Jahrestagung der ARGE Ordensarchive 2020, Tag 1: Corona und kein Stillstand

TEin buntes Pot­pour­ri an Themen bot der erste Tag der diesjährigen Jahrestagung der ARGE Ordensarchive Österreichs am Montag, 12. April. Rund 60 Verantwortliche aus Ordensarchiven in Österreich, Deutschland und den Niederlanden nahmen an der Online-Tagung teil.

Die Veranstaltung diente zum Austausch und zur Wissensvermittlung über aktuelle Entwicklungen im Archivwesen.

Die beiden Hosts der ARGE Jahrestagung: Irene Kubiska-Scharl und Karin Mayer (Leitung) vom Bereich Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften. (c) MayrDie beiden Hosts der ARGE Jahrestagung: Irene Kubiska-Scharl und Karin Mayer (Leitung) vom Bereich Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften. (c) Elisabeth Mayr

Die ARGE Ordensarchive ist im Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordensgemeinschaften angesiedelt. Die Tagung 2021 hätte eigentlich in Salzburg stattfinden sollen, durch Corona ist man allerdings ins Netz ausgewandert, was der Qualität der Beitrage keinen Abbruch tat. 

Einblicke in das Archiv des Klosters Siessen

Dass Ordensarchive auch eine pastorale Funktion haben, verdeutlichte etwa Sr. Benita Gramlich vom Franziskanerinnenkloster Siessen in Deutschland in ihrem Vortrag. Klöster als von ihrem Wesen her "herausgehobene" kirchliche Einrichtungen hätten auch Archive von besonderer Bedeutung, so die Ordensfrau. Auch in ihnen würde sich das Wirken Christi im Laufe der Geschichte dokumentieren. Ordensarchive sollten deshalb nicht nur offizielle Dokumente beinhalten, sondern auch über den Alltag im Kloster berichten, zeigte sich die Archivarin überzeugt. Zuletzt eben auch darüber, wie Ordensleute mit der Pandemie umgehen. Die Zukunft liege dabei sicher in der Digitalisierung älterer und jüngerer Handschriften. Sr. Benita ermutigt in diesem Zusammenhang auch ihre Mitschwestern, ihre Erlebnisse im Orden niederzuschreiben. Diese würden dann in die Archive aufgenommen.

Die Corona-Zeit sinnvoll nützen

Über aktuelle Entwicklungen in den Sammlungen des Stiftes Göttweig referierten die dafür Verantwortlichen Bernhard Rameder und Angelika Kölbl. Wie Rameder berichtet, habe man die Winterzeit bzw. den Lockdown u.a. genützt, die Mineraliensammlung zu reinigen und neu zu ordnen. Dabei habe man auch Mitarbeiter aus dem Corona-bedingt geschlossenen Tourismusbereich "sinnvoll" beschäftigt. Es habe sich u.a. herausgestellt, das ein bedeutender Teil der Sammlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angeschafft worden war.

20210413 ARGE Ordensarchive Rameder Im Lockdown lässt sich etwa die Mineraliensammlung neu ordnen, wie jene im Stift Göttweig. (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Göttweig

Eine wichtige Aufgabe der Mitarbeiter der Sammlungen bestehe darin, so Rameder, neue Erkenntnisse an die Kulturvermittler*innen des Stifts und über diese an die rund 100.000 Besucher jedes Jahr weiterzugeben. Das gehe etwa über spezielle Führungen oder Handouts, seit Neuestem auch über eigene Videos. Wichtig sei zudem, dass man sich wissenschaftliche Expertise ins Haus hole. "Wir können nicht für alles Experten sein", so Rameder, der u. a. eine Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ansprach, bei der mittelalterlichen Handschriften des Stifts digitalisiert und beschrieben werden.

Soldaten im Kloster

Kellerfunde im Stift Göttweig: Graffiti aus dem Jahr 1809. (c) OG/GöttweigKellerfunde im Stift Göttweig: Graffiti aus dem Jahr 1809. (c) Ordensgemeinschaften Österreich/Göttweig

Angelika Kölbl berichtete über Erkenntnisse, die in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit den jährlichen Sonderausstellungen gewonnen wurden. So habe man etwa in einigen Kellerräumen des Klosters Graffiti entdeckt, die aus dem Jahr 1809 stammen dürften. Als "Künstler" komme vor allem ein Soldat der napoleonischen Truppen in Betracht. Die Truppen waren von Mai bis Oktober 1809 im Kloster, "und nun wissen wir, dass sie auch in den Kellerräumen einquartiert waren", so Kölbl. Zu sehen sind beispielsweise Windmühlen, Kirchen und Alltagsszenen von Soldaten. "So wird  Geschichte lebendig", berichtete Kölbl. Von den Graffitis wurden Fotos angefertigt und diese in die Sonderausstellung 2019 "Stift Göttweig als Wehrbau" integriert.

Die aktuelle Jahresausstellung 2021 ist unter dem Titel "Ein Benediktiner als Höhlenforscher um 1900" P. Lambert Karner gewidmet. Lambert Karner (1841-1909) hat mehr als 400 künstliche Höhlen, sogenannte Erdställe, erforscht und seine Erkenntnisse 1903 in dem Buch "Künstliche Höhlen aus alter Zeit" veröffentlicht. - Ein bis in die Gegenwart von Fachleuten geschätztes Pionierwerk. Die rätselhaften, im Mittelalter von Menschen gegrabenen Höhlen, bestehend aus Kammern und winkeligen Verbindungsgängen, faszinierten ihn. Deshalb wollte er seine Forschungen nicht nur schriftlich dokumentieren, sondern auch durch aussagekräftige Bilder untermauern und in der Öffentlichkeit präsentieren. So begleitete ihn von 1896 bis 1898 der Fotograf Emil Wrbata auf seinen Höhlentouren. Ihm gelangen in der Dunkelheit der Erdställe erstaunliche, hochwertige Blitzlichtaufnahmen, die sich bis heute erhalten haben.

Die Sonderausstellung beruht auf einer Kooperation zwischen den Göttweiger Sammlungen und dem Wiener Photoinstitut Bonartes. Anhand von Originalfotografien, Schriftdokumenten und nicht zuletzt von Karners aufwendiger Publikation "Künstliche Höhlen aus alter Zeit" sollen den Besucherinnen und Besuchern die spannenden Entdeckungen und die Pionierleistung des "Höhlenpfarrers" P. Lambert Karner präsentiert werden. (Infos: www.stiftgoettweig.at)

20210413 screenshot 13.4 alle 1Die Teilnehmenden der ARGE Ordensarchive Jahrestagung freuen sich, sich in Coronazeiten zumindest online sehen und austauschen können. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Ein Ordensarchiv übersiedelt

Wie übersiedelt man ein Ordensarchiv von Bregenz nach Wien? - Mit dieser Frage beschäftigte sich Lukas Winder vom Zentraleuropäischen Provinzarchiv der Sacre-Coeur-Schwestern und berichtete über seine Erfahrungen. Schon die langfristig gesicherte Lagerung von Archivmaterial ist eine Herausforderung und Wissenschaft für sich, umso mehr ist es auch der Transport. Da die Schwestern 2019 ihr langjähriges Ordenszentrum Bregenz Riedenburg samt Schulkomplex wegen Personalmangels aufgeben mussten, stand für Anfang 2019 u.a. die Übersiedlung des Archivs nach Wien ins Sacre Coeur-Kloster auf dem Programm. (Das Schulzentrum wurde und wird im Sinne des Charismas der Schwestern von der "Vereinigung von Ordensschulen Österreichs" (VOSÖ) weitergeführt.). Mehr als insgesamt 200 Laufmeter Archivgut, Bibliotheksbestände und weiteres Interieur mit einem Versicherungswert von rund 2,5 Millionen Euro übersiedelten in speziellen Transportboxen, in einfachen Bananenschalen, aber jedenfalls im klimatisierten Transporter vom äußersten Westen Österreichs in den Osten. Im Kloster am Wiener Rennweg hat das Provinzarchiv seit dem Frühjahr 2019 eine neue Heimat gefunden.

Die Jahrestagung der ARGE Ordensarchive, die von ihrem Vorsitzenden Gerald Hirtner (Archivar der Erzabtei St. Peter in Salzburg) und von Karin Mayer, Leiterin des Bereichs Kultur und Dokumentation in der Österreichischen Ordenskonferenz, geleitet wird, dauert noch bis Mittwoch. Der Montag endete mit Impulsen von P. Peter van Mejil, Ordenshistoriker der Salvatorianer, der aus dem Klassiker "Der Kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry ins Heute übersetzt.

Zum Bericht der Jahrestagung Ordensarchive Tag 2 & 3

Quelle: Kathpress

[elisabeth mayr]