Mission Vertrauen

Oder wie es ist, in der Mitte des Lebens neu anzufangen. Sr. Regina Köhler CJ unterstützte während ihres Noviziats in Wien das Quo vadis?. Heute lebt und arbeitet sie in Hannover. Sie schreibt über ihren doch ungewöhnlichen Weg in die Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu. Eine Berufungsg'schicht. 

20200528 Sr. Regina Köhler Congregatio Jesu erzählt über ihre Berufung und den Weg in die Gemeinschaft.

"Gut dass ich gesprungen bin", sagt Sr. Regina Köhler heute über ihre Entscheidung, mit Mitte 40 nochmals von vorne anzufangen. (c) CJ

Sprung ins Nichts 

"Als ich mit 46 Jahren aus einer evangelischen Kommunität austrat, fanden die meisten das total mutig und verrückt. Verrückt erscheint es wohl, wenn man sozial, finanziell und kirchlich gesehen den sicheren Hafen verlässt, obwohl man beim Arbeitsamt auf dem freien Arbeitsmarkt als „nicht vermittelbar“ gilt und mit der kurz darauf erfolgten Konversion auch seinen Beruf verliert. Ich hatte das Gefühl ins Nichts zu springen, aber Frieden und Klarheit im Herzen.

Ich weiß nicht, ob ich gesprungen wäre, wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon die Congregatio Jesu kennengelernt hätte, die wie die Jesuiten lebten, nur für Frauen. Als 25-jährige hatte mich die Begeisterung für Ignatius von Loyola und die ignatianische Spiritualität in eine evangelische Kommunität geführt. Jetzt führte sie mich heraus, um das wieder leben zu können, was ich in der Familienkommunität schon lange nicht mehr leben konnte: Dass es um Sendung geht, um ein apostolisches Leben, um ein ganz normales Leben aus dem Glauben, mitten unter Menschen, für andere Menschen.

Die nächsten fünf Jahre führten mich nach Mannheim zum Studium, wo mir eine ehemalige Mitschwester vorerst Unterschlupf gewährte. Ich bin gesprungen, wurde aufgefangen und unglaublich reich beschenkt: Freunde, finanzielle Unterstützung, Studienerfolge, Stipendien, Beratungsausbildungen, eine neue kirchliche Heimat und vor allem Lebensfreude. Ich fing an mich zu fragen, warum ich überhaupt noch Ordensleben will, zumal sich die Realität im Orden bei näherer Betrachtung ziemlich ernüchternd darstellte.

Vertrauensfrage und Entscheidung

Ich bekam Angst, die neu gewonnene Lebensfreude, Lebendigkeit und Selbständigkeit wieder zu verlieren. Die Vertrauensfrage stellte sich neu: Kann ich glauben, dass ich in Gemeinschaft bekomme, was ich brauche? Dass der Gott, der mich so unglaublich beschenkt hat, es weiterhin tun wird? Die Erfahrung, überreich beschenkt worden zu sein, hat mir geholfen, auf die Vertrauensfrage immer wieder ein Ja zu finden. Dennoch war ich mir bis zum Schluss nicht sicher, ob das Ordensleben richtig für mich ist. Ich wusste nur, dass ich es ausprobieren muss und bin nicht enttäuscht worden.

Heute lebe ich in Hannover in einer Kommunität zu zweit, genieße den Freiraum, fühle mich zu Hause und darf beruflich das tun, was mir Freude macht: Spirituelle Beratung und Begleitung pastoraler Teams im Bistum Hildesheim sowie Coaching, Supervision und Gestalttherapie.

Preis für Veränderung gezahlt

Nun mag ich an frommen Büchern nicht, dass sie so glatt klingen. Für Veränderung zahlt man immer einen Preis. Auch ich spüre die Folgen meiner Entscheidung bis heute: Verlust von Heimat und Verwurzelung, von vertrauten Menschen und Kommunikationsweisen. Ich musste als gestandene Frau mit viel Leitungs- und Gemeinschaftserfahrung von vorne anfangen. Das war nicht immer leicht. Es machte verletzlich, unsicher, empfindsam und ließ mich ganz neu um meine Identität ringen.

Aber der Bruch, die neue Verletzlichkeit und Empfindsamkeit haben auch die Qualitäten reifen lassen, die ich heute für die Begleitung von Prozessen anderer Menschen brauche. Er hat mich menschlicher werden lassen. Christ-Sein, Spiritualität heißt für mich heute, mehr Mensch zu werden, mehr lieben zu lernen - sich, andere, Gott. Durch solche Tiefpunkte reifen Verständnis und Weite für ganz andere Menschen und Lebensentwürfe und darin etwas, was unsere Welt dringend braucht.

Gut dass ich gesprungen bin. Es war nicht immer leicht, aber ich habe weiterhin geschenkt bekommen, was ich brauche und noch mehr."

Sr. Regina Köhler CJ
*1966 in Hannover, arbeitete während ihres Noviziats in der Congregation Jesu in Wien im Quo vadis? mit. Nun schreibt sie aus ihrem Juniorat in Hannover, wo sie als Referentin für Spirituelle Beratung und Begleitung pastoraler Teams im Bistum Hildesheim tätig ist und für das Zentrum Maria Ward Coaching, Supervision und Gestalttherapie für Einzelne, Gruppen und Organisationen anbietet.


Der Text wurde im Quo vadis?, dem Zentrum für Begegnung und Berufung, in der Reihe Berufungsg'schichten veröffentlicht. Ordensmenschen in Ausbildung werden dabei gefragt, wie sie ihre Berufung gefunden haben und wie sie sie leben. Damit soll anderen Menschen, die noch auf der Suche nach einem gelingenden Leben mit Gott und ihrem Glauben sind, geholfen werden. 

[elisabeth mayr]