Kultur & Dokumentation

Studientag Archive: Kontinuitäten und Umbrüche im Archivwesen

Am 31. Jänner 2022 fand der Online-Studientag der Archive zum Thema „Kontinuität und Umbrüche im Archivwesen“ statt. Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten den Ausführungen der Expertinnen und Experten online via Zoom.

Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten den spannenden Vorträgen der ExpertInnen. (c) ÖOK

Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten den spannenden Vorträgen der ExpertInnen. (c) ÖOK

Die Fachgruppe der Archive der anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften im Verband Österreichischer Archivarinnen und Archivare (VÖA), der Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, die ARGE der Diözesanarchive Österreichs und das Archiv der Erzdiözese Salzburg waren die Veranstalter der Tagung.

Unter den hochkarätigen Vortragenden waren Kirchenhistoriker und Theaterwissenschaftler P. Alkuin Schachenmayr zum Thema „Der Archivar als Chronist“, Stephan Biebl über Schädlingsbekämpfung in Archiven und Christine Gigler, sie stellte die neue kirchliche Archivordnung Österreichs (KAO-Ö) vor.

P. Alkuin Schachenmayr sprach zum Thema: "Der Archivar als Chronist. Vom Umgang mit dem annus horribilis 2020 in einer Ordensgemeinschaft" (c) ÖOK

P. Alkuin Schachenmayr sprach zum Thema: "Der Archivar als Chronist. Vom Umgang mit dem annus horribilis 2020 in einer Ordensgemeinschaft" (c) ÖOK

Vorbild mittelalterliche Frauenchroniken

P. Alkuin Schachenmayr aus der Erzabtei St. Peter ging in seinem Vortrag auf die wichtige Rolle von Archivarinnen und Archivare als Chronisten ein, außerdem blickte er auf die aktuelle Corona-Pandemie und dabei entstehende Herausforderungen für Chronisten.

Der Beruf des Chronisten war vor allem für die Geschichtsschreibung des Mittelalters von großer Bedeutung. Dabei waren Klosterchroniken oft die Hauptquelle für die weltliche und kirchliche Geschichtsschreibung. Im Laufe der Zeit habe man nach und nach festgestellt, dass es die Chroniken der Frauenorden waren, die aus dem altbekannten Muster ausbrachen. „Lange galten Chroniken von Frauenorden als uninteressant, bis man plötzlich feststellte, dass hier ein sehr detailreicher und größerer Einblick in verschiedene Dimensionen des Lebens geboten wurde“, so der Kirchenhistoriker. Es zeigte sich ein Übergang von einer nüchternen Berichterstattung hin zu einem literarischen Niveau: Mystik aber auch Abschriften von Predigten kamen vor. „Nehmen wir uns ein Vorbild an den mittelalterlichen Frauenchroniken und haben wir den Mut, Abwechslung in die Chroniken zu bringen – verschiedene Textgattungen, Theaterstücke, Reformprotokolle usw.“, ermutigte P. Alkuin die TeilnehmerInnen lebendige und persönliche Chroniken zu schreiben.

Digitalisierung: Gefahr von Lücken in Archiven

P. Alkuin bekräftigte, dass wir heute im Zeitalter der Digitalisierung vor dem Risiko größerer Lücken stehen. Es sei ein Trugschluss, dass in der digitalen Welt alles besser dokumentiert sei als vor 50 Jahren. Ganz im Gegenteil, wir hätten es mit einem Schwund an Dokumentation zu tun, denn Digitales werde aktuell in Archiven noch schlecht erfasst. Hier brauche es noch einige Jahre an Forschung und Praxiserfahrung, erklärte der Experte. Sein Appell lautete daher: „Eher Weggehen von digitalen Objekten zur Archivierung der Klosterchronik und stattdessen lieber zum altmodischen Objekt in Form eines gebundenen Buches zurückgreifen.“

Lifeblogging und Scrapbooking

„Lifeblogging“ und „Scrapbooking“, zwei modische Umschreibungen von klassischen Begriffen wie Annalen, Chroniken oder Diarien, seien laut P. Alkuin geeignete Methoden, um den persönlichen, intimen Aspekt der Chroniken zu unterstreichen. „Es handelt sich um eine Kunstform, die uns als Chronisten Freude machen soll. Denn, wenn man Freude an der Sache entwickelt, geht sie auch weiter und hält länger“, ist P. Alkuin Schachenmayr überzeugt. Zu einem Scrapbook gehöre etwa auch, Fotos auszudrucken und mit Fotoecken einzukleben oder Zeitungsartikel auszuschneiden und einkleben.

Eine Pandemie in Chroniken festhalten

Mit Blick auf das „annus horribilis 2020“ empfiehlt P. Alkuin ein Interview mit jemanden aus der Gemeinschaft zu machen und zu fragen: Was macht Dir Sorgen? Was frustriert Dich? Was enttäuscht Dich? Was geht Dir seit März 2020 am meisten ab? Was ist Deine erste Erinnerung an den Anfang der Pandemie? Was gibt Kraft und Erholung und Perspektive während der Pandemie? Das Interview kann zum Beispiel mit Zeitungsausschnitten, Todesanzeigen ergänzt werden.

Stephan Biebl ging in seinem Vortrag auf Papierschädlinge und Integriertes Schädlingsmanagement (IPM) in Archiven und Bibliotheken ein. (c) ÖOK

Stephan Biebl ging in seinem Vortrag auf Papierschädlinge und Integriertes Schädlingsmanagement (IPM) in Archiven und Bibliotheken ein. (c) ÖOK

Den Schädlingen auf der Spur: Integriertes Schädlingsmanagement

Stephan Biebl, Sachverständiger für Museumsschädlinge, gab in seinem Vortrag einen Überblick über die verschiedenen Papierschädlingen und erklärte, wie ein integriertes Schädlingsmanagement (IPM) aussehen kann. Zu den bekanntesten Papierschädlingen zählen u.a. Brotkäfer, Nagekäfer (kleiner Holzwurm), Motten, Schimmelpilze, Holzzerstörende Pilze sowie Wohnungs- und Papierfischchen.

Was kann man gegen diese Papierfresser tun? Ein integriertes Schädlingsmanagement ist laut dem Experten von großer Bedeutung und beinhaltet mehrere Punkte:

  1. Vermeiden: Am besten ist es, wenn alles unternommen wird, dass die Schädlinge erst gar nicht ins Haus kommen.
  2. Aussperren: z.B.: Palette mit Papierlieferung in Quarantäne geben.
  3. Bestimmung: Um welchen Schädling handelt es sich tatsächlich? Erst dann kann man den Schädling auch richtig bekämpfen.
  4. Isolieren: Erst wenn klar ist, welcher Schädling es ist und welche Möglichkeiten es gibt:
  5. Bekämpfen!

Früher wurden sehr rasch Chemikalien und Gase zur Bekämpfung angewandt. Von diesem Vorgehen sei man heute weit entfernt, erklärt Stephan Biebl und ergänzt: „Es gibt viele gute Möglichkeiten – von Klebefallen, Lebendfallen, Gel-Köder bis hin zu Kälte- oder Wärmebehandlung und Sauerstoffentzug –, um den Schädlingen heutzutage den Kampf anzusagen.“ Und ein Blick in die Zukunft zeigt, dass es evtl. sogar bald möglich sein könnte, mit Unterstützung von Hunden auf Schädlingssuchen gehen zu können.

Der Experte rät auch unbedingt zu einer Klima-Überwachung. Die Kontrolle von Temperatur und Luftfeuchtigkeit sei ganz wichtig, um einen Schädlingsbefall zu vermeiden oder in den Griff zu bekommen. So wachsen zum Beispiel bei 3 Grad keine Schimmelpilze.

Mehr Informationen und hilfreiche Tipps: https://museumsschaedlinge.de/

Christine Gigler die neue KAO-Ö 2021 - eine zeitgemäße Ordnung für die Diözesanarchive - vor. (c) ÖOK

Christine Gigler die neue KAO-Ö 2021 - eine zeitgemäße Ordnung für die Diözesanarchive - vor. (c) ÖOK

Neue kirchliche Archivordnung für Österreich (KAO-Ö)

Christine Gigler vom Archiv der Erzdiözese Salzburg stellte in ihrem Vortrag die neue kirchliche Archivordnung für Österreich (KAO-Ö) vor – eine zeitgemäße rechtliche Grundlage zur Erfüllung der vielfältigen Aufgaben. Sie ersetzt die bisher geltende "Ordnung zur Sicherung und Nutzung der Archive der Katholischen Kirche in Österreich" aus dem Jahr 1997/98.  2014 fand eine Novellierung der Kirchlichen Archivordnung in Deutschland statt. An diese Novellierung aus Deutschland und zusätzlich an die Landesarchivgesetze orientierte sich die Arbeitsgruppe „Archivordnung NEU“ in Österreich für die Erstellung der KAO-Ö. Nach mehreren Verzögerungen und mit Unterbrechung durch die Covid-19-Pandemie trat am 1. Juni 2021 mit der Veröffentlichung im Amtsblatt der Österreichischen Bischofskonferenz die neue kirchliche Archivordnung Österreich in Kraft.

Die KAO-Ö besteht nun aus 13 Paragrafen (plus Präambel), hat einen neuen Aufbau und Anpassungen in der Archivterminologie – manche Begriffe wurden neu aufgenommen oder präzisiert.

Mehr Informationen dazu: https://eds.at/archiv/dioezesanarchiv/rechtsgrundlage

Fachgruppe der Archive der anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften

Am 1. Dezember 2006 wurde die Errichtung der Fachgruppe der Archive der anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Generalversammlung des Verbands Österreichischer Archivarinnen und Archivare (VÖA) beschlossen. Den Anlass hierzu bildete der gemeinsame Wunsch der beiden Arbeitsgemeinschaften Diözesan- und Ordensarchive nach einer verstärkten Kooperation und einer fachübergreifenden Diskussion einschlägiger archivwissenschaftlicher Themen. Die erste konstituierende Sitzung fand im November 2007 statt, 2022 feiert die Fachgruppe nun ihr 15-jähriges Bestehen. Der zwölfte Studientag mit einem Potpourri an Referatsthemen repräsentierte das breite Spektrum im kirchlichen Archivwesen und unterstrich die Notwendigkeit des gemeinsamen Austauschs einmal mehr.


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[renate magerl]

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