Wo liegen die Schmerzpunkte heute?

S 6 Helferinnen 120Im Rahmen eines zweitägigen Medien-Workshops für die Gemeinschaft der Helferinnen am 1. und 2. Mai 2015 im Bildungshaus Subiaco im Stift Kremsmünster stellte Ferdinand Kaineder die Frage nach den Schmerzpunkten unserer heutigen Gesellschaft. Spontan kamen die Antworten der Schwestern aus Österreich, Deutschland, Rumänien und Ungarn.

 

„Ich bin Sr. Veronika von der Ordensgemeinschaft der Helferinnen. Am Ende des Interviews am Samstag habe ich mich zu Wort gemeldet und gesagt, dass die Arbeit mit den schwer mehrfach behinderten Kindern dazu hilft, das Leistungsdenken zu überwinden, weil es allein gar nicht geht, ihnen zu helfen.“ Das E-Mail aus Ungarn kam nach dem Gespräch im Kreise der 44 Helferinnen in Subiaco in Kremsmünster. Die Fragen: Wo liegen die Schmerzpunkte unserer Gesellschaft heute? Wo erleben wir Rand? Erfahrungen von Deutschland, Österreich über Ungarn bis nach Rumänien fließen ein.

Schwerst- und mehrfach Behinderte

Sr. Veronika weiter: „Mir ist sehr wohl bewusst, dass die Integration behinderter Menschen, sogar die Inklusion oft kein Thema mehr ist. Das geht bei weniger schwer behinderten Menschen. Aber die Herausforderung heute sind die schwer mehrfach behinderten Kinder, die später zu Erwachsenen werden, mit denen sich selbst die Heilpädagogik – und ich denke, nicht nur in Ungarn – schwer tut. Denn diese Menschen kann man nicht so einfach integrieren. Mit solchen Erstklässlern arbeite ich in Budapest in einer Spezialschule. Es kommen immer mehr solche Kinder, weil die fortgeschrittene medizinische Versorgung heute Kinder am Leben bleiben lässt, die das früher nicht überlebt hätten.“

Gefangene und Asylsuchende

„Gefangene werden weggesperrt. Weit weg aus den Städten an den Rand. Hinter Gittern alles gesichert. Praktisch gibt es kein Zurück.“ Das erschüttert jene Ordensfrauen, die zu den Gefangenen gehen. Wie zeigt sich das Abseits? „Die Unmenschlichkeit der Schubhaft für Asylwerber in entlegensten Gebieten.“ Was erzählen diese Leute den Ordensfrauen? „Sie wollen einfach als Menschen wahrgenommen werden. Sie fühlen sich als Untermenschen.“ Sr. Ute beklagt, dass Asylsuchende mit Handschellen herumgeführt werden „wie Verbrecher“. Sr. Christine aus München sieht die vergeudeten Potenziale: „Diese Menschen wollen etwas lernen und ihr Können zur Verfügung stellen. Es ist ein Akt der Gerechtigkeit, wenn ich drei Frauen helfe, ihnen die Sprache zugänglich zu machen. Es ist der Gerechtigkeit geschuldet.“ Die drei Frauen kommen aus Eritrea und aus Tschetschenien. Ein Sozialprojekt in Graz mit Studierenden, die sich zusammen mit einer anderen Ordensschwester um Asylwerber kümmern, bestätigt: „Asylsuchende haben keine Bedingungen und Strukturen, dass sich das, was sie können, auch nur ansatzweise entfalten könnte.“ Die Kontakte der Studierenden zu den Asylwerbern findet die Ordensfrau ganz wichtig, „weil sie sonst nur Klischeebilder mitbekommen“. Durch diese Begegnungen lernen sie „reale Menschen kennen, die viel mitgemacht haben und viel können“. Es wächst Verständnis.

Alt und einsam

Eine Schwester erzählt, dass in der Steiermark vielleicht genug Pflegebetten sind, aber nicht dort, wo sie gebraucht werden. „Damit werden die Leute entwurzelt.“ Das Zusammenspiel von Ärzten und Pflege stimmt noch nicht und die alten Menschen leiden darunter. „Auch hier geht es um Distanzabbau. Firmlinge sind nachher oft begeistert von der Begegnung mit HeimbewohnerInnen.“ Die Einsamkeit wird die Krankheit der Zukunft. Breites Nicken zu dieser Behauptung. Eine Helferin arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, „die den Betrieb stören“. Was führt dazu? „Es war in ihrem Leben noch niemand da, der Zeit für sie hatte, der sie lehrt, Beziehungen zu leben. Solche Menschen brauchen Zeit, Zuhören und Strukturen, die Sicherheit geben.“ Eine andere Schwester arbeitet mit Suchtkranken in Rumänien: „Diese Jugendlichen werden verurteilt. Ich möchte hinter der Krankheit den Menschen sehen. Sie leiden sehr darunter, dass keiner mehr an sie glaubt, und so finden sie nicht zu den eigenen Lebenskräften. In Rumänien gibt es praktisch nichts für solche Menschen.“ Wie sehen sie ihren Dienst an Menschen am Rand? „Ich nehme sie ernst, wahr. Ich lasse ihr Leid und Scheitern zu, und sie sind trotzdem oder gerade deswegen Menschen. Sie sind mit genau ihrer Lebensgeschichte Menschen. Nochmals: ernst nehmen.“

Psychisch zerstört

Der Rand zeigt die Probleme. „Wenn man da lang genug nicht hinschaut oder hingeht, werden sie selber in die Mitte rücken. Sie werden uns zwingen, dass wir uns stellen. Wenn wir mit diesen Menschen leben, bei ihnen sind, werden wir selber zur Mitte geführt.“ Eine Stimme erhebt sich: „Für Jesus waren die Menschen am Rand die Mitte.“ Wo liegen weitere Schmerzpunkte? „Mir macht Sorgen, dass so viele Kinder und Jugendliche aus zerrütteten Beziehungen kommen. Da sind viele Verletzungen und Unsicherheiten. Diese Menschen sind in ihrer Bindungsfähigkeit stark eingeschränkt.“ Die Stimme wird fast etwas ratlos: „Wie geht das weiter, wenn sich das in die nächste Generation fortpflanzt und verstärkt?“ Der Eindruck: „Die Gesellschaft scheint sich derzeit psychisch zu zerstören.“ Die rasante Entwicklung der Technik ist ein weiterer Faktor und wird für immer weniger zugänglich. Weit nicht alle können mit. „Die Zwei-Klassengesellschaft gibt es, auch unter uns.“

Entwurzelung des Familienlebens

Aus Rumänien kommt die Stimme: „Ich sehe auch, dass viele ihre Wurzeln verlassen müssen, um Geld im Ausland zu verdienen. Das Geld wird die Mitte und die Familie wird der Rand.“ Leiharbeiter verlassen alles und finden im Ausland keine Anerkennung. Noch eine Stimme wirft ein: „Es gibt so viele Menschen, die an der Kirche leiden. Es braucht viel Gespräch, um wieder etwas Positives aufzubauen.“ Die Sehnsucht nach spiritueller Offenheit ist da, „aber sie finden sich in der Sprache der Kirche und ihren Umgangsformen nicht wieder“. Die junge Helferin weiß das von ihrem Kontakt zu Studierenden. Sr. Veronika schließt das Gespräch: „Es braucht eine neue Zusammenarbeit, ein Zusammenrücken.“ Allerletzter Einwurf: „Wir sind selber die Randgruppe. Wir sind am Rand der Kirche, der Gesellschaft und der Orden, weil wir anders sind. Wir sind zugleich eine Nische, dass Leute in die Stille kommen können, Zeit zum Reden finden. Wir sind am Rand und eine Nische. Beides braucht die Kirche und die Gesellschaft.“

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Im Bild rechts Sr. Stefanie Strobel, die Provinzoberin der Helferinnen. Foto: [fk]

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