Gelotologie ist das Lachen in der Medizin

Gelotologie nennt sich die Wissenschaft, die sich mit der positiven Kraft des Lachens beschäftigt. Diese Arznei ist 100prozentig frei von Nebenwirkungen und äußerst heilsam. Einzunehmen auch über die aktuelle Ausgabe der ON Ordensnachrichten.

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Die CliniClowns bringen Abwechslung und Humor in den Spitalsalltag. Foto: Severin Wurnig

Eigentlich ist Lachen körperliche Schwerstarbeit. „Wenn wir lachen, sind im menschlichen Körper mehr als hundert Muskeln im Einsatz“, sagt Ronny Tekal. Der Arzt war viele Jahre als Allgemeinmediziner in Wien tätig; nebenbei schrieb und spielte er als Duo Kabarettprogramme, die sich mit dem medizinischen Alltag kritisch-satirisch auseinandersetzten. Stethoskop und weißen Mantel hat er mittlerweile an den Nagel gehängt und ist zur Gänze auf die Kabarettbühne gewechselt; zudem arbeitet er als Schriftsteller und Kommunikationstrainer. „Beim Lachen wird tiefer und öfter durchgeatmet als man es in normaler Alltagssituation tut“, doziert Tekal. „In der Lunge reichern sich das Blut und die Körperzellen mit Sauerstoff an. Das ist für die Verbrennungsvorgänge im Körper von Bedeutung: Fettstoffwechsel und die Ausscheidung von Cholesterin werden dadurch günstig beeinflusst.“

Lachen fördert Heilungsprozesse

Angenehmer „Nebeneffekt“: Lachen löst mannigfaltige Heilungsprozesse im Körper aus. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass Lachen die Immunabwehr stärkt: Es aktiviert offenbar körpereigene Mechanismen wie die T-Lymphozyten, die bei der Abwehr von Krebs von Bedeutung sind. Auch vermindert beispielsweise das Gehirn beim Lachen die Produktion von Stresshormonen; stattdessen wird verstärkt das „Glückshormon“ Serotonin ausgeschüttet. Wer viel lacht, fühlt sich also besser; Menschen, die unter Depressionen leiden, könnten gezieltes Lachen gewissermaßen zur Selbstmedikation nutzen. Diese Erkenntnis machte sich in den 70ern ein amerikanischer Arzt namens Patch Adams zunutze. Der „Clown, der Mediziner ist“ setzte in seinem 1972 gegründeten Gesundheit! Institute gezielt Lachen als Therapie ein, indem er seine kleinen schwerkranken Patientinnen und Patienten als Clown besuchte und so für heilsame Ablenkung sorgte. Adams wurde weltweit zum Urvater aller Klinik-Clowns.

CliniClowns vermitteln Selbstvertrauen

Rund 20 Jahre später erreichte die Idee auch Österreich. 1991 wurde der gemeinnützige Verein CliniClowns Austria gegründet; noch im selben Jahr fand die erste Spitalsvisite statt. Unbestreitbar ist, vor allem für Kinder ist ein Krankenhaus ein unangenehmer Aufenthaltsort. Sie haben Angst, oft Schmerzen, sind aus ihrer Familie herausgerissen und können den Sinn notwendiger medizinischer Behandlungen nicht verstehen. „In dieser Situation brauchen Kinder sozusagen Freunde, die sie ablenken und daran erinnern, dass mit Lachen alles besser geht. Die jungen Patienten bekommen durch uns wieder Selbstvertrauen, Mut und Kraft“, weiß CliniClown-Generalsekretärin Liane Steiner zu berichten. Am erfolgreichsten zeigt sich der Einsatz von Humor im Zusammenhang mit Schmerzen. Sie werden intensiver wahrgenommen, wenn Menschen psychisch belastet, ängstlich oder traurig sind und sich auf ihren Schmerz konzentrieren. Dementsprechend hilft Ablenkung – ein Prinzip, das auch die CliniClowns nutzen. Aber die Kinder leiden nicht nur körperliche, sondern auch psychische Qualen. „Körper, Geist und Seele sind eine Einheit. Während sich die Ärzte um das Körperliche kümmern, kümmern wir uns mit dem Humor um das Seelische“, betont Liane Steiner und erinnert: „Viktor Frankl sagte, er hätte das KZ ohne Humor nicht überlebt.“

CliniClowns sind manchmal Familienersatz

Ein ähnliches Bild bietet sich bei geriatrischen Patienten, die auch von den CliniClowns besucht werden. Sehr oft verlieren alte, pflegebedürftige Menschen in großem Maß ihre körperlichen, aber auch intellektuellen Fähigkeiten. Hand in Hand gehen damit auch soziale Kontakte kontinuierlich verloren. Viele dieser alten Menschen bekommen kaum noch Besuch, dem Pflegepersonal ist es aufgrund der knapp kalkulierten Zeit kaum möglich, sich für sozialen Kontakt Zeit zu nehmen. Auch hier fehlt jemand, der ein bisschen Lebensfreude in den Alltag bringt. Der Clown verkörpert auch hier Motivation, Hoffnung, Zuversicht, Lebensfreude und Freundschaft. Und ist manchmal sogar Familienersatz. „Demente Patientinnen und Patienten vergessen oft fast alles. Aber den wöchentlichen Besuch der CliniClowns, den behalten sie im Gedächtnis“, erzählt Liane Steiner. Beziehung heilt – das ist in diesem Fall offensichtlich. Die wöchentlichen CliniClown-Visiten werden von einem Duo absolviert. Vor dem Besuch erhalten sie vom zuständigen Arzt die wichtigsten Informationen über PatientInnen, in besonderen Fällen werden sie sogar in das Therapieprogramm eingebunden. Derzeit sind rund 76 CliniClowns in 56 Spitälern bei 1.670 Visiten jährlich im Einsatz; seit 1991 haben sie rund 1,6 Millionen Menschen besucht. Sie kommen vorwiegend aus künstlerischen, sozialen, medizinischen und pädagogischen Berufen. „Alle müssen sich einem strengen Ausbildungs- und Fortbildungsprogramm unterziehen“, berichtet Liane Steiner.
Das Schwerste sei, notwendige Distanz zu den Patientinnen und Patienten zu bewahren. „Um nur einen Fall zu erzählen: Wir besuchten ein 14jähriges Mädchen, das im Sterben lag“, erinnert sich Liane Steiner. „Als wir ihr etwas auf der Ukulele vorspielten, lachte sie und wünschte sich ein Lied von Justin Bieber. Das haben wir ihr dann beim nächsten Mal vorgesungen. Die Schwestern haben spontan mit coolen Tanzmoves mitgemacht, und wir haben ihr Zimmer in eine Disco verwandelt. Als sie dann letztendlich starb, war das für die CliniClowns ein sehr bewegender Moment.“
Obwohl Lachen bekanntlich als beste Medizin gilt, ist die Wissenschaft der Gelotologie noch relativ jung und bietet noch ein weites Forschungsgebiet. Lachen als Arznei ist in den Spitälern kaum in Verwendung – auch, weil nicht alle Ärzte Talent zum Spaßmacher besitzen. Dennoch möchten viele auf die heilsame Kraft des Lachens nicht gänzlich verzichten. „Meine Kommunikationsseminare besuchen viele Ärzte, die lernen möchten, wie sie mit ihren Patienten lockerer umgehen können“, erzählt Arzt und Kabarettist Ronny Tekal. Sein Tipp: „Um Hermann Hesse zu zitieren: Aller Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.“

[Text: rsonnleitner]

[hwinkler]