Ordensnachrichten 2008/4 - Zum Geleit

Ordensnachrichten 2008 Heft 4

 

Geleitwort von P. Erhard Rauch SDS
Generalsekretär der Österreichischen Superiorenkonferenz

„Leidenschaft für Christus, Leidenschaft für die Menschen. Welchen Beitrag für Europa leistet unser Leben in Gemeinschaft?“

Das war das Thema der 13. Generalversammlung der europäischen Superiorenkonferenz vom 11. bis 17. Februar 2008 im belgischen Torhout bei Brügge. Delegierte aus 38 Ordenskonferenzen aus 26 Ländern Europas, die ca. 400.000 Ordensfrauen und –männer in Europa vertreten, kamen zu dem alle zwei Jahre stattfindenden Treffen zusammen. Die Versammlung diente vor allem dem Austausch von Überlegungen und Aktivitäten mit Blick auf ein gegenseitiges Kennenlernen und eine bessere Zusammenarbeit. Mit Hilfe von Experten wie dem Dominikanerpater Jean-Claude Lavigne haben die Tagungsmitglieder über den Sinn des in Gemeinschaft gelebten Ordenslebens nachgedacht. Als Ort der Geschwisterlichkeit und der Communio im Glauben und in der Solidarität ist das Ordensleben ein Zeichen dafür, dass Versöhnung und Hoffnung innerhalb der Gesellschaft möglich sind. Das dreiteilige Referat von P. Lavigne bildet den Auftakt dieser Ausgabe der Ordensnachrichten (Seite 3 bis 26).

Begonnen hat diese erfreuliche und so fruchtbare Zusammenarbeit der europäischen Ordenskonferenzen 1972 in Österreich. Der damalige Generalsekretär der österreichischen Superiorenkonferenz, Abt Isfried Franz, hatte erstmals die Generalsekretäre Mitteleuropas in das Stift Klosterneuburg eingeladen, wo es auch zu regelmäßigen Begegnungen mit Ordensvertretern aus kommunistischen Ländern Osteuropas kam. Hauptthema dieser dann jährlich stattfindenden „Clubtreffen“ war der Austausch über die Situation der Orden nach dem Zweiten Vatikanum und die „zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens“. Die erste Generalversammlung der „Union der europäischen Konferenzen der höheren Obern und Oberinnen“ (UCESM = Unio Conferentiarum Europae Superiorum Maiorum) fand dann im Jahr 1981 statt. Bedeutsam ist, dass nach dem Modell der lateinamerikanischen Ordenskonferenz CLAR die Ordensmänner und –frauen nun auf gleicher Ebene zusammenarbeiten. Die Ziele sind seitdem unverändert: Stärkung des Zeugnisses des Ordenslebens im zusammenwachsenden Europa, Vertretung der Ordensmänner und –frauen, gegenseitige Unterstützung und Verstärkung der Zusammenarbeit, Förderungen der Beziehungen zu den anderen kirchlichen Gremien und europäischen Institutionen …

Mitgestalter und unermüdlicher Promotor der UCESM von der ersten Stunde an ist P. Leonhard Gregotsch, zunächst als Assistent von Abt Isfried Franz und dann ab 1979 als dessen Nachfolger als Generalsekretär der Österreichischen Superiorenkonferenz. Fünf Jahre lang, von 1983 bis 1989 war er zugleich Generalsekretär der UCESM. Große Verdienste hat er sich bei der Gestaltung der 10. Generalversammlung der UCESM im November 2001 in Salzburg erworben. Wie kein zweiter ist P. Gregotsch berufen, über das Werden und Wirken der Union der europäischen Superiorenkonferenzen zu berichten (Seite 27 bis 37).

„Wir Ordensleute fühlen uns als Söhne und Töchter Europas mit seiner oft dornenvollen Geschichte … Wir glauben, dass das vom Evangelium geprägte religiöse Gemeinschaftsleben die Sendung einschließt, auf das Reich Gottes hinzuweisen. Für diese Sendung sind neue Wege zu finden: eine anspruchsvolle Präsenz unter den Menschen, eine wachsende Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und den Laien, eine neue Sprache, die eine Sprache der Hoffnung, Solidarität und Barmherzigkeit ist“ (aus der Botschaft der 13. Generalversammlung der UCESM, vgl. ON 2, Seite 64 f.).

Eine Exkursion führte die Teilnehmer in das nahe gelegene Ypern, einem der schlimmsten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs mit vielen hunderttausenden Toten, wo zum ersten Mal auch Giftgas eingesetzt wurde. Noch nie gab es zwischen den Völkern Europas eine so lange Friedenszeit wie die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute. Diese Friedensepoche haben wir in erste Linie dem europäischen Einigungswerk zu verdanken. Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat in einer bemerkenswerten Ansprache im Mai 2008 in Warschau daran erinnert, dass die „Wiedervereinigung Europas“ nicht vom Himmel gefallen ist, sondern das Ergebnis und die Frucht von engagierten Menschen, die sich dafür einsetzen. Menschen, die vom Feuer des Evangeliums ergriffen und von der Leidenschaft für Christus entflammt sind, würden eben keine Grenzen kennen. „Sie sind tätig für das Heil der Menschen und für das Lob Gottes ohne jegliche Differenzierung nach Staats- und Volkszugehörigkeit. Deshalb war es auch kein Zufall, dass die europäische Einigung von zutiefst gläubigen Christen initiiert und betrieben wurde.“ Solche Menschen brauchen wir heute, um Brücken zwischen den Völkern unseres Kontinents zu bauen und die politische Einigung Europas konstruktiv und positiv zu gestalten. Wir alle haben die Möglichkeit dazu, Europa eine Zukunft zu geben in Frieden und Sicherheit, eine Zukunft, die die Würde des Menschen achtet und für Gott und sein Wirken offen ist. Mir scheint, die Ordensleute Europas sind da auf einem guten Weg.

Wien, im August 2008