Das Wort „Betreuung“ aus dem Wortschatz streichen

2013 06 25 Katzelsdorf 1 TEASERFerien sollen Freiraum sein und andere Beziehungsformen als der Schulalltag ermöglichen. Auch im Schulalltag ist das Wort „Betreuung“ fehl am Platz, meint Rudolf Luftensteiner, Schulreferatsleiter der Ordensgemeinschaften Österreich.

Das Wort „Betreuung“ sollte aus dem Wortschatz gestrichen werden. Für einen völlig neuen Zugang zu Kindern, Jugendlichen, aber auch pflegebedürftigen Personen plädiert Rudolf Luftensteiner, Leiter des Schulreferats der Ordensgemeinschaften und Geschäftsführer der Vereinigung von Ordensschulen Österreichs. „Ein Heizungstechniker betreut die Heizungsanlage einer Schule“, sagt Rudolf Luftensteiner. „Aber Menschen sollten nicht ‚betreut‘ werden. ‚Betreuung‘ ist ein sehr einseitiger Begriff. Er klingt nach Unfreiheit und Abhängigkeit. Das Wort ‚Betreuung‘ wird oft zu technisch verwendet und schließt Autonomie und Freiheit dadurch aus. Junge Menschen sind keine Autos, die geparkt und serviciert werden müssen. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, in Freiheit in verlässliche Beziehungen einzusteigen. Unsere Aufgabe ist es, Beziehungsräume zu schaffen, Orte, an denen Beziehungen gelebt werden können. Und zwar Beziehungen, die das Leben fördern. Dass wir keinen anderen Begriff für ‚Ferienbetreuung‘ oder ‚Nachmittagsbetreuung‘ haben, ist ein Armutszeugnis. Es geht nicht um Aufsicht. Wir brauchen Konzepte, die Beziehungen gelingen lassen.“

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Pädagogik ist Beziehungsexpertise

Luftensteiner fordert, dass Pädagoginnen und Pädagogen Experten für das Beziehungsgeschehen sind. „Je jünger die Kinder, umso wichtiger ist dieser Aspekt. Deshalb bin ich überzeugt, dass KindergartenpädagogInnen nicht an der Universität ausgebildet werden müssen. Ihre Kernkompetenz muss die emotionale und soziale Komponente sein. Die Universität ist für den kognitiv-wissenschaftlichen Zugang zuständig. Der ist nicht Hauptthema im Kindergartenalter! Es scheint, dass wir schon zu viel davon im Kindergarten haben. Momentan glauben viele, dass das Gras schneller wächst, wenn man es herauszieht. Darunter leiden Kinder. Wir machen unsere Kinder kaputt, wenn wir ihnen keine Zeit zum Kindsein gönnen. Manche Eltern glauben, sie müssen ihre Kinder auf Schritt und Tritt übers Handy begleiten, wollen bis in einzelne Freundschaften mitbestimmen. Sie misstrauen ihren eigenen Kindern. Menschen sind Individuen. Es gibt dafür keine Gebrauchsanweisung wie für Autos.“

Bezeichnung schafft Wirklichkeit

„Es ist nicht egal, ob ich von ‚Betreuung‘ spreche oder von ‚Beziehung‘, “ ist Schulreferatsleiter Luftensteiner überzeugt. „Gott sei Dank ändern sich Begriffe im Lauf der Zeit. Im Fall von ‚Betreuung‘ ist mir das wirklich ein Anliegen. Denn wenn der Fokus auf ‚Beziehung‘ liegt, wird die gemeinsame Zeit sicher anders gestaltet. Wir sind auf der Suche nach den passenden Worten. Das gilt übrigens nicht nur für die Schule, sondern auch für ältere Menschen! Auch hier darf der Begriff ‚Betreuung‘ nicht  technisch verwendet werden. ‚Betreuung‘ riecht für mich schnell nach Käfighaltung. Und Altenheime sind keine Wartehallen auf das Sterben! Auch hier geht es darum, Beziehungsräume zu gestalten. Ältere Menschen brauchen vielleicht Unterstützung. Sie brauchen sicher mehr als nur ‚Betreuung‘.“

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Fotos: Christoph Legutko/Gymnasium Katzelsdorf

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