Den Sprung ins Leben wagen

Gedanken zu meiner Berufung: Zwei Aussagen bei Joh 10,1–10, kommentiert anhand von zwei Geschichten, sprechen wichtige Lebensthemen an und bieten Impulse für gelingendes Leben.

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#keine Angst: Wagen wir den Sprung hinein in unser Leben. (c) Unsplash

Von Martin Riederer OPraem für das Canisiuswerk

„… er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“

Wer ruft uns bei unserem Namen? Und wie sprechen Menschen meinen Namen aus? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass über die Art, wie jemand ihren Namen ausspricht oder ruft, eine Beziehung hergestellt und Wertschätzung ausgedrückt wird?

»Eines Nachts bricht in einem Haus ein Brand aus. Während die Flammen hervorschießen, stürzen Eltern und Kinder aus dem Haus. Entsetzt sehen sie zu, wie das Feuer ihr Heim vernichtet. Plötzlich bemerken sie, dass Tobias, der Jüngste fehlt, ein fünfjähriger Junge, der sich im Augenblick der Flucht vor Rauch und Flammen fürchtete und in den oberen Stock kletterte. Man schaut einander an. Es gibt keine Möglichkeit, zurück in das brennende Haus zu gelangen. Da öffnet sich oben ein Fenster. Der Bub ruft um Hilfe. Sein Vater sieht es und schreit ihm zu »Tobias, spring!« Der Junge sieht nur Rauch und Flammen. Er hört aber die Stimme des Vaters und antwortet: "Vater, ich sehe dich nicht!" Der Vater ruft ihm zu: "Aber ich sehe dich, Tobias, das genügt. Spring!" Das Kind springt und findet sich heil und gesund in den Armen seines Vaters, der es aufgefangen hat.«

Wo das geschieht, dass mich in der höchsten Not und Gefahr jemand beim Namen ruft, von dem ich weiß, dass er es absolut gut mit mir meint, dass er mich im Blick hat und meine Rettung will, da springe ich mit Mut und Gelassenheit durch die düsteren Nebel und Rauchschwaden gefährlicher Lebenssituationen in die Arme, die mich Halten und ins Leben zurückholen. Gott sucht mich. Er interessiert sich für mich. Gerade dann, wenn ich durch eigene Entscheidung nicht in die Freiheit, sondern in brenzlige Situationen geraten bin. Bei Gott bin ich keine Nummer, er ruft mich bei meinem Namen. Er nimmt mir die Angst vor dem Nebulosen und dem verhüllenden Rauch des Augenblicks. Wenn ich auf Gottes Einladung den Sprung ins Leben wage, lande ich in rettenden und fürsorglichen Armen. Es gibt in unserem Leben viele Menschen, die unseren Namen mit Achtung, Respekt, Zärtlichkeit, Wohlwollen, Interesse und Hilfsbereitschaft aussprechen. Sie sind Boten der göttlichen Fürsorge und mit Jesus, die „guten Hirten“ meines Lebens.

„Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme“

Dazu ebenfalls eine kurze Geschichte: In der Kurzgeschichte „Geräusch der Grille – Geräusch des Geldes“ von Frederic Hetmann geht es um einen Indianer, der anhand eines einfachen Beispiels zeigt, dass Menschen nur hören, was sie hören wollen.

»Ein Indianer verlässt sein Reservat und besucht einen weißen Freund, der in der Großstadt lebt. Mit der Frage: „Hörst du das auch?“, fängt der Indianer ein Gespräch mit dem Wießen an. Der Indianer hört eine Grille, aber der Weiße nicht. Der weiße Mann meint, dass der Indianer sich täuscht. Deshalb geht der Indianer zur einer Hauswand, schiebt die Blätter weg und in der Mitte zirpt eine Grille. Der Weiße hört dies jetzt auch und er meint, dass die Indianer ein besseres Gehör haben. Der Indianer beweist ihm das Gegenteil. Er greift in seine Tasche, holt ein Geldstück hervor und wirft es auf den Gehsteig. Sofort bleiben mehrere Leute stehen und sehen sich um. „Siehst du, mein Freund, es liegt nicht am Gehör. - Was wir wahrnehmen, liegt ausschließlich an der Richtung unserer Aufmerksamkeit.“ Die Geräusche der Münze und das Zirpen der Grille waren nämlich gleich laut.«

Ist es nicht so: Wir Menschen hören auf das besonders gut, worauf wir zu achten gewohnt sind, worauf unser Sinn gerichtet ist? In einer Zeit, in der sich so viele Stimmen – auch in zerstörerischer und räuberischer Absicht – einschleichen, ist die Unterscheidung der „Stimme“ wichtiger denn je. Täglich begegnen wir einem zunehmenden Gewirr von Argumenten und Parolen menschlicher Intelligenz, die die schlichte Wahrheit des Evangeliums bestreiten oder verdrängen. Ja – da könnte einem manchmal angst und bange werden. Haben Jesu Stimme und Wort bei den vielen Angeboten und Versprechungen, die täglich an unser Ohr dringen, noch eine Chance gehört zu werden? Alles liegt jetzt an der Übereinstimmung mit der Stimme des Hirten. Das fordert gegebenenfalls auch Entschiedenheit – mit dem Preis der Flucht vor der Stimme des Fremden, der Weigerung, allem und jedem zuzuhören. Also nicht Dialog zu jedem Preis. Da könnten dann – um im Bild der ersten Geschichte zu bleiben – das Haus und ich mitverbrannt sein, noch bevor ich den Sprung in Gottes rettende Arme, den Sprung in ein Leben in Fülle gewagt habe.

 

[elisabeth mayr]