Prävention von Missbrauch und Gewalt als gesamtgesellschaftliches Anliegen

001 klDas ursprünglich gemeinsam mit dem Parlament und im Hohen Haus geplante Symposion "Prävention von Missbrauch und Gewalt als gesamtgesellschaftliches Anliegen" war nach einer kurzfristigen Absage von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ins Wiener Haus der Industrie verlegt worden. Ungefähr 200 Expertinnen und Experten, Betroffene und Personen aus Zivilgesellschaft und Kirche - darunter Bischof Klaus Küng als Vorsitzender der kirchlichen "Stiftung Opferschutz", der Kärntner Bischof Alois Schwarz und Propst Maximilian Fürnsinn als Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften - waren unter den Teilnehmern.

 

Klare gesamtgesellschaftliche Signale und Initiativen für den Opferschutz, die öffentliche Bewusstseinsbildung und die Prävention forderten Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic und die Unabhängige Opferschutzkommisson am Dienstag, 26. Februar im Haus der Industrie in Wien beim Symposion. Konkret vorgeschlagen werden ein öffentliches Bekenntnis der verantwortlichen Repräsentanten von Staat, Kirche und Gesellschaft zur Verantwortung gegenüber den Opfern durch eine angemessene und würdige Veranstaltung mit Opfervertretern, durch klare Entschuldigungen und einen glaubwürdigen Dialog und durch weitere finanzielle Gesten und therapeutische Begleitung für alle Opfer und eine breite soziologische, sozialpsychologische, therapeutische, juridische, organisations- und kriminalsoziologische und historische Aufarbeitung der Opferfälle.

In Bezug auf die Prävention wird die Etablierung einer „Österreichischen Präventionsplattform zum Schutz vor körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt“ auf Initiative der Bundesregierung innerhalb eines Jahres vorgeschlagen, die alle öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen (z.B. Gebietskörperschaften, Sport- und Jugendvereine, Justizverwaltung, Einrichtungen der Altenbetreuung, der sozialen Wohlfahrt etc.) einbezieht. Diese Präventionsplattform sollte mindestens einmal jährlich tagende Konferenz abhalten, einen wissenschaftlich-fachlicher Beirat einsetzen, eine Koordinationsstelle einrichten und regelmäßige Berichte an die zuständigen Organe der Volksvertretung geben. Darüberhinaus wird die Einrichtung einer leicht erreichbaren („niedrigschwelligen“) Hotline für alle – Hilfe und Schutz für Opfer und Prävention von Missbrauch und Ge-walt, die Vernetzung der bestehenden Opferschutzeinrichtungen und die Nutzung von „Social Media“ im Interesse von Gewaltschutz und Prophylaxe – vorgeschlagen.

Zahlen und Fakten

Weiters wurde im Rahmen des Sympoions darauf verwiesen, dass seitens der UOA und UOK von den seit April 2010 erfolgten 1306 Meldungen über Missbrauch und Gewalt im Bereich der katholischen Kirche Österreichs für 1032 bereits eine konkrete Entscheidung getroffen werden. Davon waren 952 Kommissionsbeschlüsse (932 positiv, 20 Ablehnungen) über finanzielle Hilfestellungen in der Höhe von 12,2 Miollionen Euro und zusätzliche 34.000 Therapiestunden. 80 Meldungen – die etwa den Wunsch nach Entschuldigung, Dokumentation oder Information beinhalteten, konnten ohne Kommissionsentscheidung bearbeitet werden. Weitere 142 Meldungen betrafen nicht den Aufgabenbereich der UOK und wurden weitergeleitet.

Betroffene appelierten

"Lassen Sie keine Verharmlosung zu", appelierte vor dem Hintergrund selbst erlittenen sexuellen Missbrauchs der evangelische Pfarrer Jürgen Öllinger an die Teilnehmer des Symposions. Er sei als 11-Jähriger sexuell gedemütigt worden und hatte mit 16 Mordfantasien gegenüber seinen Peinigern, berichtete Öllinger, der 1984 im Stiftsgymnasium Kremsmünster maturierte. Es folgte langes "Vergessen", erst als 40-Jähriger habe er sich dem Erlittenen stellen können - auch mittels Gesprächen mit den damaligen Tätern. Der nun in Villach wirkende evangelische Pfarrer sprach vom "Problem der juristischen Verharmlosung". Es gebe fast keine verurteilten Täter, da - nicht zuletzt wegen Verjährung - selten Anklage erhoben werde. Auch in der Gesellschaft herrsche nach wie vor Verharmlosung etwa im Blick auf Gewalt in der Familie vor, kritisierte Öllinger. Gerade Kirchen sollten bei Missbrauch und Gewalt ein langes Gedächtnis haben, nach dem Vorbild Jesu, der im Matthäusevangelium alles andere als verharmlosend gesagt habe: "Wer einem dieser Kleinsten Übles antut, für den ist es besser, wenn er einen Mühlstein um den Hals legt und ins Wasser geht."

Fachleute informierten

Prim. Dr. Werner Leixnering hob in seinen Statement die Bemühungen des Staates positiv hervor, "dass heute auch mit Gesetzen Übergriffen verhindert werden." Er appelierte, die Begegnung mit den Opfern nicht aufzugeben und nannte sieben Kriterien, damit diese Begegnungen fruchtbar und heilsam sein können: 1. Begegnung mit Respekt. 2. Begegnung in Demut. 3. Begegnung mit Nachsicht. 4. Begegnung mit Umsicht. 5. Begegnung mit Sachkenntnis. 6. Begegnung mit Verstand. 7. Begegnung mit Geduld. Leixnering: "Schnell geht hier gar nichts." Wenn diese Prinzipien  für die Gespräche mit den Opfern angelegt werden, kann heilsame Begegnung stattfinden.

Plenum

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