AHS und BMHS: Präsenzkraft aus christlicher Identität

„Präsenzkraft als Schlüssel für Lern-Beziehungen“ ist das Thema der der Österreich weiten Tagung der Schulerhalterinnen und Schulerhalter sowie Direktorinnen und Direktoren katholischer AHS und BMHS im Bildungshaus St. Virgil von 14.-16. Jänner 2019. Impulse setzen Werner Rauchenwald vom Institut für Führungskompetenz und Motivation, P. Hubert Lenz von der Hochschule Vallendar, Jochen Krautz von der Bergischen Universität Wuppertal, Wilhelm Pichler vom Abteigymnasium Seckau und P. Ferdinand Karer vom Gymnasium Dachsberg. Luftensteiner: "Ordensschulen sind Orte der Würde."

 

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vlnr: Rudolf Luftensteiner, Bereichsleiter Bildung und Ordensschulen bei den Ordensgemeinschaften Österreich, Maria Plankensteiner, Schulamtsleiterin der Diözese Innsbruck, Michael Haderer, Privatschulreferent der Diözese Linz, Anton Eder, Direktor des Stiftsgymnasium Melk und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der DirektorInnen ordenseigener Schulen (ADOS).
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Bei der Schultagung äußert sich der Bereichsleiter für Bildung und Ordensschulen bei den Ordensgemeinschaften Österreich Rudolf Luftensteiner mit Blick auf die steigenden SchülerInnenzahlen bei Ordensschulen: „Die Ordensschulen freuen sich sehr, dass es auch heuer wieder ein  Schülerplus gab, weil für uns das auch eine Bestätigung der hervorragenden Arbeit der PädagogInnen ist. Gerade in einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen immer mehr festmacht an der Leistung und Brauchbarkeit sind Bildungseinrichtungen, in denen der Mensch, jeder Mensch, als geliebtes Kind Gottes, Würde, Schutz und Ansehen erfährt, von höchster Dringlichkeit. Ordensschulen sind solche Orte der Würde, des Schutzes und der Wertschätzung jedes einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit. Da sind wir ein wichtiges widerständlerisches Zeichen. Wir schätzen jeden Menschen." 

Stille und Präsenz machen Intuition zugänglich

„In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Diese Weisheit des hl. Augustinus stellte Werner Rauchenwald am ersten Tag der Schultagung mit etwa 80 TeilnehmerInnen in die Mitte seines Impulses, um dann gleich eine heute weit verbreitet Illusion zu benennen: „Das größte Problem der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ Rauchenwald ermutigt die Schulverantwortlichen zu einer tiefen Präsenz, „um als Hüterinnen und Hüter von Prozessen da sein zu können“. Mit Übungen wurde gezeigt, „dass  Leere Fülle sein kann und Prozesse entscheidend sind neben Lösungen und Zielen. Dabei geht es um jenen Teamgeist, der gemeinsam auf ein Ziel hin arbeitet und füreinander  agiert.“  Eine aktive Strategie ist die entsprechende Struktur zur Zielerreichung und Präsenzfähigkeit ist eine solche Strategie. Wer präsent ist, hat keine Geschichte als solche, weil das Ego schweigt. „Stille und Präsenz machen Intuition zugänglich und dadurch gute Entscheidungen möglich“, weiß Rauchenwald, der die MEK-Strategie (Motivation-Energie-Konzentration) empfiehlt. Und: „Gebet ist eine solche MEK-Strategie.“ Körpersprachlich gab er den Privatschulverantwortlichen einen zielführenden und sinnmachenden Tipp mit: „Schauen sie aus wie die Lösung, nicht wie das Problem.“

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Die Schulverantwortlichen im Inspirationskreis 
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Wir leben in einer Beziehung

Der Pallotiner P. Hubert Lenz von der Hochschule Vallendar ging der Berufung aus der Taufe nach mit dem Aspekt „Schöpfen aus der Quelle“. Lenz sensibilisiert für die „Luft, die wir atmen. Luft ist nicht alles, aber ohne Luft ist alles nichts. Ohne Luft können wir nicht leben.“ Der Mensch lebt in einer großen Unverfügbarkeit. Im Menschen ist allerdings etwas, was weit über die Eltern hinausragt. Das gibt ihm Freiheit und Würde.  „Wir leben davon, dass ein anderer mich bejaht“, spricht Lenz die Dimension an, die wir uns selbst nicht geben können: Der Eigenwert und die Sehnsucht nach einem Du begegnen einander. Lenz sieht am Christlichen ganz zentral: „Gott ist immer schon da. Er sagt Du und Ja. Wir leben in einer Beziehung.“ Gerade auch beim Misslingen ist Gottes Zuspruch: „Ist schon gut“. „Da – Du – Ja“ ist die Luft, die nicht alles ist, aber ohne die wir nicht leben können. Der Ursprung von allem ist, dass Gott eine Beziehung zum Menschen aufbaut. „Diese Liebe können wir weder durch Leistung verdienen noch durch Schuld aufheben oder zerstören. Diese Liebe ist mächtiger als alles Dunkel, als alle Sünde und Tod. Mit seinem Sterben und Auferstehen erlöst Jesus Christus den Menschen vom Kreisen um sich selbst entlang von Beachtung, Anerkennung, Selbstbehauptung und Akzeptanz.“ Lenz erinnert daran, „dass die Taufe das tiefe Eintauchen in diese Ja-Wirklichkeit Gottes ist“.

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P. Hubert Lenz 

Ordensschulen weiterentwickeln

„Eine gute Schule ist noch lange nicht gut. Es heißt, sich ständig weiterzuentwickeln.“ Der Direktor des Abteigymnasium Seckau Wilhelm Pichler machte seine Erfahrungen unter dem Thema "Change im Abteigymnasium Seckau“ für die Kolleginnen und Kollegen zugänglich: „Es geht immer darum, in den Veränderungsprozessen den Blick auf das Ganze nicht zu verlieren. Das heißt bei uns als benediktinische Schule ora et labora et lege. Dazu braucht es Begeisterung und die Herzenshaltung der Liebe.“ Das Abteigymnasium Seckau hat Handlungsfelder der Zukunft im Unterrichtsplan abgebildet, „also neue Fächer neu unterrichten“. Das Handwerk wurde zum Spezifikum unter "Werkstatt:Luft" entwickelt. Unter "Netzwerk Kunst", "Netzwerk Körper" und "#Respekt" wurden weitere Schwerpunkte definiert. 

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Direktor P. Ferdinand Karer vom Gymnasium Dachsberg (3. vl) und Direktor Wilhelm Pichler vom Abteigymnasium Seckau (4.vl) mit Schülerinnen, Schüler und Klassenvorstand 
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P. Ferdinand Karer vom Gymnasium Dachsberg stellte den Kolleginnen und Kollegen ihr neues Zeitmodel für Unterrichtsstunden abseits des "50-Minuten-Taktes"vor. "Die Freiheit ist der kostbarste Teil des Menschen" hat Karer an die Turnsaalwand schreiben lassen. Eigenverantwortung braucht diese Freiheit. Die Selbstständigkeit einzulernen ist das Ziel. Der Umgang mit der Zeit wird damit bewusster und intensiver gestaltet. Praktisch: "Wir sind im zweiten Jahr. Das Schuljahr ist viel ruhiger und konzentrierter geworden. Es gibt keine 50-Minuten Stunden mehr. Lange und kurze Einheiten wechseln einander ab." Die kurzen Einheiten dauern 43 Minuten und die langen Einheiten 73 Minuten. Dazwischen liegt eine FLEX-Zeit. "Vertiefen statt Drücberwischen, Förderung der individuellen Wahlmöglichkeit, Verantwortung übernehmen, Stärkung der Teamfähigkeit und Selbstrefflexion fördern", sieht Karer als die Zielsetzung. Unsere Erfahrung. "Gerade die längeren Einheiten nehmen der Schule die Hektik." Bei der FLEX-Zeit löst sich der Klassenverband auf und jeder Schüler geht zu einem Lehrer, "der sie in einer persönlichen Aufgabenstellung fördern kann". 

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Schüler und Schülerinnen des Abteigymnasiums Seckau präsentieren die Netzwerk-Lernfelder. 
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Die jetzige Bildungspolitik ist gegen die Verfassung gerichtet

Jochen Krautz vom der Bergischen Universität Wuppertal referiert zum Thema "Time for change? Schule zwischen demokratischem Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung". "Veränderung muss immer demokratisch legitimiert sein", so Jochen Krautz angesichts einer überbordenden Innovationsflut. Heute werden alle Prozesse unter dem Titel "Gouvernance" gestaltet und "weich kommuniziert". Mit einer modernen Rhetorik wird ein technokratisches Menschenbild festgezimmert. "Wir leben in einer Zeit der Vergötzung der Innovation. Mit geradezu religiösem Eifer werden wir auf Neues und Veränderung eingeschworen." Um die Zukunft der Kinder, der Digitalisierung, der Welt zu retten, müssen wir verändern. "Dabei kennen wir die Zukunft gar nicht." Innovation kennt aber keine Vergangenheit. Die Innovations-Rhetorik kommt im Gewand des Sachzwanges daher. "Der Wandel kommt wie der Wind von irgendwoher. Das begründet alles ohne kritische Rückfragen." Darüber reden und sich auseinandersetzen ist absolut nicht gewünscht: "Es muss so sein." Krautz weiß: Es wird immer weniger diskutiert. Aus der Vergangenheit soll möglichst wenig mitgenommen werden.

Was ist das Alte? Krautz: "Das personale Menschenbild - vom Christentum, Aufklärung und Humanismus geprägt - soll vergessen gemacht werden." Daraus folgt eine technokratisch gestaltete Bildung, die den Menschen in die Fremdsteuerung führt. Hierarchie und Konkurrenzdruck steigt nach der Logik des Marktes und bestimmt den Bildungsalltag. "Output-Kriterien" sind die einzigen Bewertungskriterien. "Das begründet diesen heute merkwürdigen Druck entlang des Input-Output-Mechanismus. Alles Messbare zählt, alles andere ist nichts wert."

Alternativen und Gegenentwürfe schaffen

Dazu setzt sich nach Krautz gerade die Idee der "Selbststeuerung der Bildung durch kybernetische Vorgänge" durch. Da wird Bildung aus dem politischen Diskurs herausgenommen. Genau da wird sie aber antidemokratisch, weil sie nicht im politischen Diskurs sondern im vermeintlichen Sachzwang steht. Diese Bildungs-System ist derzeit auch dabei, die Lehrer und Lehrerinnen in ihren Einstellungen und Haltungen auf dieses "neue technische System" einzschwören.

Was können Ordensschulen dagegen tun? "Wir sind diesem System nicht ausgeliefert. Dass wir Menschen als Maschinen behandeln, ist nicht neu, aber gegen alle christlichen, humanistischen und aufgeklärten Prinzipien. Es braucht immer neu die Frage: Worum geht es bei Bildung? Welche Bedeutung hat pädagogische Freiheit? Genau da gilt es, Alternativen zu entwickeln. Es geht um ein sehr deutliches Gegenmodell über das Verständnis vom Menschen und der Welt. Wir haben in diesem Punkt die Verfassung auf unserer Seite, weil diese jetzt gängige Pädagogik im Kern gegen die Grundintention der Verfassung über die Würde des Menschen gerichtet ist. Jetzt heißt es: Alternativen, Gegenentwürfe schaffen. Hier könnte Österreich Vorreiter sein."  Jochen Krautz hinterfragt immer heftiger das derzeit gängige "technokratische Bildungssystem" entlang der allgegenwärtigen Marktlogik: "Pädagogik aber ist ein vielfältigeres Geschehen."

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Jochen Kautz hinterfragt das derzeit gängige "technokratische Bildungssystem" entlang der Marktlogik: "Pädagogik aber ist ein vielfältigeres Geschehen."

#wach heißt: Obsculta

Bei der morgendlichen Eucharistiefeier erinnerte der Abt vom Stift Seitenstetten Petrus Pilsinger an das erste Wort der Benediktregel: "Obsculta". Höre mein Sohn. Pilsinger führte die evangelischen Räte als besondere Lebenshaltung für heute aus. Die Gelübde der Ordensleute sollten in ihrer Bedeutung, in ihrer Vielfalt in heutiger Sprache buchstabiert werden. In den neuen Begrifflichkeiten #wach #einfach und #gemeinsam sollen die Grundhaltungen neu zugänglich gemacht werden. "Ordensleben hat nichts mit verschroben, weltentrückt oder sonderbarem Leben zu tun, sondern genau das Gegenteil: Es dient der Verlebendigung der Gesellschaft und Kirche." Pilsinger sieht auch im Bildungsbereich und den Ordensschulen ein großes "Anwendungsfeld für diese wache Lebenshaltung". Gerade in schwierigen Situationen - so der hl. Benedikt - "klopft Gott an unser Leben". Die Lebenshaltung des wachen Gehorsam fragt ganz tief: "Hört hin, was die Botschaft der Krise sein will. Im Mitmenschen begegnet uns Jesus Christus. Und genau da wird uns Barmherzigkeit zugemutet." Pilsinger ermuntert die Schulverantwortlichen, "hellhörig zu sein für die konkreten Menschen und Vertrauen zu entwickeln".  

Beim festlichen Abendessen, zu dem die Ordensgemeinschaften Österreich eingeladen haben, hat Bereichsleiter Rudolf Luftensteiner den Dank der Ordensgemeinschaften "für die vielfältigen Dienste und  das oft über das normale Ausmaß hinaus" zum Ausdruck gebracht: "Es liegt an uns verantwortlichen Frauen und Männer, die Idee von Ordensschule entlang der jeweiligen Ordenscharismen verantwortlich weiterzutragen und lebendig zu  halten, vor allem dort, wo Ordensleute nicht mehr präsent sind."

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Veranstaltet wurde die Tagung unter Federführung von Rudolf Luftensteiner und Michael Haderer für die Ordensgemeinschaften Österreich, die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems und das Interdiözesanes Amt für Unterricht und Erziehung.

Change im Abteigymnasium Seckau

Gymnasium Dachsberg

Bereich Bildung und Ordensschulen der Ordensgemeinschaften Österreich

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