Wirtschaftstagung 2021: #gemeinsam arbeiten

Die Wirtschaftstagung der Ordensgemeinschaften Österreich am 19. Mai 2021 widmete sich dem Thema „#gemeinsam arbeiten". Gastredner aus den Bereichen Philosophie, Soziologie und Arbeitspsychologie referierten über das Arbeitsleben heute und wie sich dieses - auch mit Corona - gewandelt hat.  Mehr als 70 Teilnehmer*innen verfolgten die Vorträge über Zoom und diskutierten lebhaft mit. 

 20210520 Wirtschaftstagung 20. Mai 2021

Reflexion des veränderten Arbeitsverhältnisses und Konzepte einer zukunftsfähigen Arbeitswelt

Erzabt Korbinian Birnbacher, Vorsitzender der Österreichischen Ordenskonferenz, und Generalsekretärin Sr. Christine Rod begrüßten die rund 70 Teilnehmer*innen und stimmten auf das Thema ein. „Es wird ein erkenntnissuchender und kein ergebnissuchender Vormittag sein“, so Sr. Christine Rod, „denn man muss die Zeichen der Zeit im Lichte des Evangeliums deuten und jede Generation muss sie neu in die Gegenwart übersetzen.“

Auf dem Weg zur Lebensfülle – Arbeit (christlich) neu denken

Ass.-Prof. Dr. Hans-Walter Ruckenbauer (Institut für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät, Universität Graz) legte eingangs ein philosophisches Fundament über die Entwicklung des Arbeitsverständnisses, das sich von Epoche zu Epoche unterschieden hat. Er begann seine Ausführungen mit einem Zitat von Bertrand Russell aus „Lob des Müßiggangs“:

"Wir nehmen die Zeit in Geiselhaft": Philosophie-Professor Hans-Walter Ruckenbauer von der Universität Graz. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

"Wir nehmen die Zeit in Geiselhaft": Philosophie-Professor Hans-Walter Ruckenbauer von der Universität Graz. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

„Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern. […] vor allem aber werden wieder Glück und Lebensfreude herrschen, anstelle nervöser Gereiztheit, Übermüdung und schlechter Verdauung.“ (Bertrand Russell, 1932)

„Zeit in Geiselhaft“

Seinen Ausführungen zur Folge nimmt die heutige Leistungsgesellschaft „die Zeit in Geiselhaft“, sie fesselt die arbeitenden Menschen an die Arbeit und lässt keine andere Zeitform mehr zu. Heute hat die Arbeitszeit die Zeit schlechthin okkupiert. Sie ist die absolute, die totale Zeit in der wir leben. Es ist eine Zeitform, die sich beschleunigen lässt und „der die Dauer abhandengekommen ist“. Nur eine Zeitform, die sich beschleunigen lässt, lässt sich auch ausbeuten. Hier verweist Ruckenbauer darauf, dass Ordensgemeinschaften per se ein Gespür haben für „Entschleunigungsprojekte und -angebote“, z. B. in Bildungshäusern und generell mit ihrer gewählten Lebensform eine Alternative „zur beschleunigten Zeit“ anbieten.

Logik der Effizienz

Auch wenn wir nicht viel Arbeiten (Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder andere prekäre Situationen) sei stets ein Leistungsdruck da – zumindest als psychischer Druck. Auch Pausen sind nur Phasen der Arbeitszeit. Dem Gegenüber ist die „Zeit des Festes“ weitgehend gesellschaftlich verloren gegangen. Wenn aber die Grenze zwischen profaner und heiliger Zeit aufgehoben wird, bleibt letztlich nur das Banale, das Alltägliche übrig – nämlich die Arbeitszeit und ihre Pausen.

Der Imperativ der Leistung und der Effizienz bleibe laut Ruckenbauer erhalten. Arbeitszeit werde in den Urlaub oder in den Schlaf mitgenommen. Studien zeigen, dass Schlafstörungen aufgrund von Corona zugenommen haben, denn auch die Erholung diene lediglich der Regeneration der Arbeitskraft. Alles gehorche einer Logik der Effizienz.

Zeitrevolution: Zeit als Gabe verstehen

Laut Hans-Walter Ruckenbauer bräuchte es eine Zeitrevolution – von der Zentrierung bzw. der Ich-Zeit, hin zu einer „Zeit des Mitmenschen“. Eine Zeit, die man jemanden anderen gibt. Denn eine Gabe, wie zum Beispiel Geschichten erzählen, Gebete, Liebkosungen, Zeremonien… lasse sich nicht beschleunigen.

Work-Life Balance oder Entgrenzung von Arbeit und Leben?

Es liegt nahe, dass Arbeit und Leben als zwei getrennte Sphären betrachtet werden. Aber Arbeit ist Teil des Lebens, das Leben wäre das Übergreifende. In unserem Sprachgebrauch sprechen wir auch von „Trauerarbeit“, „Arbeit am Mythos“ etc., all das wird als Arbeit bezeichnet. Der Work-Life-Balance-Begriff ist seiner Meinung nach ziemlich irreführend, denn damit erhalten sowohl Arbeit als auch Freizeit die gleiche Gewichtung, die Grenzen verschwimmen.

Zum Abschluss führte Hans-Walter Ruckenbauer nochmal zum eingangs erwähnten Zitat von Bertrand Russell zurück: „Bisher sind wir noch so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab. Das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“ (Bertrand Russell, 1932)

Wir leben wir in der Mit-Corona-Gesellschaft? Eine soziologische Gegenwartsbetrachtung

Aufbauend auf das philosophische Fundament gab Univ.Prof.in Dr.in Michaela Pfadenhauer vom Institut für Soziologie der Universität Wien eine aktuelle soziologische Betrachtung der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen auf das (Arbeits-)leben.

Leben in der Corona-Gesellschaft – ein Sozialexperiment?

Mit einem Augenzwinkern gesagt sei die Covid-19-Pandemie für Soziologen ein Geschenk, begann Michaela Pfadenhauer ihre Ausführungen. „Plötzlich war man Zeuge eines Realexperiments und konnte beobachten, wie Hygienemaßnahmen umgesetzt werden, wie auf den Lockdown reagiert wird usw. Auch – wie in einem Experiment üblich – die Überprüfung der erlassenen Maßnahmen alle 10 bis 14 Tage, um den Erfolg der Maßnahmen zu überprüfen, fand statt“, reflektierte die Soziologin.

"Corona ist ein Realexperiment, wie man es sich als Soziologin nur wünschen kann." Prof. Michaela Pfadenhauer von der Universität Wien. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

"Corona ist ein Realexperiment, wie man es sich als Soziologin nur wünschen kann." Prof. Michaela Pfadenhauer von der Universität Wien. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Gefahr der Spaltung der Gesellschaft

Pfadenhauer sieht eine Gefahr der Spaltung der Gesellschaft und eine Veränderung kommunikativer Prozesse: Kritik sollte unbedingt Platz im öffentlichen Diskurs haben, Kritikresistenz treibt die Gesellschaft auseinander. Sie beobachte auch die Suche nach den Ursachen der steigenden Infektionszahlen sehr problematisch. Denn hier wird nicht mehr strukturell, sondern individuell gesucht. Als Beispiel nannte sie Jugendliche die Corona-Partys feiern, Menschen mit Zweitwohnsitzen oder Menschen, die ihre Familien im Herkunftsland besuchen. Problematisch werde diese Entwicklung, wenn es parteipolitischen Einfluss hat.

Soziologisch interessant sei auch die Frage, wie Corona unser allgemeines Verhalten nachhaltig verändert: Verzicht auf Händeschütteln, Umarmen, Küssen, Schlange stehen vor Geschäften oder auch das schwierige Einschätzen des Gegenübers – vor allem bei Personen, die sich noch nicht kennen.

Privatheit – (noch) ein legitimer Wert?

Pfadenhauer wies in ihren Ausführungen auch darauf hin, dass das „Private“ plötzlich Gegenstand öffentlichen, staatlichen Interessens wird. Wir sprechen von Kontaktverfolgung, einer Corona-App, einer meldepflichtigen Krankheit, Veränderungen im Sozialverhalten und einem „Vernadern“: „Wer macht was wann und wo?“

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"Wir werden nicht in einer Post-Corona-Gesellschaft, sondern in einer Mit-Corona-Gesellschaft leben." Prof. Michaela Pfadenhauer (c) Pfadenhauer

Gewissheit war früher

Die gegenwärtige Krise zitiert Pfadenhauer wie folgt:

„Die gegenwärtige Krise ist eines jener Momente, in denen sich unsere Gewissheiten auflösen und sich unsere kollektive Vorstellung von dem, was möglich ist, dramatisch ändert. Die Menschen beginnen, die Gegenwart zu ignorieren und stattdessen über die Zukunft nachzudenken – die Zukunft, die sie sich erhoffen, oder die Zukunft, die sie fürchten. Die Pandemie ‚löschte‘ die ‚Erfahrung des persönlichen Lebens‘ aus, indem sie einem jeden die eigene Verletzlichkeit und Machtlosigkeit, die Zukunft zu planen, vor Augen führte.“ (Krastev 2020, S. 22)

„Quellen von Gewissheit liegen in der Lebensweltlichkeit des Alltags. Von daher werden wir nicht in einer Post-Corona-Gesellschaft, sondern in einer Mit-Corona-Gesellschaft leben“, erklärte die Soziologin und ergänzte: „Der Umgang damit wird Teil unseres gesellschaftlichen Wissensbestandes sein und in das individuelle und kollektive Bewusstsein eingeschrieben sein.“

Neue Formen der Arbeit durch Corona

Den letzten Vortrag hielt Prof. Dr. Christian Korunka von der Fakultät der Psychologie an der Uni Wien, seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. neue Arbeitswelten wie Homeoffice.

Gleich zu Beginn stellte er die Frage, was eine gute und sinnstiftende Arbeit überhaupt sei und wie diese in das heutige Arbeitsfeld übertragbar seien.

"Wir schauen in der Kamera aneinander vorbei." Prof. Christian Korunka über Zoom-Meetings. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

"Wir schauen in der Kamera aneinander vorbei." Prof. Christian Korunka über Zoom-Meetings. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Neue Flexibilität

Arbeit habe sich im Laufe der Zeit verändert. Arbeitete man früher ein Leben lang in ein und demselben Job von „9-to-5“, feiert man jetzt die neue Flexibilität, die ein ganz großes Merkmal der neuen Arbeitswelt sei, so Korunka. „Wir können arbeiten, wo und wann wir wollen.“ Die neue, moderne Kommunikationstechnologie unterstützt uns dabei. „Ich kann in der U-Bahn meine E-Mails checken und erspare mir Zeit“, so Korunka. Umgekehrt intensiviert sich damit die Arbeit. Und auch die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt, denn „wenn ich beliebig arbeiten kann, dann arbeite ich auch beliebig“.

Arbeiten in Coronazeiten

Klar ist, Corona habe das Homeoffice befeuert. Waren vor Corona 15 % regelmäßig im Homeoffice, waren es am Höhepunkt der Coronapandemie knappe 40%. „Und Homeoffice wird bleiben“, so Korunka, „einige Regeln müssen aber beachtet werden. Zum Glück hatten wir jetzt ein Jahr Gelegenheit, diese zu lernen“.

Wie kann Homeoffice mit Online-Kommunikation mittels Zoom & Co. aber auch Führen auf Distanz nun gelingen? Einige Lösungsansätze und Problemfelder

Homeoffice: „Erstaunlich, fast alles geht auch von daheim.“

In der Coronakrise im Frühjahr 2020 waren plötzliche viele Berufsgruppen im Homeoffice und es hat für viele „erstaunlich gut funktioniert“. Untersuchungen haben gezeigt, dass im Homeoffice konzentrierter gearbeitet werde, „es gibt weniger Störungen und Unterbrechungen“ – solange die Arbeitsbedingungen dies zulassen. Dazu gehören einerseits Ausstattung und Technik, andererseits auch ein eigener, idealerweise ergonomischer Arbeitsplatz.

Viele fühlen sich im Homeoffice wohl, aber es gibt laut Korunka auch Schattenseiten: „Arbeit wird intensiver, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt und die Gefahr der sozialen Vereinsamung.“ Menschen brauchen sozialen Austausch mit ihren Kolleg*innen. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen im Homeoffice weniger berufliche Entwicklungen haben, schlichtweg weil sie nicht sichtbar sind.“

Er empfiehlt den Arbeitgebern zu evaluieren, welche Arbeiten sich fürs Homeoffice anbieten und welche Rahmenbedingen die Mitarbeiter brauchen, um die negativen Effekte die Homeoffices zu minimieren.“

20210521 Corona Arbeitspsycholgie Wirtschaftstagung

Die Beschleunigung der Gesellschaft auf die Spitze gebracht. (c) Korunka

Online-Kommunikation: „Jeder lacht für sich allein“

Seit Corona geht nichts ohne Videokonferenzen. Dennoch ersetzt es auf Dauer nicht die persönliche Interaktion, denn: „Es geht so unglaublich viel verloren. Videokonferenzen sind begrenzt auf Sachinformationen und Gesichter. Jeder lacht für sich allein.“

Irritierend sei etwa, dass kein direkter Blickkontakt möglich ist: „Wir schauen in der Kamera aneinander vorbei.“ Auch das Rederecht ist schwer zu übergeben, generell rückt die Ablenkung mehr ins Zentrum. „Wir wissen einfach nicht, was die anderen Gesichter denken.“

Lösungen gibt es auch hier – „klare Strukturen mit Verantwortlichen schaffen, Pausen einführen oder kreative informelle Treffen ermöglichen, wie gemeinsames Frühstück, wo die Teilnehmer Kaffee trinken und Kuchen essen.“

Führung über Distanz

Führen über Distanz sei eine große Herausforderung, weil gerade „Führung persönliche Kontakte braucht und es noch wenig Erfahrung damit gibt“. Hier plädiert Korunka ganz klar darauf, „von der Kontrolle zu Vertrauen kommen“. Es biete sich der Autonomy supported leadership style an. „Führung die authentisch ist, die zuhört und die die Mitarbeiter nicht bewertet, sondern wertschätzend ist.

Drei Grundbedürfnisse

Zum Schluss kommt er auf die eingangs gestellte Frage, was gute und sinnstiftende Arbeit sei, zurück: „Ein guter Arbeitsplatz gibt mir Freiheiten, ermöglicht es mir, mich zu entwickeln und gibt mir einen Ort, an dem ich sozial eingebunden bin.“ Das sei schlussendlich auch die Basis für das Arbeitsengagement, das dem Arbeitgeber zugutekommt.

Die Wirtschaftstagung der Ordensgemeinschaften Österreich fand in Kooperation mit dem Bankhaus Schelhammer & Schattera sowie Unitas Solidaris statt.  

[renate magerl / elisabeth mayr]