95 Jahre und kein bisschen müde

2014 02 27 sr elfriede jagersberger2Sr. Elfriede Jagersberger, der „Engel von Cartagena“, wie sie von Tausenden kolumbianischen Familien aus den Armenvierteln genannt wird, erblickte 1919 in Gmunden das Licht der Welt. 1936 schickte sie ihr Orden, die Franziskaner Missionsschwestern, nach Kolumbien, wo sie als Lehrerin arbeitete … bis heute. In Pension gehen, dafür hat sie keine Zeit – und das schon seit rund 30 Jahren. Vor Kurzem feierte sie ihren 95. Geburtstag im Kreise ihrer Schulkinder.

Die Hände in den Schoß zu legen und die Pension zu genießen, das käme Sr. Elfriede Jagersberger nicht in den Sinn. Dafür fühlt sie sich viel zu sehr verbunden mit ihren Schützlingen, den Familien aus den Armenvierteln von Cartagena de Indias, Hauptstadt des Departements Bolívar im Norden Kolumbiens.

Lehrerin und Wirtschaftreferentin

Schon im Alter von 15 Jahren entschloss sich die junge Elfriede, Ordensfrau zu werden, doch noch war sie nicht alt genug dafür. Sie musste noch zwei Jahre warten, ehe sie von ihrem Konvent, den Franziskaner Missionsschwestern in Gaissau in Vorarlberg, aufgenommen wurde. Schon wenig später ging sie nach Kolumbien, lernte Spanisch, studierte das Lehramt und unterrichtete als Lehrerin Mathematik und Physik im Collegio Biffi und in andern Schulen des Ordens. Parallel dazu zeichnete sie auch als Wirtschaftsrefentin des Bischofs von Cartagena für die Kirchenfinanzen verantwortlich.

1967 gründete sie das Dorf Membrillal

Doch am meisten fühlte sich Sr. Elfriede verpflichtet, den Armen in den Slums von Cartagena zu helfen. 1967 gründete sie das Dorf Membrillal und errichtete dort einen Kindergarten, eine Volksschule, eine Gesundheitsstation und eine Kirche. Das war der Anfang der „Bauherrin Gottes“, wie sie auch oft genannt wurde. Denn das Projekt bedeutete für Tausende von Familien Arbeit, Nahrung und medizinische Betreuung, und für Tausende Kinder Schul- und Berufsausbildung.

Mitarbeiter wurden entführt und ermordet

Der Beginn war nicht leicht. Vielen Interessengruppen waren ihre Aktivitäten ein Dorn im Auge. Mitarbeiter wurden, teilweise mit brutaler Gewalt, an ihrer Arbeit gehindert, sogar entführt und ermordet. Baumaterial verschwand, Lohngelder wurden gestohlen, und mehrmals wurde die Ordensfrau überfallen und ausgeraubt. Industrielle schickten Bagger, um die neugebauten Hütten zu zerstörten, was Sr. Elfriede in letzter Sekunde verhindern konnte, indem sie sich wortwörtlich vor die Maschinen stellte. Dennoch, aufzugeben kam ihr nie in den Sinn.

Beeindruckende Bilanz

Heute kann der „Engel von Cartagena“ eine beindruckende Bilanz vorweisen: sechs Kindergärten (für jeweils 120 bis 180 Kinder), sieben Volksschulen (für je ca. 200 bis 600 Kinder), zwei Mittelschulzentren (AHS, HAK, HTL für je 1200 Kinder), fünf Gesundheitsstationen, eine Zahnstation, vier Kirchen, zwei Klöster und ein Einkehrzentrum gehen auf ihr Engagement zurück. Die Erweiterung ihrer „Berta Suttner“-Schule um Werkstätten für Elektrotechnik und Maschinenbau wurde erst kürzlich fertig gestellt. Tatkräftige Unterstützung aus Österreich erhält Sr. Elfriede seit Jahrzehnten von der Linzer Pfarre St. Magdalena, die ihre Projekte mit Sammlungen, aber auch mit Vorträge, Diskussionen und „Kolumbianische Abende“ fördern.

Natürlich spürt Sr. Elfriede, die 1994 mit dem Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet wurde, das Alter, und natürlich tritt sie ein bisserl kürz. Dennoch leitet sie mit 95 Jahren nach wie vor zwei Schulen und zwei Kindergärten. „Ich bin fast fertig“, sagte sie einmal vor einigen Jahren in einem Interview, doch die Betonung lag auf „fast“.

Quelle Foto: Diözese Linz

[rs]