Hartmannspital hielt Symposium zu Pflege in der NS-Zeit ab

hartmann 1201Angehörige des Pflegeberufes - darunter viele Ordensschwestern - waren in Zeiten des NS-Regimes sowohl Widerstandskämpfer und Opfer als auch Täter. Das zeigte das Symposium "Pflege in der Zeit des Nationalsozialismus" am vergangenen Wochenende im Wiener Hartmannspital.

 

Die gezeigten Beispiele seien für heute eine Ermahnung, aus der Geschichte zu lernen, so das Resümee der hochkarätigen Vorträge. Für diesen Lernprozess sei allerdings noch viel Aufarbeitung zu leisten, resümierte der Pflegewissenschaftler Markus Golla im Interview mit Kathpress. Der Druck auf Ordensfrauen in der Pflege war in der NS-Zeit enorm, so der Historiker: In der Ärztezeitung "Weg und Ziel" wurden sie etwa bereits 1934 als "Übel, auf das der Staat verzichten sollte", dargestellt. "Ordensschwestern sind nicht dazu bereit, NS-Gedankengut weiterzugeben, lautete ein Argument. Zweitens wurden sie als volksschädigend bezeichnet, wenn sie etwa Frauen dafür, dass ihre Männer an der Front sind, Mitgefühl und Mitleid statt Lob spendeten. Sie würden damit das Familiengut kontaminieren", hieß es.

Widerstandskämpfer und Parteimitglieder nebeneinander

Nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland 1938 wurden viele Krankenhäuser von NS-Verbänden übernommen, legte die Wiener Universitätsprofessorin Elisabeth Seidl beim Symposium am Beispiel des Rudolfinerhauses dar. Plötzlich befanden sich somit unter der Kollegenschaft sowohl Widerstandskämpfer als auch Parteimitglieder. Wie Golla anhand von Chroniken des Ordens der Franziskanerinnen der christlichen Liebe zeigte, beobachtete das Regime die Arbeit der Ordensangehörigen in der Pflege besonders genau, etwa durch Polizeikontrollen in Lazaretten, bei denen auch die Herkunft der hier Versorgten genau überprüft wurde. Als Hintergrund dafür hatte dieselbe Schrift von 1934 bereits offen klargestellt, dass die Pflege von Verwundeten und Kranken niemals unpolitisch sein dürfe. Geistlichen Schwestern strich man wenig später auch die Hebammenausbildung. "Sie sollten nicht bei der Geburt dabei sein, damit ihr Gedankengut das Leben nicht von Beginn an beeinflussen könne", berichtete Golla. Ebenso wurden ab 1935 in Deutschland statt den geistlichen Schwestern systematisch sogenannte "braune Schwestern" eingesetzt, die in den dafür errichteten ersten offenen Krankenpflegeschulen neben dem beruflichen Handwerkszeug auch NS-Gedankengut vermittelt bekommen hatten.

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Kaum Rückendeckung für Sr. Restituta
 
Als bekanntestes Beispiel einer Ordensschwester, die sich dem NS-Regime offen widersetzte, gilt die in Wien als OP-Schwester tätige Restituta Kafka, deren Biografie beim Symposium die Generaloberin ihres Ordens der Franziskanerinnen der christlichen Liebe, Sr. Hilda Daurer, darlegte: Ein Krankenzimmer ohne Kreuze und christlicher Nächstenliebe sei für die 1998 als Märtyrerin Seliggesprochene, die sich stets für Glaube, Menschenwürde und ganzheitliche Krankenpflege einsetzte, "undenkbar" gewesen, so Daurer. In Gollas Darstellung hatte sich Sr. Restituta durchaus ohne Rückendeckung ihres Ordens auf die Beine gestellt: Zwar hätten die Franziskanerinnen der christlichen Liebe das "Glück" gehabt, an Standorten ohne große Gräueltaten tätig zu sein, aus Angst vor Repressalien habe die Ordensleitung jedoch dennoch Stillschweigen in politischen Belangen verordnet. Dass die von Zeitgenossen "Schwester Resoluta" Genannte dies nicht hinnehmen wollte, wurde ihr zum Verhängnis: Sie wurde abgehört, als sie einer Sekretärin ein regimekritisches Gedicht diktierte, verhaftet, zu Tode verurteilt und schließlich am 30. März 1943 im Wiener Landesgericht enthauptet.

In der Einschätzun gespalten

Allerdings war der Orden in der Beurteilung der Mitschwester durchaus gespalten: Gemeinsam mit Restituta wurden auch andere Schwestern des Ordens wegen ähnlicher, kleinerer "Vergehen" verhaftet, später jedoch wieder freigelassen. Auch in anderen Orden und außerhalb davon gibt es zahlreiche weitere, bisher kaum bekannte Namen von in der Pflege Beschäftigten, die sich dem NS-Regime widersetzten, stellte Pflegewirtin Anja Peters von der Sektion historische Pflegeforschung Deutschland anhand von Biografien von Hebammen und Pflegepersonen vor.
 
Aufarbeitung "nicht einmal am Anfang"
 
Das Pflegewesen sei sich lange Zeit seiner historischen Mitverantwortung kaum bewusst gewesen und stehe im Prozess der Aufarbeitung bisher "noch nicht einmal am Anfang", so das Urteil Gollas. So habe sich der Berufsstand etwa bei der Neugründung der Republik bloß "abgeputzt" und bei allen Gerichtsverhandlungen darauf gepocht, nur in der ausführenden Funktion gewesen zu sein, während die Entscheidungspflicht bei den Ärzten gelegen sei. Ein Beispiel für fehlende Übernahme von Verantwortung des Berufsstandes lieferte am Symposium Gerhard Fürstler mit der Eröffnung der "Akte Anna Katschenka", Oberschwester der Kinderanstalt "Am Spiegelgrund" und somit eine der Hauptverantwortlichen für die hier durchgeführte Tötung unzähliger Kindern und Jugendlicher. Katschenka wurde für 24 "Todesbeschleunigungen" verurteilt, nach wenigen Jahren Haft jedoch wegen guter Führung freigelassen, worauf sie im Wiener St. Anna-Kinderspital weiterhin als Kinderschwester tätig war. "Nachdem zuvor die Gerichtsverhandlung groß in den Medien gewesen war, ist es aus heutiger Sicht unverständlich, warum Kollegen Katschenka später nicht danach fragten, ob sie die Verurteilte ist und warum sie wieder arbeiten darf", betonte Golla. Viele ähnliche Fälle in der Pflege seien bisher weiterhin nicht bearbeitet, auch da Material versteckt oder vernichtet worden sei. "Alles gehört komplett neu aufgerollt, denn wir lernen aus der Vergangenheit für die Zukunft, besonders was die Verantwortung für den Patienten und für das Volk betrifft", so der Pflegehistoriker.

Hartmannspital Wien

Quelle: kathpress.at

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