Regungen folgen, die zum Guten führen

Wann gelingt Leben? Und was kann man tun, um nicht „von allen guten Geistern verlassen“ ein erfülltes Leben zu führen? Eine Hilfe kann die Unterscheidung der Geister sein, sagt der Jesuit P. Josef Maureder, Psychotherapeut und Leiter des Bereichs Spiritualität und Exerzitien im Kardinal-König-Haus in Wien, im Gespräch mit Robert Sonnleitner. Das Interview findet sich in der aktuellen Ausgabe der ON Ordensnachrichten. #spirituell wach

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Foto: SJ.Bild

Woher kommt die Unterscheidung der Geister?

Die Unterscheidung der Geister gibt es in Schriften bereits bei den Wüstenvätern der ersten Jahrhunderte. Die Geburtsstunde systematischer Einsicht geht auf Ignatius von Loyola zurück. Im Jahr 1521 war er aufgrund einer Kriegsverletzung lange Zeit ans Bett gefesselt. Zur Unterhaltung las er Ritterromane. Beim Lesen war er noch froh, doch danach merkte er, dass er sich leer, traurig und missmutig fühlte. Dann las er in der Heiligen Schrift, und da fühlte er sich freudig und voll innerer Kraft beim Lesen und danach. Und so entdeckte er langsam die Unterschiedlichkeiten der Geister, der Dynamik, in dem, was sie auslöst, was zurückbleibt, was der Nachgeschmack ist.

Woher kommt diese böse Dynamik, diese böse Kraft?

In seiner Schöpfung hat Gott den Menschen mit einem freien Willen ausgestattet; und weil der Mensch einen freien Willen hat, kann er in seiner Freiheit „Nein“ sagen zu Gott. Es gibt also in dieser einen Schöpfung, nicht von Gott geschaffen, aber zugelassen, eine Dynamik, die „Nein“ sagt. Und die, aus welchen Gründen auch immer, sich gegen einen Schöpfer stellt. So sehr, dass Gottes Sohn daran zugrunde gegangen ist. Und Gott hat nicht wie ein Marionettenspieler eingegriffen und gesagt: Das will ich nicht. Da ist der Ernst der Schöpfung zu spüren. In Freiheit entscheiden wir uns für Gutes oder Böses.

Was versteht man unter „Unterscheidung der Geister“?

Es ist einmal grundsätzlich die Erfahrung, dass wir in dieser Welt keine Tabula rasa sind. Wir werden bewegt von Dynamiken, von Regungen, die unser Leben gelingen lassen, aber auch von Regungen, die uns im Leben behindern und es scheitern lassen können. Das ist biblisch; Paulus spricht ganz deutlich von den verschiedenen Gnadengaben, aber auch von den verschiedenen Versuchungen. Bei der Unterscheidung der Geister geht es darum, diese Regungen wahrzunehmen, zu erkennen und entsprechend zu handeln: Den Regungen, die zum Guten führen, ist dann zu folgen, jene, die Leben stören, sind abzuweisen.

Wie könnte man diese Geister beschreiben?

Als eine Art Eingebung, Regung. Ignatius geht in seinem Exerzitienbuch davon aus, dass es dreierlei Eingebungen gibt: Solche aus mir selbst heraus, solche von Gott bzw. dem Heiligen Geist und solche vom bösen Geist. Es gilt, diese Geister zu unterscheiden, um den Willen Gottes zu finden. Der gute Geist hat kein anderes Ziel als das Gute in unserem Leben gelingen zu lassen. Der böse Geist – Ignatius nennt ihn den „Feind der menschlichen Natur“ – will, dass das Projekt Gottes mit dem Menschen misslingt.

Und das erfordert unseren freien Willen.

Das ist der entscheidende Punkt: Die Unterscheidung der Geister macht nur dann Sinn, wenn wir ein dialogisches Gottesbild haben. Viele Menschen haben ein monologisches Gottesbild. Das wäre meine Hauptbotschaft: Wenn ich ein monologisches Gottesbild habe, dann ist da ein Gott, der alles in der Hand hat, der einen festen Plan für mein Leben hat und der deswegen alles bewegt. Aber wir wissen, dass es nicht so läuft.

Ist die Unterscheidung der Geister auch im Alltag eine Hilfestellung? Und wie funktioniert sie?

Im Alltag kann ich sagen, alles, was irgendwie zu meinem schon guten Weg passt, das kommt eher vom guten Geist, und was dazu überhaupt nicht passt, das kommt eher vom bösen Geist. Der gute Geist sucht immer das gesunde Maß. Nicht zu verwechseln mit Mittelmäßigkeit, das ist etwas Negatives. Da fehlt die Kraft, die Lebendigkeit, der Einsatz, die Leidenschaft. Es geht um das gute Maß. Es gibt überall ein Zuviel und ein Zuwenig. Und das versucht der böse Geist. Ganz am Anfang, bei Anfängern im geistlichen Leben, geht er eher grobschlächtig voran und versucht sie mit sichtbar Bösem. Aber bei Leuten, die guten Willens sind und schon erfahrener, lockt er sie in die Falle, wo ihnen das gesunde Maß fehlt, wo sie überfordert sind, wo sie nicht mehr auf sich achten, wo sie zum Beispiel in ein Burnout gleiten.
In seinen Exerzitien sagt Ignatius, der böse Geist gehe vor wie ein falscher Liebhaber. Er schmeichelt dir, er erzählt dir, was du gerne hören würdest, er verleitet dich zum Selbstbetrug und zur Heimlichtuerei. Der falsche Liebhaber hat das Ziel, dass seine geheimen Absichten nicht entdeckt werden, auch nicht von der Person selbst. Deshalb sagt Ignatius: Die beste Weise, dem bösen Geist auf die Schliche zu kommen, ist, dass wir das, was wir sind und tun, einem guten und klugen Menschen erzählen. So werden die verkehrten Absichten des „bösen Feindes“ aufgedeckt.

Das heißt, als Teil einer guten Schöpfung ist es eigentlich unsere Pflicht gegenüber Gott, nach dem guten Geist in uns zu suchen?

Ja, die Unterscheidung der Geister erfordert eine wirkliche Bereitschaft, auf die Dynamik des guten Geistes zu hören, sie zu erkennen und darauf einzusteigen.

Das ist der bequeme Weg ...

Genau, das ist der bequeme Weg: Die Kirche sagt mir, wo es langgeht, und ansonsten ist der Herr verantwortlich. Aber dann ist er ein Marionettenspieler; dann sind wir nicht mehr die freien Wesen, so wie Jesus es uns deutlich macht. Gott sagt nicht gleichsam rufend: Das solltest du tun! Sondern ich habe es erst wahrzunehmen, zu spüren, zu erkennen, es ist ein Suchen. Und genau deswegen brauche ich die Unterscheidung der Geister, weil ich am Suchen bin, was ist jetzt das wirklich Gute, was ist das Bessere auf meinem persönlichen Weg.

Gibt es so etwas wie eine Alltagsregel?

Ja, man könnte sich einfach fragen: Wenn Jesus jetzt an meiner Stelle wäre, was würde er tun? Und da merken die Menschen sehr schnell, ob ihre Entscheidung oder ihre Handlungsweise richtig oder falsch wäre. Ich kenne mich ja, ich kenne meine Grenzen, meine Stärken … Was würde Jesus tun? Es ist eine Hilfe, um gleichsam wirklich in sich hineinzuhören und das für mich passende, stimmige Nächste zu tun – das wäre psychologisch ausgedrückt. Und geistlich ausgedrückt, damit ich dem folge, was der gute Geist, der mich zum Leben führt, bewegen möchte. Und ganz hoch angesiedelt: Was der Wille Gottes für mich ist.

[hwinkler]