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Kulturtag: Über Alltag, Kunst und Werte

Der diesjährige Kulturtag spannte den Bogen vom Alltäglichen über das Besondere bis hin zur Frage, wie sich Dinge überhaupt bewerten lassen: Sr. Klara Antons sprach über die Relevanz der Dinge, Bischof Hermann Glettlers rief zu mehr Mut im Einsatz zeitgenössischer Kunst auf und Eugène van Deutekom teilte seine Erfahrungen beim Inventarisieren.

Erzabt Korbinian Birnbacher begrüßte die etwa 70 Teilnehmenden des Kulturtages, der wie im Jahr zuvor coronabedingt wieder online stattfand. Karin Mayer, Bereichsleiterin für Kultur und Dokumentation, führte durch den Tag und stellte eingangs auch ihr neues Team, Susanne Barabas uns Iris Forster, vor. "Wir hätten nach der Online-Tagung im letzten Jahr so gehofft, dass wir uns dieses Jahr wieder live sehen. Leider hat uns Corona wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht", so Karin Mayer, "umso wertvoller ist die Online-Vernetzung und der Austausch hier beim Kulturtag." 

Drei hochrangige ReferentInnen waren geladen, die über die "Präsenz und Wirksamkeit" sprachen.  Benediktinerin Klara Antons aus der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim widmete sich im ersten Vortrag den kleinen Dingen des Alltags, die im klösterlichen Bereich zu finden seien und bei Inventaren vielfach übersehen werden.

Bischof Hermann Glettler referierte über zeitgenössischen Kunst und wie diese ohne Scheu und Berühungsänste in kirchliche und klösterliche Räume eingebunden werden könne. Beispiele aus der Praxis zeigten, wo diese Einbeziehung bereits positive Früchte trägt. 

Der niederländische Archivar und Kunsthistoriker Eugène van Deutekom wurde bereits von vielen Ordensgemeinschaften zur Hilfe geholt als es ans Inventarisieren ging. Er gab am Kulturtag Tipps, wie ein gelungener Inventarisierungsprozess aussehen könne. 

Bischof Hermann Glettler: "Gastfreundschaft" mit Kunst bereichert nach innen und nach außen

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Hermann Glettler ist Referatsbischof für "Kunst und Kultur" sowie Vorsitzender der Kirchlichen Denkmalschutzkommission, der auch Karin Mayer angehört. (c) Ordensgemeinschaften

Zur aktiven Auseinandersetzung der Kirche mit zeitgenössischer Kunst sowie zur Auftragsvergabe an renommierte Künstler hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler beim heutigen Kulturtag im Rahmen der Herbsttagungen aufgerufen. Diese "Gastfreundschaft" mit Kunst kann bereichern und öffnen.

Durch "Gastfreundschaft" für Kunst in Kirchenräumen werde ein anderes ästhetisches Bewusstsein und eine neue Wahrnehmung zugelassen, sagte Glettler, der in der Österreichischen Bischofskonferenz für den Bereich "Kunst und Kultur" zuständig und selbst als Künstler tätig ist. Glettler äußerte sich am Mittwoch beim "Kulturtag" der Herbsttagung der Orden. Für die Kirche sei das Wagnis dieses Dialogs ein "Frischetest für Synodalität und eine Sensibilisierung für die Zeichen der Zeit".

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Umsetzungsbeispiele von zeitgenössischer Kunst in kirchlichen Innen- und Außenräumen: weiße Leintücher mit "offenen Wundmalen", darunter eine Pferdeskultur mit missgebildeten Kopf ("Die Schande") und eine Umsetzung der "church of fear" von Christoph Schlingensief. (c) Glettler

Kunst von außen auch zulassen können

"Wir müssen das kulturelle Wissen der heutigen Zeit in unsere Kirchen holen", so die Überzeugung des Bischofs. Die Kirche setze ein Statement, wenn sie in ihren heiligen Räumen "mehr zulässt, als es unserer Genügsamkeit oft recht ist". Bei allem Bemühen um Offenheit und Dialog sei die Nagelprobe dafür meist, ob bei der Neugestaltung von Kirchen oder deren Einrichtung Aufträge an Künstler vergeben würden. "Oft meint man, alles selbst machen zu können. Das birgt jedoch die Gefahr, dass man sich nicht mehr von der ästhetischen Professionalität, die sich außerhalb der Kirchen weiterentwickelt hat, beraten, befruchten und inspirieren lässt", warnte Glettler, und hob hervor: "Für Christus nur das Beste, Schönste und Wertvollste der Zeit!".

In Österreichs Kirche gebe es einige Einrichtungen - Diözesen, Klöster und Kultureinrichtungen -, die sich redlich um den Dialog mit der Gegenwartskunst bemühten. Ziel sei dabei eine "lebendige Tradition, die zugleich Altes durch genaues Hinschauen wertschätzt und Neues zulässt". Übersehen dürfe die Kirche nicht, dass sie eine "kulturelle Verantwortung für das Heute" habe, die auch eine Verpflichtung zu Qualität beinhalte. Die künstlerische Qualität zählt für den Bischof zu den wichtigsten Kriterien; sichergestellt werden könnte sie etwa durch die Einladung renommierter Künstler zu Gestaltungswettbewerben, bei denen dann freilich auch eine kompetente Jury nötig sei, um mutig den besten Vorschlag auszuwählen.

Die Jungbauernkapelle beim Rauschbrunnen oberhalb von Innsbruck ist eine gelungene Umsetzung unter Einbeziehung regionaler Besonderheiten. (c) Glettler

Die Jungbauernkapelle beim Rauschbrunnen oberhalb von Innsbruck ist eine gelungene Umsetzung unter Einbeziehung regionaler Besonderheiten. (c) Glettler

Ermutigende Worte fand Glettler auch für die Beauftragung "säkularer" Künstler, erst recht wenn deren œuvre schon bisher spirituelle Deutbarkeit zumindest zulasse. "Es gibt viel mehr spirituelles Interesse in der Künstlerschaft als wir denken", so die Erfahrung des Bischofs. Künstler seien "Seismografen", könnten durch ihren Blick von außen bei der Klärung des eigenen Charismas helfen. Sie besäßen hohe Sensibilität für den Raum, in den sie eingeladen werden, wofür sie sich meist sehr dankbar fühlten. Oftmals seien sie zu "interessanten Gesprächspartnern" geworden und langjährige Freundschaften seien entstanden. Er selbst verfolge hier auch ein "missionarisches" Anliegen, ließ Glettler durchblicken: "Es geht doch auch darum: Wie können wir zu den Kulturschaffenden heute wieder eine Brücke und Vertrauen aufbauen?"

Sr. Klara Antons: Denkmalpflege für das "kulturelle Gedächtnis"

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Sr. Klara Antons: "Viele Dingen des Alltags können durch mehr Hintergrundwissen an Tiefe gewinnen." (c) Ordensgemeinschaften

Doch auch der richtige Umgang mit Kunstgegenständen der Vergangenheit war Thema am "Kulturtag". Die Benediktinerin Klara Antons aus der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein rief dazu auf, die Denkmalpflege als Hilfe zu sehen statt als Kostenfaktor: Erhalt und fachgerechte Inventarisierung von Dingen des klösterlichen Alltags forderten spezielle Aufmerksamkeit. Das Wissen um die Hintergründe eines historischen Gegenstandes und dessen Bedeutung in seiner Entstehungszeit lasse ihn "an Tiefe gewinnen". Umgekehrt gingen beim Verschwinden von solchen Objekten auch Bedeutungszusammenhänge und insgesamt das "kulturelle Gedächtnis" eines Ortes, eines Klosters oder einer Gemeinschaft verloren.

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Alltägliche Gegenstände, die man in jeder Gemeinschaft findet - wie ein Kreuz - waren im Fokus von Sr. Klara Antons. (c) Sr. Klara Antons

Als Beispiel nannte Sr. Antons die sogenannte "Nonnenkrone" der Heiligen Hildegard von Bingen (1079-1179). Als es in der frühen Neuzeit weder Gebrauch noch Wertschätzung für die Kopfbedeckung der Mystikerin und Kirchenlehrerin gab, sei sie für einige Jahrhunderte verschwunden gewesen und wurde erst 2020 wieder aufgefunden. Mit drastischen Folgen: Lange Zeit sei niemand in der Lage gewesen, Hildegards darauf Bezug nehmende Visionstexte verständlich zu deuten, so die Theologin und Archivarin. Das "revolutionäre Verständnis von Amt" der Heiligen sei somit lange Zeit unbekannt geblieben.

Im Besonderen verwies die Benediktinerin auch auf einen Passus der für viele Ordensgemeinschaften maßgeblichen Benedikts-Regel, in dem der Abt verpflichtet wird, über die Gegenstände seines Klosters ein Verzeichnis zu führen. "Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät", so Benedikts Anweisungen an den Cellerar seines Klosters. Wer diese nachlässig behandle oder beschmutze, sei zu tadeln, schrieb der Mönchsvater.

Eugène van Deutekom: Wie geht inventarisieren?

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Berichte aus der Praxis: Wenn Eugène van Deutekom Ordensgemeinschaften besucht, sieht es meist so aus. Inventarisierung ist dringend notwendig. (c) Ordensgemeinschaften

Einblicke in die Inventarisierungspraxis lieferte der niederländische Archivar und Kunsthistoriker Eugene van Deutekom. Bei Auflösungen oder Zusammenlegungen von Klöstern, bei Ausstellungen zu Jubiläen sowie bei der Profanisierung einer Kirche stelle sich oft die Frage, was mit Gegenständen wie Statuen, Kruzifixe, Kelche und Gemälde geschehe und welche Objekte man bewahren, welche weggeben soll. Die Entscheidung darüber ist nicht einfach und bevor eine Gemeinschaft sich damit auseinandersetzt, muss klar sein, was diese mit einem Inventar erreichen will. Je klarer ein Ziel formuliert wird, desto hilfreicher ist das spätere Vorgehen. Das Ziel diene dann als Kompass beim Bewerten der vorhandenen Gegenstände. 

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Wertefrage: Die Schuhe des Petrus Canisius sind eindeutig wertvoll, auch wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. (c) Deutekom

Hilfreiche Bewertungsfragen

Hat eine Gemeinschaft schließlich ein Ziel formuliert, fangen die Schwierigkeiten beim tatsächlichen Bewerten der Gegenstände oft erst an. Wer bestimmt den Wert? Wer sagt, was behalten wird oder auch nicht? Hier helfen Bewertungskataloge mit folgenden Fragen:

  • Hat der Gegenstand einen aktuellen Wert für die Gemeinschaft? (Gedenk- oder Erinnerungswert?)
  • Erfüllt der Gegenstand eine aktuelle Funktion? Sind damit Bräuche verbunden?
  • Ist der Gegenstand geweiht?
  • Wie ist der Zustand? Wurde er schon mal restauriert?
  • Ist der Gegenstand gesellschaftlich relevant?
  • Gibt es einen kulturhistorischen Wert?
  • Bringt der Gegenstand "etwas ein"? (Besucherandrang, etc)
  • ...

Wird van Deutekom von Orden um Hilfe gerufen, stellt er zunächst ein Team zusammen aus einem neutralen Leiter, einem mit dem Kulturgütern vertrauten Ordensmitglied als dessen Vertreter sowie Experten, die bei der Bewertung der Objekte fachkundige Einschätzungen aus verschiedenen Gesichtspunkten abgeben, erklärte der Experte. Bei einem gemeinsamen Rundgang durch das alle Räumlichkeiten wird zunächst eine Inventarisierungsliste erstellt.

Herausfordernd sei jedoch besonders die Entscheidung über das Verfahren bei den einzelnen Objekten, für die Deutekom zunächst das leitende Kriterium dafür erarbeitet, etwa: "Ist das Objekt wichtig, um das Verständnis über den Orden und sein Charisma zu sichern?"

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Wertefrage 2: Jesus im Aquarium, ein Gag oder anbetungswürdig? Die Gemeinschaft entscheidet. (c) Deutekom

"Letztlich lauten die Optionen, den Gegenstand an Ort und Stelle zu belassen, ins Museum oder anderen Klöstern oder Kirchen zu geben, ihn zu verkaufen, zu vernichten oder vorübergehend einzulagern für eine möglicherweise später erneute Bewertung", so der niederländische Fachmann.

Handreichung geplant

"Eine Handreichung für die Bewertung und Inventarisierung von Kulturgütern wird derzeit vom Bereich Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften erarbeitet", teilte dessen Leiterin Karin Mayer mit.

In Kooperation mit der Kathpress.


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[elisabeth mayr]

 

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