Ägyptischer Jesuit Boulad über Religion in der Politik

2013 10 04 HenriBoulad KardinalKoenigHausIMG 0339 TEASERProminenter Theologe und Autor bei Diskussion in Wien: Ägypten braucht Zeit, um ein moderner säkularer Staat zu werden. Der Sturz Mursis war legitim.

Der Westen unterschätzt die Bedeutung des Faktors Religion bei der Beurteilung der Umbrüche in der Arabischen Welt seit dem sogenannten "Arabischen Frühling": Das betonte der bekannte ägyptische Jesuit und Buchautor Henri Boulad im Rahmen eines Podiumsgesprächs im Wiener Kardinal König Haus. "Der religiöse Faktor wird vom Westen unterbewertet, da Religion in vielen Ländern keine gesellschaftliche Relevanz mehr hat, im arabischen Raum aber sterben die Menschen für ihren Glauben", so Boulad. Notwendig sei laut Boulad die Entwicklung eines säkularen Staates in Ägypten. Nur so könne das hohe Maß an institutionalisierter islamischer Religiosität, "die in alle Lebensbereiche der Menschen eingreift", durchbrochen werden.

Säkularisierung wichtig für Religion

Säkularisierung bedeute dabei nicht notwendig eine Zurückdrängung der Religion, sie sei aber wichtig für eine erfolgreiche gesellschaftliche Modernisierung. In einem modernen säkularen Staat wäre Religion dann "nicht mehr wie bisher ein Schutzschild gegen alles Neue und Unbekannte", sondern vielmehr ein Brennglas, in dem das Verbindende aller Religionen - nämlich Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit - deutlich werde. Auf eben diese Werte müsse man sich in der arabischen Welt neu besinnen.

Ägypten will in die Moderne

Ein säkulares Ägypten wäre letztlich laut Boulad auch für die christlichen Kirchen im Land ein Hoffnungsschimmer: Durch die Scharia würden Christen im gesamten Mittleren Osten stark unterdrückt, die Repressionen hätten zu einer starken Einkapselung der Kirchen geführt. Auslöser dieser Repressionen seien nicht Konflikte zwischen Christen und Muslime gewesen, sondern Konflikte zwischen Extremisten, so Boulad. "Die überwiegende Mehrheit der Ägypter hat genug davon und ist bereit, weiter in Richtung Moderne zu gehen."

Modernisierung braucht Zeit

Dieser Weg sei jedoch noch lang, daher müsse man Ägypten noch Zeit einräumen, so Boulad. Niemand könne ernsthaft erwarten, dass sich das Land in nur zwei Jahren zu einer modernen Demokratie entwickle. Ägypten und die gesamte Region sei in einem Entwicklungs- und Reifungsprozess, der auch die Besinnung auf eigene Werte und Spiritualität brauche. Spiritualität sei "ein Schlüssel zur Moderne" für die arabische Welt, zeigte sich der Mystiker Boulad überzeugt.

Mursi war nicht nach demokratischen Standards gewählt worden

Als einen Rückschlag bzw. Fehler in diesem Reifungsprozess bezeichnete Boulad die Wahl Mohammed Mursis zum Präsidenten. Dessen Sturz und das Verbot der Muslimbruderschaft sei ein wichtiges Zeichen für den weiteren Fortschritt im Land. Abgesehen davon, dass die Wahl Mursis nicht nach demokratischen Standards abgelaufen sei, habe sich unter Mursi und den Muslimbrüdern die Lage für die Menschen im Land weiter verschlechtert. Die Gefahr der Errichtung einer Militärdiktatur durch die interimistische militärische Führung sieht Boulad nicht.

Quelle Text: kathpress
Quelle Bild: Kardinal König Haus

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