Heilen durch Berühren

Frater Seraphim Schorer ist nicht nur Prior bei den Barmherzigen Brüdern in Regensburg, sondern auch ausgebildeter Masseur, Physiotherapeut und Entspannungspädagoge. Im Interview mit Johann Singhartinger für den Granatapfel, das Magazin der Barmherzigen Brüder, erzählt er, was diese Berufe mit seiner Berufung als Barmherziger Bruder zu tun haben. #BeziehungHeilt

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In einem Workshop demonstrierte Frater Seraphim bei einer Teilnehmerin eine Gesichtsmassage. Foto: Simone Stiedl

Granatapfel: Frater Seraphim, Sie sind Physiotherapeut, Masseur, medizinischer Bademeister und auch noch Entspannungspädagoge. Wie kamen Sie zu diesen Berufen?

Frater Seraphim: Mein erstes Berufungserlebnis hatte ich mit zehn oder elf Jahren: Eine Freundin meiner Mutter hatte Kopfschmerzen. Ich hab‘ ihr Nacken und Schultern massiert – und dann war der Kopfschmerz weg. Da dachte ich mir: Mensch, das möchte ich beruflich machen. Aber nach der Schule habe ich erst noch eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer gemacht, für die Masseur-Ausbildung war ich noch zu jung.

Gibt es da Parallelen zwischen dem Beruf des Steinbildhauers und des Masseurs?

Viele meinen, Steinmetz sei ein sehr „grober“ Beruf. Natürlich braucht man für die Bearbeitung von Stein Kraft, aber man muss auch sehr sensibel sein. Wenn man zu fest hinschlägt, geht der Stein kaputt. Der Umgang mit dem „Material“ will gelernt sein, beim Stein wie auch beim menschlichen Körper.

Wie ist Ihre Erfahrung: Heilen durch Berührung – geht das?

Ja, das geht absolut. Und zwar geht sowohl „Heilen“ als auch „Gesundmachen“. Man kann beides mit den Händen: gesund machen im physiologischen Sinn, indem ich Spannungen löse, Gelenke deblockiere. Und heilen in einer seelisch-geistigen Dimension. Da kann ich „heil“ machen, nicht unbedingt „gesund“. Zum Beispiel können die PatientInnen auf der Palliativstation dann anders mit ihrer Krankheit umgehen. Ich kann die Menschen durch äußerliche Berührung auch innerlich berühren. Viele erleben ihren Körper negativ: Er schmerzt, verfällt. Und dann spüren sie zum ersten Mal seit langem wieder: Mein Körper kann auch gut tun.

Ist es wichtig, mit den Patienten auch zu sprechen oder „spricht“ der Körper mit dem Therapeuten?

Das ist unterschiedlich. Ich frage nur, was ich wissen muss. Ansonsten lasse ich die Patienten reden, wenn sie wollen, ansonsten bleiben wir still. Therapie ist schon nonverbale Kommunikation. Es gibt ja zum Beispiel unterschiedliche Verspannungen: durch Fehlhaltung oder auch, wenn ich jemandem unangenehm bin. Das merkt man ohne zu sprechen.

Als Prior und Provinzrat kommen Sie wahrscheinlich nicht mehr dazu, als Masseur oder Physiotherapeut zu arbeiten?

Doch, doch, ich bemühe mich, dass es manchmal klappt. Da hat ja auch meine Berufung ihren Ursprung. Mir war immer klar: Ich möchte mit kranken Menschen, mit Menschen am Rande der Gesellschaft, mit behinderten Menschen arbeiten und ich will als Bruder nahe am Menschen sein. Und das bin ich, wenn ich Menschen „berühren“ kann.

[hwinkler]