VinziDorf Wien: Endlich daheim

Über 15 Jahre hat es gedauert, bis im Dezember 2018 das VinziDorf Wien in Hetzendorf endlich eröffnet werden konnte. Es ist für viele alkoholkranke Langzeitobdachlose Heimat und Hoffnung zugleich. Ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe des Magazins ON Ordensnachrichten zum Thema sozial politisch wachsam. #wach

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Alle Fotos: © Robert Sonnleitner

Das Erste, was einem in der Hetzendorferstraße 117, an der Ecke zur Boergasse in Wien Hetzendorf, schon von weitem auffällt, ist die alte Klosterkirche der Lazaristen. Der neugotische Bau strahlt, komplett mit schlichten dunkelroten Rohziegeln ausgeführt, eine stille, unaufdringliche Würde aus. Aus demselben Material zieht sich eine windschiefe Mauer die Seitengasse entlang; geht man ihr nach, führt sie den Suchenden direkt zum VinziDorf Wien. Tritt man durch das Einfahrtstor, fällt einem als Zweites die idyllische Stille auf, die auf dem Pflastersteinplatz vor dem Eingang vorherrscht. Davor lädt eine große Wiese mit Bäumen zum Verweilen ein. „Ist es hier nicht herrlich?“, fragt Regine Gaber, Koordinatorin der Wiener VinziWerke Wien. „Aber genau das war unser Ziel: einen schönen Platz zu schaffen für Menschen, die in ihrem Leben nur mehr wenig Schönes zu erwarten haben.“

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Heimat für Heimatlose

Unter dem Motto „Heimat für Heimatlose“ bietet das VinziDorf Wien Langzeitobdachlosen mit chronischer Alkoholkrankheit ein neues Zuhause. 24 dauerhafte Wohneinheiten stehen zur Verfügung; die ersten Bewohner hatten bereits Anfang Dezember 2018 ihr Quartier bezogen. Alle Häuschen bestehen aus einem Zimmer mit einer Durchschnittsgröße von achteinhalb Quadratmeter und besitzen einen eigenen Sanitärbereich. Ein großes Haus beherbergt im Erdgeschoss die Gemeinschaftsküche, den Speisesaal, die gemeinsamen Aufenthaltsräume, Waschküche. Nasszellen und die Büros der KoordinatorInnen bzw. der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Im ersten Stock befinden sich weitere Zimmer für Obdachlose. Einzige Voraussetzung, um hier im VinziDorf aufgenommen zu werden, ist der Besitz einer österreichischen Staatsbürgerschaft bzw. einer hierzulande gültigen Anspruchsberechtigung. Ansonsten gibt es keinerlei Vorgaben.

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Die Menschen achtsam begleiten

„Wenn du einen Alkoholiker fragst, ob er die Flasche oder das Bett nimmt, dann entscheidet er sich immer für die Flasche“, zitiert Nora Tödtling-Musenbichler, Koordinatorin der VinziWerke Österreich, VinziWerk-Gründer Pfarrer Wolfgang Pucher. „Bei uns gibt es kein Alkoholverbot. Und unsere Bewohner müssen auch nicht so wie in vielen anderen Einrichtungen einen Entzug machen. Wir nehmen die Leute so wie sie sind. Einfach nur, damit sie endlich einen Ort haben, wo sie ankommen können.“
Einmal aufgenommen, können die Menschen so lange bleiben wie sie wollen. „Es gibt keine zeitliche Begrenzung“, ergänzt Regine Gaber. „Die Bewohner können hier bleiben bis sie sterben. Der Ort wird zu ihrem letzten Zuhause.“ Das VinziDorf bestreitet damit eine Vorreiterrolle in der Betreuung obdachloser alkoholkranker Personen.
Die Bewohner lebten oft jahrelang auf der Straße; das ist auch der Grund, warum sie sich manchmal sehr schwer tun, in eigenen vier Wände zu leben und unter Leute zu sein. „Deshalb war es uns wichtig, dass hier jeder seine eigenen Räumlichkeiten und auch seinen eigenen Sanitärbereich, sprich Privatsphäre hat“, erzählt Nora Tödtling- Musenbichler. „Es sind Leute, die sich auch sehr schwer mit Regeln tun und sich auch nur schwer anpassen. Deshalb verlangen wir das nicht, und wir stellen auch keine Regeln auf. Wir reichen ihnen die Hand, und wenn sie sie nicht annehmen, dann ziehen wir sie trotzdem nicht weg, sondern begleiten diese Menschen achtsam weiter.“ Oft ist das der Beginn einer Einstellungsveränderung; viele fangen irgendwann an, freiwillig im Haus mitzuhelfen. Was woanders als Zwang erlebt wird, geschieht im VinziDorf aus einem Verbundenheitsgefühl, mehr noch, aus einem Heimatgefühl heraus freiwillig.

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Durch Begegnung entsteht Beziehung

Geboten werden zudem Kleidung und warme Mahlzeiten, Unterstützung bei Amtswegen, finanziellen Belangen und im Gesundheitsbereich sowie Beschäftigungs- und Gesprächsmöglichkeiten durch haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Der Startschuss für das Wiener VinziDorf erfolgte bereits 2002, doch dann dauerte es rund 16 Jahre, bis VinziWerk- Gründer Pfarrer Wolfgang Pucher im Dezember 2018 zur Eröffnungsfeier laden durfte. „Wir hatten mit vehementen Widerständen seitens Anrainer und Behörden zu kämpfen“, erinnert sich Nora Tödtling-Musenbichler. „Das hatten wir schon in Graz erlebt. Als wir dort vor 25 Jahren das VinziDorf eröffneten, war überall zu hören: Wir finden das großartig, was ihr macht, aber bitte macht es wo anders.“
In Wien konnte der Trägerverein lange Zeit keinen geeigneten Platz finden; schließlich stellte der Lazaristen-Orden das Grundstück in Hetzendorf zur Verfügung. Aber auch hier wehrten sich die Nachbarn erbittert mit allen juristischen Mitteln gegen den Bau des mit Geld- und Sachspenden errichteten Obdachlosendorfes. „Es geht vielen Einrichtungen so“, sagt Regine Gaber. „Was fremd ist, was man nicht kennt, macht Angst. Man hört die Worte Langzeitobdachlose, Alkoholiker, Kranke. Und wenn man selbst keine Berührungspunkte, sondern nur irgendwelche Bilder aus Medien oder Fernsehen im Kopf hat, dann bastelt man sich eigene Vorstellungen zusammen. Und fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten.“ Jahrelang suchte das Team den Kontakt mit den Anrainern, versuchte ihre Bedenken zu zerstreuen und alle Gegenargumente zu wiederlegen. „Aber wir mussten, wir würden erst alle Ressentiments loswerden, wenn dieses Haus gebaut und mit Leben erfüllt ist“, erinnert sich Nora Tödtling-Musenbichler. Und tatsächlich, heute sind viele ehemalige Widersacher ehrenamtliche MitarbeiterInnen im VinziDorf. „Viele Nachbarn haben erkannt, die Dorfbewohner sind gar keine bösen Menschen. Oft sind sie nicht einmal als Obdachlose, als Alkoholiker erkennbar … und auf einmal entsteht Beziehung.“
Aufgeben war für das Team nie eine Option. „Da gibt es einen klaren Satz von unserem Gründer Pfarrer Pucher: Geht nicht gibt’s nicht“, sagt Regine Gaber. „Wir lassen uns nicht abbringen. Unser oberstes Ziel ist, Menschen in Nöten zu helfen, und da können wir sehr kreativ werden.“ Was noch benötigt wird? „Finanzielle Unterstützung und Sachspenden in Form von Lebensmittel können wir natürlich immer gut gebrauchen“, sagt Koordinatorin Nora Tödtling-Musenbichler. „Aber vor allem suchen wir noch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Tag-, Nacht- und Kochdienst. Das VinziDorf kann nur dank des unglaublichen Engagements von freiwilligen Helferinnen und Helfern bestehen.“

[rsonnleitner]