Was junge Menschen heute lernen sollen

Wenn du die „Wichtigkeiten“ oder Werthaltung von Erwachsenen erfahren willst, musst du sie danach fragen, was junge Menschen heute lernen sollen. Das hat IMAS für die Ordensgemeinschaften im Juli 2018 gemacht. Ein Ergebnischart kommt damit genauer unter die Lupe. Den über 1.000 Personen wurde im Face-to-Face-Interview eine Liste vorgelegt, in der sie die Wichtigkeit einordnen konnten. #wach, #einfach und #gemeinsam kam so indirekt auf den Prüfstand. Welche Werte Junge (und Erwachsene) lernen und trainieren können und welche Aufgabe dabei eine Ordensschule haben kann, hat auch die aktuelle Ausgabe der ON Ordensnachrichten zumThema gemacht.

20190319 IMAS ON2 700 Quelle: IMAS

„Überrascht hat mich, dass „Sinnerfassend lesen“ und „Guter Umgang mit Geld“ so weit vorne liegen. Beides macht allerdings den jungen Menschen heute fähig, eigenverantwortlich und selbstständig zu sein. Kann und hat er beides nicht, ist das mit Benachteiligung verbunden.“ Der Vater und Ordensschul-Leiter der HAK-Lambach Stefan Leitner sieht im Geld ein wichtiges Mittel für Lebenssouveränität: „Bei uns in der Schule ist Geld verwalten immer ein Thema. Uns ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler einen nachhaltigen Umgang lernen. Eine unserer Botschaften ist, dass man sich mit Geld nicht freikaufen kann von Verantwortung. Es geht darum, das Geld gut einzusetzen.“ Leitner weiß aus eigener Erfahrung, dass junge Leute auf einmal in der Schule sagen, sie wollen nicht mehr lernen, sondern Geld verdienen: „Sie sagen: Ich will Geld verdienen, selbstständig sein.“ Sie machen eine Lehre und hören mit der Schule auf. Lehrbetriebe ziehen Jugendliche mit Geld und Benefits an, weil es auch heute weniger Nachwuchs gibt. 69% bzw. 59% der Bevölkerung raten sozusagen zu diesem Schritt im Umgang mit dem Geld.

Gemeinschaft zieht nach wie vor

In der Befragung rangieren „aufmerksam zuhören“ oder „ein waches und achtsames Leben führen“ im oberen Mittelfeld. Knapp unter 60% halten das für sehr wichtig. Fast gleichauf liegt das „gemeinschaftliche Leben“ mit 51% „sehr wichtig“ über dem Durchschnitt. Auch hier kann der HAK-Direktor nur bestätigen: „Gemeinschaft ist jungen Menschen nach wie vor sehr wichtig.“ Um daran teilnehmen zu können, sind wieder Geld oder wie in Lambach manchmal ein Moped für die Erweiterung des persönlichen Aktionsradius entscheidend. Leitner ist mit dem Blick auf die neuen Schülerinnen und Schüler noch nicht ganz klar, welche Rolle Social Media hier tatsächlich spielen: „Social Media erleben Junge nicht unbedingt gleich als tragende Gemeinschaft. Zu schnell wird ein ‚Unlike‘ gesetzt. Sie sind zwar über die digitalen Medien verbunden, aber als tragende Gemeinschaft erleben sie das dann doch wieder nicht.“ Hier ist sieht Leitner einen neuerlichen Wandel, der sich gerade wahrnehmbar vollzieht. Schulanfänger mit vierzehn Jahren kommen heute „unbefangener und bringen Ideen sowie neue Lebenskonzepte in die Schule mit“. Leitner sieht aber, „dass Regeln und das Gespür für das Gemeinsame neu trainiert werden müssen. Das Digitale hat in der haptischen Welt oft eine grenzenlose Wirkung. Die Schülerinnen und Schüler machen einen ‚abwesenderen‘ Eindruck auf die Mitwelt.“

Zarte Fäden der Zusammengehörigkeit

Mitgefühl und Zuhören sind keine Selbstverständlichkeit. In der Studie liegen sie auch unter 50%. „Es sind oft ganz zarte Fäden, die virtuell geknüpft werden, es aber nicht in den haptisch-analogen Schulraum, hin zu den realen Personen schaffen.“ Leitner fragt sich oft, von wem die Jugend heute ein gutes Maß im Umgang mit den digitalen Geräten lernen kann. „Von wem sollen heute junge Menschen das Zuhören, die Achtsamkeit oder Wachheit lernen, wenn beispielsweise der Vater selber dauernd in den Laptop starrt und kein Ohr für ein Gespräch hat? Das achtsame, wachsame Leben ist durch die digitale Steuerung etwas außer Kraft gesetzt worden.“ Das trifft genauso die Erwachsenen. Aus der Schulerfahrung weiß Leitner, dass genau hier Eltern oft ausfallen. Er sieht allerdings eine positive Entwicklung auf uns zukommen: „Immer öfter begegnen mir junge und erwachsene Menschen, die bewusst aus der digitalen Dauererreichbarkeit aussteigen und das Handy einfach irgendwo liegen lassen. Sie verzichten auf diese virtuellen Verbindungen zugunsten tatsächlicher Begegnung und Verbundenheit.“ Das ungestörte und nicht „abgelenkte“ Gespräch ist wieder im Vormarsch.

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Mag. Stefan Leitner ist seit 18 Jahren im Schuldienst, seit 5 Jahren Schulleiter der HAK Lambach. Mehr als 10 Jahre lang war er im Bereich der Katholischen Jungschar in Leitungsfunktion (Vorsitzender der KJSÖ) und im Bereich der Ausbildung von Gruppenleiter/innen tätig, aktuell ist er noch im diözesanen Arbeitskreis der Dreikönigsaktion in der Diözese Linz aktiv. Foto: privat

Aufgabe einer Ordensschule

Was heißt sozial politisch wachsam handeln im Schulumfeld? „Unser Ziel ist es, politische Bildung im Sinne einer sozial-politischen Wachsamkeit und Verantwortung zu vermitteln. Beispielhaft lernen Schülerinnen und Schüler bei uns in Firmen, bei Projekten und schulbezogenen Veranstaltungen, Ungerechtigkeiten aufzudecken und sich selbst aktiv dagegen zu engagieren. Wirtschaft ist selbst eingebettet in ökologische Herausforderungen und hat das gemeinsam erwirtschaftete Geld nicht einfach zum reinen Selbstzweck zur Verfügung. Da steckt immer eine soziale Dimension mittendrinnen. Das zu vermitteln, ist Aufgabe einer Ordensschule, so wie wir das sind.“ Leitner gibt auch die Linien an, entlang deren sich diese Verantwortung entwickeln muss und kann: „Es geht immer darum, den Blick auf die Schöpfung als Ganze nicht zu verlieren. Dann braucht es die Verbundenheit mit allen Menschen heute auf dieser Weltkugel und es geht darum, Ungerechtigkeiten aufzudecken und sich für ein gutes Leben aller zu engagieren. Diese besondere sozial-politische Wachsamkeit zu schüren, einzuüben ist Teil unseres Bildungsauftrages.“

Einfach wird nicht einfach

Beim Pressegespräch zur Präsentation der IMAS-Studie wurde der Wert des „Ein einfaches Leben führen“ in besonderer Weise angesprochen. 33% finden es sehr wichtig und 43% einigermaßen wichtig. Genau genommen heißt es, dass nur ein Drittel der Bevölkerung das „einfache Leben“ hoch hält. Generalsekretär Peter Bohynik: „Das einfache Lebensmodell der Ordensleute ist ein bewusstes Gegenmodell zu einer Gesellschaft, wo wir viel zu viel verbrauchen und so bewusster mit Ressourcen umgehen lernen müssen.“ Der Studienleiter Paul Eiselsberg formulierte: „Es macht Sinn, sich zu fokussieren und ein Thema auch zu penetrieren, immer wieder und felsenfest einzubringen. So können die Ordensgemeinschaften eine Orientierung nach innen und außen geben.“ Klar ist allerdings, dass das einfache Leben nicht einfach wird. „Da sind wir zusammen mit anderen gesellschaftlichen Initiativen im Missionsgebiet.“

[fkaineder]