Durch Machtinteressen eingeführte Unrechtsstrukturen aufzeigen und verändern

papstfranziskus 120Als Dokument mit "enormer Sprengkraft" hat Sr. Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, das neue päpstliche Schreiben "Evangelii gaudium" (Die Freude des Evangeliums) bezeichnet.

 Es gehe dem Papst darum, historisch gewachsene oder auch durch Machtinteressen eingeführte Unrechtsstrukturen aufzuzeigen und zu verändern. Das gelte sowohl für den innerkirchlichen wie außerkirchlichen Bereich. Mayrhofer: "Wir haben Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, die Menschen arm machen und verelenden und Menschen zum Müll der Gesellschaft machen." Not, Elend oder moderne Formen von Sklaverei würden nicht vom Himmel fallen, sondern seien bewusst von Menschen geschaffene Strukturen. Das gelte für Lateinamerika genauso wie für Wien. Sr. Mayrhofer verwies in diesem Zusammenhang u.a. auf die Probleme von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Sensibel sein gegenüber Armutsstrukturen

Die Ordensleute würden sich gerne einbringen, um dem Lehrschreiben des Papstes Wirksamkeit zu verschaffen, bekräftigte die Präsidentin der Frauenorden. Als Ordensfrau Armut zu geloben und zu leben, bedeute auch, "sensibel zu sein für Strukturen, die Armut verursachen". Für den Orden der Schulschwestern, dem Mayrhofer angehört, bedeute dies etwa, durch Erziehung und Bildung diese Strukturen aufzubrechen. Sr. Mayrhofer verwies auf das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem ein Reisender von Räubern überfallen wird: Natürlich gelte es, den Opfern zu helfen, zugleich aber auch zu fragen, weshalb Menschen zu Tätern werden.

Globaler Blick wird sichtbar

Das Schreiben des Papstes erinnere sie immer wieder an Aussagen ihrer lateinamerikanischen Mitschwestern. Sehr oft erwähne der Papst auch den Text der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung von Aparecida aus dem Jahr 2007, an dem der damalige Kardinal Bergoglio freilich auch selbst maßgebend mitgearbeitet hatte. Sr. Mayrhofer: "Das Dokument von Aparecida dürfte nun endgültig in Rom angekommen sein." Sie spüre, so die Präsidentin der Frauenorden weiter, dass es dem Papst ein großes Anliegen sei, auch die innerkirchlichen Strukturen zu verändern. Großen Handlungsbedarf sah Mayrhofer im Aufbrechen des Klerikalismus. Es sei beeindruckend, dass Franziskus in diesem Zusammenhang auch die bis jetzt gelebte Form des Papstamtes infrage stelle und eine neue Form suche. Es brauche auch mehr Dezentralismus in der Kirche.

„Es schmerzt“

Bedauern äußerte Mayrhofer darüber, dass Papst Franziskus keine Diskussion über das Frauenpriestertum zulassen will. "Es schmerzt", so die Ordensfrau wörtlich. Persönlich glaube sie nicht, dass es für den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt theologische Gründe gibt. Sie sei jedenfalls gespannt, wohin sich die katholische Kirche entwickeln wird, wenn - gemäß dem päpstlichen Schreiben - mehr Frauen in wichtige Positionen berufen werden, etwa auch in der vatikanischen Kurie. Mayrhofer: "Frauen dürfen wesentlich mitentscheiden in der Kirche, aber über das Frauenpriestertum dürfen sie dann nicht mitentscheiden?" Zugleich machte sie auf ein vermeintliches Missverhältnis aufmerksam: "Wenn Frauen nach dem Priestertum der Frauen fragen, wird das als Machtstreben interpretiert. Dass Männer das Priestertum ausüben, wird als Dienst interpretiert. Wenn für Frauen das Priestertum offen ist, dann wäre es ja auch ein Dienst." Es sei ihr aber sehr wichtig, so die Präsidentin der Ordensfrauen in Österreich, das päpstliche Dokument nicht auf die Frage nach dem Frauenpriestertum zu reduzieren. Dafür enthalte es viel zu viel positive Sprengkraft.

[fk]