50 Jahre »Perfectae caritatis«: Rückkehr zu den Wurzeln muss immer neu geschehen

2015 10 21 p helm 120Am 28. Oktober 1965 veröffentlichte der damalige Papst Paul VI. das Dokument »Perfectae caritatis«. In der Folge bewirkte das »Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens« weltweit tiefgreifende Veränderungen im Ordensleben – bis heute. Die Schrift hat auch 50 Jahre später nichts an seiner Aktualität eingebüßt, ist P. Franz Helm, neuer Generalsekretär der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, überzeugt.

»Perfectae Caritatis«, das Dokument des 2. Vatikanischen Konzils über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens, ist sehr kurz. Und doch hatte es große Auswirkungen. In prägnanten Leitlinien wurde da angegeben, wie zwei wesentliche Grundanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils umgesetzt werden sollen: Einerseits eine Rückbesinnung auf die Wurzeln, und andererseits ein "Aggiornamento“, eine "Ver-heutigung“. Tausende weibliche und männliche Ordensgemeinschaften weltweit mit abertausenden Mitgliedern stellten sich dieser Herausforderung, fragten nach ihren geschichtlichen und biblischen Wurzeln und suchten danach, sie den geänderten zeitlichen Umständen entsprechend neu zu deuten und zu aktualisieren. Viele Ordensregeln wurden überarbeitet, Direktorien und Handbücher wurden umgeschrieben und der Gebetsschatz wurde aktualisiert.

Darüber hinaus wurde vielerorts nach einer Neuinterpretation des Gründungscharismas gesucht: Was heißt Sklavenbefreiung heute, wenn - zumindest offiziell – die Sklaverei abgeschafft ist? Wie weiter ein Schulorden oder ein Krankenpflegeorden sein, wenn der Staat heute die Sorge für Bildung und Gesundheit als seine Kernaufgaben sieht? Wenn sogenannte „Missionsländer“ jetzt selbst Missionare aussenden – was heißt das für einen „Missionsorden“? usw.

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50 Jahre »Perfectae caritatis«. Generalsekretär P. Franz Helm: "Das »Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens« hat nichts an seiner Aktualität eingebüßt." (c) Ordensgemeinschaften Österreich

"Verheutigung“ ist bleibende Aufgabe der Orden.

Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen. Gewiss bewirkten diese Bemühungen in den 70er Jahren eine große Dynamik, ja eine Aufbruchsstimmung. Speziell in Afrika und Asien kam es in manchen Ländern zu einem Boom an Ordensberufen, vor allem bei den Frauenorden. Demgegenüber blieben in Europa und Nordamerika Ordensberufe aber zunehmend aus. Ist eine zunehmende Säkularisierung und Entchristlichung der Grund dafür? Oder das schwindende Ansehen der Kirche? Oder die fehlende Inkulturation in neue gesellschaftliche Gegebenheiten?

Eines ist für mich gewiss: „Verheutigung“ und Rückkehr zu den Wurzeln muss immer neu geschehen. Sie sind bleibende Aufgaben der Kirche und der Orden. Und damit haben »Perfectae caritatis« und das Konzil nichts an Aktualität verloren.

Bemerkenswert ist auch, dass das Dekret über das Ordensleben in Zusammenhang mit der Ehelosigkeit oder „gottgeweihten Keuschheit“ eine Mahnung ausspricht: „Die Beobachtung vollkommender Enthaltsamkeit rührt sehr unmittelbar an tiefe Neigungen der menschlichen Natur. Darum dürfen Kandidaten nur nach wirklich ausreichender Prüfung und nach Erlangung der erforderlichen psychologischen und affektiven Reife zum Gelöbnis der Keuschheit hinzutreten und zugelassen werden.“ (Nr. 12) Eine konsequente Beachtung dieser Mahnung hätte vielleicht manches Leid und manche Skandale verhindern können.

Ordensleben hinterfragt die Gesellschaft ständig

Sehr direkten Bezug zu den Ordensgelübden nimmt auch das sechste Kapitel der Konzilskonstitution »Lumen Gentium« über die Kirche. Dort wird ausgeführt, dass ein Leben in den „evangelischen Räten“, also in gottgeweihter Keuschheit, in Armut und im Gehorsam ein direkter Hinweis auf Christus selbst ist, der auch ehelos, arm und gehorsam gelebt hat. Papst Johannes Paul II hat in den 1990er Jahren in seiner Enzyklika »Vita Consecrata« hervorgehoben, dass ein solches Leben in den „evangelischen Räten“ per se missionarisch ist, da es ständig eine Gesellschaft hinterfragt und provoziert, in der sexueller Genuss, Reichtum und Selbstbestimmung hoch im Kurs stehen.

Auch Papst Franziskus hat in seinem Brief an die Ordensleute den missionarischen Charakter des Ordenslebens hervorgehoben. Kann er, der selbst Ordensmann ist, bei der Erneuerung der Katholischen Kirche auf die Orden zählen? Ich denke schon. Denn sie sind immer schon an den gesellschaftlichen Rändern angesiedelt gewesen und müssten eigentlich freudig seinen Aufruf umsetzen, an die existenziellen Ränder zu gehen und dort die Frohe Botschaft vom Leben in Fülle für alle erfahrbar zu machen. [P. Franz Helm SVD]

Siehe auch die Infos auf der Homepage des Referates für die Kulturgüter der Orden

Dekret »Perfectae caritatis« auf Deutsch als PDF

Pressebild von Generalsekretär P. Franz Helm

[rs]