerin Frau Eva-Maria Saurugg ist Priorin der Abtei Nonnberg in Salzburg. Die Theologin referierte zum Thema „Klösterliches Kulturerbe: Tradition – von gestern und/oder für morgen“.

Ausgangspunkt war das Gedenken an die Heilige Erentrudis, der ersten Äbtissin von Nonnberg und der Schutzpatronin Salzburgs, die 718, also vor genau 1.300 Jahren, verstorben war. Die Abtei steht unter Denkmalschutz und gehört zum UNESCO-Welterbe. Aber: „Unser Kloster ist kein Museum, sondern ein Ort, an dem seit 1.300 Jahren ein Leben der Gottsuche gelebt wird“, betonte Frau Eva-Maria. „Unsere Tradition basiert auf der Flexibilität, die der heilige Benedikt vorgibt.“

Schon immer habe der Ordensgründer einen selbstständigen Umgang mit der Tradition in Blick auf konkrete Begebenheiten und mit Rücksicht auf die Charaktere und Fähigkeiten der Mitbrüder gefordert. Dies sei schon in seinen Regeln verankert. So nehme Benedikt zum Beispiel bei der Psalmeneinteilung, beim Maß der Speisen oder beim Maß des Getränkes Rücksicht auf seine Mitbrüder. Zwar stelle er ihnen ein Ideal vor Augen, um ihren Eifer zu wecken und sie anzuspornen, doch weiß er, die Zeiten haben sich geändert; die teils schwere Arbeit und die veränderten klimatischen Verhältnisse erfordern eine Anpassung der Regeln. Und diese erlaubt er frei zu gestalten: „Wer nicht einverstanden ist mit der Psalmenordnung, der stelle eine andere auf, die er für besser hält“, zitiert Priorin Saurugg aus den Benediktregeln. Und weiter: „Das ist auch unsere Intention, die jeweilige Situation im Blick auf die Regel zu hinterfragen und in Blick auf die Erfordernisse der Gegenwart zu gestalten.“

Das Kloster Nonnberg habe „gebetete Mauern, getränkt vom ununterbrochenen Gotteslob“, so die Ordensfrau. Die Menschen bräuchten Orte, die Ausstrahlung haben, gerade in Zeiten, die von der Technik beherrscht werden. Doch Technik habe keine Aura, sondern folge rein mathematischen Prinzipien. In jedem Menschen liege ein Sehnen nach dem, was den Alltag transzendiert: Kunst, Musik, Tanz rührt den Menschen im Innersten. Die Schönheit der Klöster sei von Kunstwerken unabhängig. Jedes Kloster wird in seinem Inneren durch die liebevolle Gestaltung der Räume eine schlichte Schönheit spüren lassen. Schönheit, die über das rein Nützliche hinausgeht, gilt es auch für das Morgen zu bewahren. So ein Ort sei Nonnberg.

Besucherinnen und Besucher wundern sich, wie es mitten in der Stadt einen Ort gibt, der so still sein kann. Priorin Saurugg: „Stille und Schweigen gehören unabdingbar zum Mönchstum. In der Stille werden wir offen für Gott und für sein Angebot.“

Das Bewusstsein, in einer langen Tradition und Glied in einer langen Kette zu stehen, spiele immer mit. Nachhaltiges Handeln war in Klöstern schon immer gegeben. Klösterliche Sorgfalt stehe der Wegwerfmentalität diametral gegenüber. Es ist ein wichtiger Auftrag, diese Tradition von Gestern im Heute zu leben und für das Morgen weiterzugeben. Darin drücke sich auch die Ernsthaftigkeit in der Nachfolge Christi aus. Daran haben sich die verschiedenen Generationen gemessen. Und dadurch sei die Gemeinschaft immer ein lebendiger Organismus geblieben. „Ein altes Kloster wie Nonnberg ist keine Sache von gestern“, zeigt sich Priorin Saurugg überzeugt. „Sondern es geht mit der Zeit. Was aber nicht heißt, dass wir alle Zeitströmungen mitmachen.“

Der Blick auf die lange Geschichte habe sie gelehrt: Entscheidungen müssen gut überdacht werden, damit Dinge bestand haben. Zugleich ist das auch ein gutes Korrektiv gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit, gegen die „Mentalität, die das eigene Meinen und Empfinden zum Angelpunkt der Welt werden lässt“, so die Ordensfrau. Denn: „Gott hat letztlich immer den längeren Atem.“

 

Stefan Lunte: Kulturerbe bedeutet aus dem Nahen das Weite sehen

„Religiöses Erbe und Europäisches Bewusstsein“ – so lautete der Titel des Vortrags, den Stefan Lunte, Referent für die Kommission der Bischofskonferenz der Europäischen Union und Generalsekretär von Justitia et Pax, zum Abschluss des Kulturtags hielt.

Das Jahr 2018 wurde von der Europäischen Union zum Europäischen Jahr des Kulturerbes erklärt mit dem Ziel, die Bedeutung des gemeinsamen kulturellen Erbes zu betonen. Doch kulturelles Erbe habe auch viel Bezug zum Religiösen Erbe, so Stefan Lunte. Europa werde durch das religiöse (Kultur-)Erbe aufgeschlossen. Lunte: „Wenn es ein Kernanliegen des europäischen Kulturerbejahrs gibt, dann ist es das: Aus dem eigenen Nahen heraus das Weite in den Blick zu bekommen“. Durch die Würdigung des kulturellen Erbes könne man die eigene Vielfalt entdecken – und dann den interkulturellen Dialog über Gemeinsamkeiten aufnehmen. Immerhin: Rund 80 Prozent der EuropäerInnen fühlen sich mit dem Kulturerbe in irgendeiner Form verbunden.

Auf europäischer Ebene wurden Initiativen gestartet, die Verständnis wecken sollen dafür, dass Kulturerbe durch uns alle entsteht und daher uns alle etwas angeht. Daher sollen auch alle Menschen Zugang zum Kulturerbe haben. Mit seinem partizipativen und integrativen Ansatz richtet sich diese Initiativen auch explizit an Kinder und Jugendliche.

Das Ziel der COMECE, der Vertretung der Katholischen Kirche in der Europäischen Union, sei es, die Frage des religiösen Erbes mit den europäischen Institutionen und Einrichtungen ins Gespräch zu bringen. Das Religiöse Erbe Europas soll nicht in polemischen, sondern im konstruktiven Sinn für das Vorantreiben des europäischen Gedankens fruchtbar gemacht werden. „Schließlich ist dieser Gedanke in der Gründungsurkunde der Europäischen Gemeinschaft enthalten“, wies Stefan Lunte darauf hin, und zitiert auch gleich daraus: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“.

Daraus kristallisierten sich vier Punkte heraus: Das Religiöses Erbe sei Material der Brückenbauer, denn Europa schöpfe Bewusstsein aus diesem gemeinsamen Schatz. Das Religiöse Erbe verweise auch auf Universalität, denn es lässt uns erkennen, dass Europa sich nicht auf sich selbst beschränken darf, sondern eine universelle Grundlage hat. Das Religiöses Erbe ist als Momento der Endlichkeit zu verstehen. Und als letzter Punkt zeigt sich das Religiöses Erbe auch als Kritik des Allumfassenden Kapitalismus. Denn während z.B. die Klöster Dinge produktiver machten, rationaler gestalteten, Abläufe beschleunigten, um Zeit für das Gebet zu gewinnen, wissen wir heute nicht, was wir mit dieser gewonnenen Zeit anfangen sollen.

Das Religiöse Erbe kann durchaus auch als Kritik an unserem Wirtschaftssystem verstanden werden. „Damit verbunden ist die Hoffnung, das europäische Bewusstsein befruchten zu können – indem das Profitstreben in Frage gestellt wird“, betonte Lunte. „Materieller Profit wird immer mehr hinterfragbar. Denn das Gebet hat einen anderen Wert.“ Sein Schlusswort: „Schönheit – Kultur als ihr Träger - ist nie abgeschlossen, Sie zielt letztlich immer auf das göttliche Wesen selbst.“

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Am Ende des Kulturtages hat sich das neue "Kulturteam" vorgestellt und erstmals in diesem Kreis Abschied genommen von der früheren Leiterin des Kulturreferates Helga Penz..(Foto: fkaineder)

Die Pressefotos zum Download 

[rsonnleitner]