Geschlechterrollenbilder in den Religionen

Die Rolle des Geschlechts in Christentum, Judentum und Islam stand Ende Juli im Zentrum der Studienwoche in Schloss Seggau bei Leibnitz. 20 renommierte ExpertInnen hielten Vorträgen zu geschlechtssensibler Erziehung, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, Homosexualität oder "LGBTQ", und gaben persönliche Zeugnisse über das Tragen von Schleier, Kippa oder Ordenstracht.


  

seggau 2

Auch Br. Moritz Windegger referierte bei der Tagung über Geschlechterrollen in den Religionen (c) Edith Petschnigg

 Dass ein Ordensmann im Habit und eine Muslima mit Kopftuch mehr gemeinsam haben als auf den ersten Blick gedacht ergab sich in Seggau im Gespräch: Beide Seiten kennen negative Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihrer durch Kleidung ausgedrückten Religiosität.

Traditionen und religiöse Körperbedeckungen

In der Öffentlichkeit werde meist nur das Kopftuch von Muslimas diskutiert oder gar skandalisiert, die religiöse Bedeckung von Ordensfrauen sei hingegen kaum Teil der Debatte, darauf wies die Grazer Bibelwissenschaftlerin und Initiatorin der Studienwoche, Irmtraud Fischer, hin. In allen drei abrahamitischen Religionen gebe es jedoch unterschiedliche Traditionen in Bezug auf religiöse Körperbedeckungen. Als Beispiel nannte Fischer eine Ordensfrau, die den traditionellen Schleier als Zeichen der Unterordnung von Frauen bewusst ablehne, aber ihre moderate Ordenstracht sehr wohl trägt, was meist nur als "altmodisch gekleidet" wahrgenommen werde. Im Judentum werde derzeit aus Sicherheitsgründen das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit diskutiert, aber auch das Tragen dieser traditionell männlichen Kopfbedeckung durch Frauen, etwa durch Rabbinerinnen. 



LGBTQ und Entwicklungen der Geschlechterrollen


Im Zentrum der Studienwoche standen auch Fakten und Zahlen zu "LGBTQ-Menschen" und historische und aktuelle Entwicklungen der Geschlechterrollen. In einer Zeit, die aktuell von einer sogenannten "Genderismus-" und Kopftuch-Debatte aufgeladen sei, werde dieses Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe immer wichtiger, betonte die Grazer Theologin. 



 

seggau 2

Viele interessierte TeilnehmerInnen kamen zum Studientag (c) Irmtraud Fischer

Gibt keine monolithische Religion


Die Auseinandersetzung mit den drei Religionen habe gezeigt, dass es keine "monolithische" Religion gebe, betonte Fischer. Sowohl das Christentum, als auch das Judentum und der Islam besitzen bereits Traditionen, die neue Möglichkeiten im Umgang mit Frauen und Geschlechterrollen ermöglichen. Diese stehen oft sogar gegen aktuell als "die Tradition" hochstilisierte Strömungen. Eine Aktualisierung der Heiligen Schriften in Bezug auf Geschlechterrollen- und -gerechtigkeit sei darum dringend notwendig, plädierte Fischer. 

Die Veranstaltung, die in der Tradition der christlich-jüdischen Bibelwochen stand, bot den 70 Teilnehmern Vorträge, persönliche Stellungnahmen und Diskussionen. Die interreligiöse Dialogveranstaltung findet voraussichtlich wieder im Juli 2021 statt. Als Themen sind "Kunst" oder der Themenkomplex von "Essen und Fasten" im Gespräch.

[mschauer]