Kampf gegen Menschenhandel braucht Blick auf Ursachen und Opfer

2014 09 02 ware mensch 120Armut, extreme Wohlstandsgefälle und fehlende Informationen sind wichtige Ursachen von Menschenhandel, die neben dessen strafrechtlicher Bedeutung stets im Blick bleiben müssen, um eine Besserung zu erwirken: Das hat die Koordinatorin der Task Force Menschenhandel, Elisabeth Tichy-Fisslberger, am Donnerstagabend bei einer Wiener Podiumsdiskussion zum Thema "Ware Mensch" erklärt. Die Veranstaltung wurde organisiert von den Ordensgemeinschaften Österreich und der "Ware Mensch Initiative".

Seit zehn Jahren vernetzt die Bundesregierung mit ihrer "Task Force  Menschenhandel" verschiedenste in dem Themenbereich tätige Akteure. Darunter "zwei Drittel aller Ministerien", so Tichy-Fisslberger, die selbst im Außenministerium angesiedelt ist. Vertreten sind auch die Bundesländer, die insbesondere für Angelegenheiten der Wohlfahrt und die Sorge um Opfer des Menschenhandels zuständig sind, sowie auf dem Gebiet tätige NGOs. Die Mitarbeit Letzterer in der Task Force sei "besonders wichtig", da Opfer zu ihnen am ehesten Vertrauen aufbauten; Anregungen für notwendige Änderungen kämen oft von dieser Seite.

Unter den Arten von Menschenhandel überwiege in Österreich die sexuelle Ausbeutung, wenngleich auch die Arbeitsausbeutung zunehme, erklärte Tichy-Fisslberger. Ein weiteres Problem sei der Kinderhandel: "Kinder werden gerne gehandelt, weil man sie besonders leicht ausbeuten kann, weil sie nicht davonlaufen und sich nicht wehren können und die Polizei sich nicht einsperren kann." Wie die Expertin erklärte, seien Täter und Opfer von Menschenhandel meist Ausländer, einen innerösterreichischen Menschenhandel gibt es zumindest in Österreich nicht.

Solwodi: Schutz für Aussteigerinnen

Ordensfrau Patricia Erber, die den von sechs Frauenorden getragenen Verein "Solwodi" (SolidaritywithWomen in Distress) leitet, unterstrich die Bedeutung einer geschützten Umgebung für die Betreuung von Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind und den Ausstieg wagen. Für die Unterbringung von acht Frauen sowie deren Kleinkinder sei die Wiener Schutzwohnung ihres Vereins dimensioniert, versucht werde, "nach einer Stabilisierungsphase zu schauen, was die Frauen brauchen". Dabei seien die Nöte sehr unterschiedlich, viele hätten keine Krankenversicherung und seien in einem psychisch sehr schlechten Zustand.

Vernetzung ist auch für "Solwodi" Voraussetzung für die Arbeit - in Form von Zusammenarbeit mit Streetworkern, Beratungsstellen für Prostituierte, der Caritas und dem Gesundheitsamt. Erber: "Es kommt auch immer wieder vor, dass Freier sich bei uns melden." Derzeit arbeiten zwei Sozialarbeiterinnen und zwölf Ehrenamtliche bei "Solwodi", Erber selbst ist als Psychotherapeutin in der Schutzwohnung tätig.

Ausbeutung, Zwang und Drohung

Wie notwendig Schutzeinrichtungen sind, zeigt auch die Tatsache, dass Opfer des Menschenhandels "auf unbeschreibliche Weise ausgebeutet, gezwungen, kontrolliert, bedroht und abhängig gemacht" werden, wie die frühere Frauenministerin Helga Konrad (SPÖ) berichtete. Oft würden die Betroffenen, unter denen auch EU-Bürgerinnen und -Bürger seien, von Bekannten und Freunden dazu belogen und in ein anderes Land gebracht, weshalb zwischenstaatliche Kooperation erforderlich sei. Hilfe für die Opfer müsse aus der ausbeuterischen Situation befreien, was professionelles Vorgehen und Entschädigungen für das Erlittene erfordere.

Besonders leichte Opfer seien für Menschenhändler Kinder, erklärte Norbert Ceipek von der Drehscheibe Wien: Jüngere Kinder seien nicht strafmündig und könnten sich zudem nicht wehren. Würden Kinder Schutzeinrichtungen aufsuchen, hätten sie von den Tätern den Auftrag, wieder wegzulaufen. "Später werden diese Kinder oft zu Prostituierten. Für Europa ist das eine große Herausforderung", so Ceipek.

Richter überfordert

Den schwierigen Umgang mit der Problematik vor Gericht verdeutlichte Claudia Dannhauser vom Landeskriminalamt Wien: Zunehmend würden auch Frauen im Menschenhandel aktiv, die teils zuvor selbst Betroffene waren, wobei die Täter-Opfer-Unterscheidung ebenso schwer falle wie die Beweisführung. Eine große Errungenschaft sei für die Vernehmung von Opfern die Einführung der "kontradiktorischen Vernehmung", bei der sie nun in einem Nebenraum statt im Gerichtssaal vom Richter befragt werden. "Nachdem Frauen über Jahre hinweg strafbaren Handlungen ausgesetzt waren, ist es nicht möglich von ihnen zu fordern, von A bis Z alles genau zu schildern", so Dannhauser.

Für die Täter sei das Risiko derzeit viel zu gering, befanden die Experten: Die Gewinnspannen im Menschenhandel sind enorm, und weniger als jede fünfte Anzeige führt zu einer Verurteilung. Richter und Staatsanwälte seien meist "psychologische Laien" und die Bereitschaft zu Fortbildungen auf den Kreis der ohnehin Engagierten begrenzt, kritisierte Katharina Beclin von der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Die Richtervereinigung müsse dringend ihren Standpunkt aufgeben, eine verpflichtende Weiterbildung schränke die Unabhängigkeit ein.

[rs]